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Vol. XV · N°258
Dienstag, 15. September 2026
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Kultur14. September 2026

Europäische Rechtspopulisten stellen Frauenrechte zu Femizid, Abtreibung und Familienpolitik infrage

Rechtsextreme Parteien in Italien, Deutschland, Skandinavien und Südeuropa nutzen feministische Rhetorik, um Gesetze zu pushen, die die Rechte von Frauen einschränken.

Europäische Rechtspopulisten stellen Frauenrechte zu Femizid, Abtreibung und Familienpolitik infrage

Roberto Vannacci, Vorsitzender der italienischen Rechtspopulisten Futuro Nazionale, fordert die Streichung des Femizid-Delikts aus dem Strafgesetzbuch. Er argumentiert, dass "ein Verbrechen nicht mehr oder weniger schwer ist, je nach Geschlecht, Hautfarbe oder Religion des Täters oder Opfers". Der Vorschlag kommt weniger als ein Jahr, nachdem das italienische Parlament einstimmig eine spezielle Straftat für geschlechtsbezogene Tötungen eingeführt hat.

Vannaccis Position löst Besorgnis bei Frauenorganisationen und Rechtsexperten aus, die warnen, dass das Weglassen dieser Kategorie den Schutz von Frauen, die überproportional von Gewalt durch Partner*innen betroffen sind, schwächen könnte. ISTAT‑Daten, die von einer Analystin des Sphera Network zitiert werden, zeigen, dass die Gesamtzahl der Morde in Italien 2023 um 15 Prozent sank, während die Zahl der Morde an Frauen durch aktuelle oder ehemalige Partner stabil blieb.

Politische Folgen in Rom

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni distanziert sich von Vannaccis Äußerungen und präsentiert sich als Frau, die "Frauen verteidigt", obwohl sie sich nie als Feministin bezeichnet hat. Ihre Regierung fördert weiterhin ein traditionelles Familienmodell und hat zuletzt ein Gesetz unterstützt, das anti‑abtreibungs‑Aktivist*innen den Zugang zu öffentlichen Kliniken, in denen Abtreibungen durchgeführt werden, erlaubt. Kritiker*innen argumentieren, dass diese Maßnahme Frauen, die eine Abtreibung suchen, Einschüchterung und psychischen Druck aussetzt.

Melonis Partei Fratelli d'Italia unterstützt zudem Gesetzesinitiativen, die die Abtreibungsregeln verschärfen und ein Bild von Mutterschaft propagieren, das auf häusliche Pflege statt auf Teilhabe am Arbeitsmarkt ausgerichtet ist. Diese Politik‑Mischung zeigt, wie rechtspopulistische Rhetorik ein breiteres Programm zur Einschränkung der Autonomie von Frauen verdeckt.

Deutschlands regionaler Angriff auf Abtreibung

In Deutschland hat die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahl in Sachsen‑Anhalt gewonnen. Während das nationale Parteiprogramm vorsieht, Abtreibungen nur noch in Fällen von Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Frau zu erlauben, geht die regionale Agenda noch weiter. AfD‑Abgeordnete planen, die vor‑abtreibungs‑Beratung zu überarbeiten und Berater*innen dazu zu drängen, Frauen zu einer Fortsetzung der Schwangerschaft zu bewegen, anstatt neutrale Informationen zu geben.

Ein solcher Wandel würde ein Bundesgesetz erfordern, doch die regionalen Ambitionen der Partei signalisieren die Bereitschaft, die Grenzen des relativ liberalen deutschen Reproduktionsrechts zu testen. Frauenrechtsgruppen befürchten, dass dies einen abschreckenden Effekt auf den Zugang zu sicheren Abtreibungen haben könnte, insbesondere in einem Bundesland, in dem medizinische Leistungen bereits ungleich verteilt sind.

Skandinavien und Südeuropa: subtile, aber klare Rückschritte

In Finnland hat die rechtspopulistische Finns Party Vorschläge blockiert, die den Wiedereinstieg von Frauen nach der Geburt erleichtern würden, mit der Begründung, solche Maßnahmen die traditionelle Familienstruktur untergraben. Die Opposition argumentiert, dass diese Haltung die Gleichstellung der Geschlechter im Lohnbereich behindert und Mütter in unbezahlte Pflegerollen drängt, wodurch die Geschlechterlücke auf dem Arbeitsmarkt weiter wächst.

