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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
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Welt16. September 2026

Das imperiale Denken Russlands bleibt bestehen: Wie jahrhundertealte Expansion das heutige Kreml prägt

Ein politischer Geograf erklärt, warum die imperiale Logik des 16. Jahrhunderts nach wie vor die russische Sicherheitspolitik bestimmt.

Das imperiale Denken Russlands bleibt bestehen: Wie jahrhundertealte Expansion das heutige Kreml prägt

Michael Romancov, politischer Geograf an der Karls-Universität in Prag, erklärte dem Deník N, dass der russische Staat die imperiale Logik, die Mitte des 16. Jahrhunderts entstand, nie aufgegeben habe. Die gleichen Ideen, die einst die Eroberung von Kasan und Sibirien rechtfertigten, bilden heute die Grundlage für das Vorgehen des Kremls in der Ukraine, im Arktisraum und in den Beziehungen zum Westen.

Vom Moskauer Fürstentum zur kontinentalen Macht

Romancov, dessen Interview für einen Podcast aufgezeichnet wurde, zeichnet die Entwicklung Russlands vom Moskauer Fürstentum zu einem kontinentalen Imperium nach und untersucht, warum die Größe dieses Imperiums sowohl Stärke als auch chronische Schwäche darstellt. Er warnt, dass das Fortbestehen einer expansionistischen Erzählung die zukünftigen Aktionen des Kremls schwerer vorhersehbar machen könnte und dass europäische Entscheidungsträger die historischen Wurzeln der russischen Sicherheitsdoktrin verstehen müssen.

Der Begriff "Russisches Reich" wurde offiziell erst 1721 nach Peter der Großen' Sieg über Schweden verwendet, doch der Prozess der imperialen Expansion begann deutlich früher. In den 1550er‑Jahren eroberte Moskau die Khanate Kasan und Astrachan, ehemalige Fragmente der Goldenen Horde, die lange die Steppe beherrschten. Die Eroberung dieser tatarischen Staaten markierte laut Romancov den Moment, in dem der Moskauer Staat vom bloßen Sammeln der Rus‑Gebiete zum aktiven Kolonisieren neuer Territorien überging.

Die frühere Phase unter Iwan III. und Iwan IV. (der Schreckliche) diente der Konsolidierung eines Kerns um Moskau, der Beseitigung von Rivalen wie Nowgorod und der Schaffung eines einheitlichen politischen Zentrums. Sobald dieser Kern gesichert war, wandte sich der Staat nach außen, getrieben von der Überzeugung, dass ein großes Land für die Sicherheit in einer feindlichen Nachbarschaft unerlässlich sei.

Warum Größe sowohl Segen als auch Bürde war

Romancov betont ein Paradoxon, das Russland seit Jahrhunderten verfolgt: Die Weite des Imperiums verschaffte Zugang zu wertvollen Ressourcen, zunächst Pelze aus Sibirien, später Öl und Gas, brachte jedoch auch ein administratives Albtraum‑Problem mit sich. Die Verwaltung eines Gebiets, das zwischen 1552 und 1914 im Schnitt um 110 km² pro Tag wuchs, erforderte eine Bürokratie, die mit den enormen Entfernungen nicht Schritt halten konnte.

Um diesen Mangel auszugleichen, holten russische Herrscher ausländische Experten, vor allem aus Westeuropa, um Wissen über Schießpulver, Artillerie und später Eisenbahnbau zu importieren. Dennoch kämpfte das Imperium mit niedrigen Analphabetisierungsraten und einem Mangel an ausgebildeten Verwaltungsangestellten, ein Problem, das bis in die Sowjetzeit reichte und sich heute in den regionalen Ungleichheiten widerspiegelt.