Weiter südlich hat das französische Rassemblement National unter der Führung von Marine Le Pen den Fokus von offener anti‑abtreibungs‑Rhetorik auf eine Kampagne gegen den islamischen Schleier verlagert. Le Pen hat Geldstrafen für Frauen vorgeschlagen, die den Schleier in der Öffentlichkeit tragen, und behauptet, die Maßnahme würde "Frauen schützen und befreien" von "islamistischer" Ideologie. Menschenrechtsaktivist*innen warnen, dass der Vorschlag eine bestimmte Gruppe von Frauen diskriminiert, die Meinungsfreiheit einschränkt und soziale Ausgrenzung vertieft.

Der französische Fall veranschaulicht, was die US‑Wissenschaftlerin Sara R. Farris als "Femonationalism" bezeichnet: die Aneignung von Frauenrechtssprache, um xenophobe oder anti‑immigrantische Politiken zu rechtfertigen. Indem sie sich als Verteidigerinnen von Frauen positionieren, können rechtspopulistische Parteien Wähler*innen anziehen, die sich um Gleichstellung sorgen, während sie gleichzeitig ein restriktives Programm vorantreiben.

Spanien und das breitere europäische Bild

In Spanien propagiert die Partei Vox, obwohl sie weniger lautstark zum Schleierthema Stellung nimmt, weiterhin ein "Familie zuerst"‑Narrativ und lehnt Maßnahmen ab, die die Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten erleichtern. Das Parteiprogramm stellt sich ein Haushalt vor, in dem ein männlicher Ernährer das Oberhaupt ist und die Mutter zu Hause bleibt, ein Modell, das den EU‑Richtlinien zur geschlechtergerechten Elternzeit entgegensteht.

Auf dem gesamten Kontinent zeichnet sich ein klares Muster ab: Rechtspopulisten entfernen sich von offen misogynistischer Sprache und präsentieren sich stattdessen als Beschützerinnen der Interessen von Frauen. In der Praxis jedoch untergraben die von ihnen geförderten Politiken, Einschränkung des Zugangs zu Abtreibungen, Reduzierung von Kinderbetreuungsunterstützung und Durchsetzung traditioneller Rollenbilder, genau die Rechte, die sie zu verteidigen vorgeben.

Gewerkschaftliche Gegenmaßnahmen und Ausblick

Europäische Gewerkschaften haben koordinierte Kampagnen gestartet, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Der Europäische Gewerkschaftsbund (ETUC) fordert einen kontinentalen Schutz der Gesetze gegen geschlechtsbezogene Gewalt und warnt, dass das Abschwächen solcher Schutzmechanismen einen Präzedenzfall für andere Mitgliedstaaten schaffen könnte. In Italien hat die CGIL Proteste vor dem Parlament organisiert und verlangt, dass der Femizid als eigenständiges Delikt erhalten bleibt.

In Deutschland hat die Ver.di eine rechtliche Anfechtung der Reformen zur vor‑abtreibungs‑Beratung in Sachsen‑Anhalt eingereicht und argumentiert, dass sie die verfassungsrechtliche Garantie der persönlichen Freiheit verletzen. Finnische Gewerkschaften lobbyieren bei der Regierung, um die Reformen zur Rückkehr in die Kinderbetreuung wieder einzuführen, und berufen sich dabei auf EU‑Ziele zur Gleichstellung der Geschlechter.

Diese Aktionen verdeutlichen das wachsende Bewusstsein, dass der Kampf um Frauenrechte nun eine zentrale Front im breiteren Konflikt zwischen progressiven europäischen Politiken und einer wiedererstarkenden Rechtspopulistik bildet, die soziale Normen neu definieren will.

Für Entscheidungsträger*innen besteht die Herausforderung darin, den Respekt für kulturelle und religiöse Vielfalt mit dem Schutz grundlegender Rechte zu vereinbaren. Die Europäische Kommission hat ihre Absicht signalisiert, die Gesetzgebung der Mitgliedstaaten zu überwachen, die die Gleichstellung der Geschlechter gefährden könnte, doch die Durchsetzungsinstrumente bleiben begrenzt.

Mit bevorstehenden Wahlen in mehreren EU‑Ländern könnte die Strategie der Rechtspopulisten, feministische Sprache zu vereinnahmen, zwar wahltechnisch erfolgreich sein, birgt jedoch das Risiko, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen und hart erkämpfte Fortschritte für Frauen rückgängig zu machen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob europäische Institutionen und die Zivilgesellschaft eine koordinierte Verteidigung der geschlechtsbezogenen Rechte gegen eine Welle von Gesetzen aufbauen können, die nach außen hin Frauen fördern, in Wirklichkeit jedoch das Gegenteil bewirken.

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