Religion als Rechtfertigung der Eroberung

Romancov verknüpft das russische Imperium mit der Idee Moskaus als "drittes Rom". Nach dem Fall Konstantinopels 1453 behaupteten russische Kleriker und Herrscher, dass der orthodoxe Glaube ein neues Zentrum benötige, und Moskau stellte sich selbst als dieses Licht dar. Dieses religiöse Selbstbild verlieh der Annexion muslimisch‑bevölkerter Gebiete wie Kasan eine moralische Hülle; dort wurden Moscheen in orthodoxe Kathedralen umgewandelt, ein symbolischer Gegenstoß zur osmanischen Einnahme der Hagia Sophia.

Romancov bemerkte, dass dieses Muster den spanischen und portugiesischen Eroberungen in Amerika ähnelt, wo die Verbreitung des Christentums zur Legitimation der Enteignung indigener Länder diente. In beiden Fällen präsentierten sich die Eroberer als zivilisierende Kräfte, ein Narrativ, das die Gewalt und Vertreibung der Expansion verschleierte.

Von sibirischen Pelzen zu arktischen Kohlenwasserstoffen

Die frühe russische Wirtschaft beruhte stark auf dem Pelzhandel, der sibirische Jäger mit Märkten in Europa und China verband. Romancov argumentiert, dass dieselben abgelegenen Gebiete, die einst Pelze lieferten, später die wertvollsten Energieressourcen des Landes wurden. Die Entdeckung von Öl und Erdgas in der Arktis und im westlichen Sibirien verwandelte die Größe des Imperiums in einen strategischen Vorteil, verstärkte jedoch auch den Wettbewerb mit dem Westen um den Zugang zu diesen Ressourcen.

Er warnt, dass der gegenwärtige Fokus des Kremls auf die Arktis nicht nur klimatische oder ökologische Fragen betrifft; er ist eine Fortsetzung des jahrhundertealten Glaubens, dass die Kontrolle über weite, dünn besiedelte Grenzgebiete für nationale Sicherheit und Prestige unverzichtbar ist.

Wie das imperiale Narrativ die moderne Sicherheitsdoktrin prägt

Romancov erklärt, dass das russische Sicherheitdenken weiterhin auf der Annahme beruht, dass ein großes, bufferreiches Territorium nötig ist, um feindliche Mächte abzuwehren. Diese Denkweise erklärt, warum der Kreml die NATO‑Osterweiterung als existenzielle Bedrohung wahrnimmt und warum er stark auf wahrgenommene Eingriffe im "nahen Ausland" reagiert.

Er weist darauf hin, dass die Sowjetunion das imperiale Sicherheitsverständnis geerbt habe und dass nach dem Zerfall der UdSSR viele russische Eliten den Verlust ehemaliger Satellitenstaaten weiterhin als strategisches Desaster betrachteten. Der Wunsch, Einfluss über frühere Territorien, sei es in der Ukraine, im Baltikum oder in Zentralasien, wiederherzustellen, lässt sich daher eher als Fortsetzung einer imperialen Sicherheitslogik denn als rein nationalistisches oder wirtschaftliches Kalkül lesen.

Europäische Implikationen

Für europäische Regierungen bedeutet Romancovs Analyse, dass diplomatische Bemühungen die tief verwurzelte Überzeugung berücksichtigen müssen, dass Größe Sicherheit bedeutet. Politiken, die sich ausschließlich auf wirtschaftliche Anreize oder militärische Abschreckung stützen, könnten die kulturellen und historischen Triebkräfte russischen Handelns übersehen.

Er fordert die EU zu einem nuancierteren Ansatz auf, der entschiedene Unterstützung für die Souveränität benachbarter Staaten mit Initiativen kombiniert, die die wirtschaftlichen Anreize Russlands, Ressourcen in umstrittenen Regionen zu suchen, mindern. Insbesondere könnte die europäische Energiewende Russlands Einfluss auf die europäischen Energiemärkte verringern, vorausgesetzt, alternative Lieferungen werden gesichert und die Kostenlast fällt nicht auf die Haushalte.

Was der Kreml sagt

Das russische Außenministerium hat seine Aktionen im Schwarzen Meer und in der Arktis wiederholt als defensiv dargestellt und argumentiert, dass die NATO‑Präsenz die russischen Grenzen bedrohe. Kreml‑Sprecher Dmitri Peskow behauptet, Russland schütze lediglich legitime Interessen und jede externe Druckausübung sei ein Versuch, einen souveränen Staat einzudämmen.

Romancov warnt, dass solche Aussagen in einer imperialen Weltsicht verwurzelt seien, die die Welt als Nullsummenspiel begreift, in dem jeder Gewinn der einen Seite einen Verlust der anderen bedeutet. Diese Perspektive erschwere Kompromisse, weil das Zugestehen von Boden als Schwächung des Imperiums wahrgenommen werde.

Union‑ und Arbeitsperspektiven

Aus Arbeitnehmersicht hat das imperiale Erbe gemischte Folgen. Einerseits schuf die Ausbeutung sibirischer Ressourcen Arbeitsplätze in der Rohstoffindustrie, oft unter harten Bedingungen und mit begrenzten Vorteilen für die lokalen Gemeinschaften. Andererseits hat die Konzentration von Reichtum in Moskau und Sankt Peterburg zu ausgeprägten regionalen Ungleichheiten beigetragen, ein Muster, das unter dem aktuellen Regime weiterbesteht.

Gewerkschaften in Russland kämpfen mit rechtlichen Beschränkungen und Repressionen, um die staatliche Narrative zu hinterfragen. In Europa fordern Arbeitsorganisationen strengere Sanktionen gegen russische Energieimporte, weil sie glauben, dass das Abschneiden von Einnahmequellen die Fähigkeit des Kremls zur Finanzierung militärischer Operationen schwächen könnte, gleichzeitig aber darauf drängen, dass Sanktionen gezielt eingesetzt werden, um die normalen russischen Arbeiter nicht zu belasten.

Potenzielle Rissstellen

Romancov warnt, dass das imperiale Denken zu internen Spannungen führen könne. Die Verwaltung eines Territoriums, das sich über elf Zeitzonen erstreckt, erfordert massive Infrastrukturinvestitionen, doch der russische Staat priorisiert häufig Militärausgaben gegenüber sozialen Leistungen. Dieses Ungleichgewicht nährt Unzufriedenheit in peripheren Regionen, wo die Bevölkerung sich vernachlässigt fühlt und separatistische Tendenzen entstehen können.

Er nennt die Proteste 2022‑23 im Fernen Osten gegen den Bau eines Kernkraftwerks als Beispiel dafür, wie lokale Beschwerden mit Moskaus strategischen Ambitionen kollidieren. Wenn der Staat weiter expansionistische Projekte verfolgt, ohne die sozioökonomischen Bedürfnisse seiner Bürger zu adressieren, könnte das Paradoxon der Größe zum Katalysator für Instabilität werden.

Ausblick

Romancov schließt, dass die historische Logik des russischen Imperiums nicht über Nacht verschwinden wird. Die Herausforderung für Europa besteht darin, Politiken zu entwickeln, die die tief verwurzelte Natur dieser Logik anerkennen, gleichzeitig die Rechte kleinerer Staaten und das Wohlergehen gewöhnlicher Menschen auf beiden Seiten der Grenze schützen.

Er schlägt drei praktische Schritte vor: Erstens, eine glaubwürdige Verteidigungsposition in Osteuropa aufrechterhalten; zweitens, die Diversifizierung der Energieversorgung der EU beschleunigen, um die Abhängigkeit von russischen Kohlenwasserstoffen zu reduzieren; drittens, die Zivilgesellschaft und unabhängige Medien in Russland und dessen Nachbarschaften unterstützen, um Alternativen zur staatlich kontrollierten Narrative der unvermeidlichen Expansion zu bieten.

Nur indem Europa die historischen Triebkräfte russischen Verhaltens konfrontiert, könne es hoffen, dass die alten imperialen Ambitionen nicht zu neuen Krisen werden.

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