Torfbrände in Belgien und England vernichten Kohlenstoffspeicher und bedrohen europäische Klimaziele
Waldbrände in den Hochmooren von Belgien und dem Great Fen in England haben in wenigen Tagen mehr als 3 000 Hektar torfreiche Landschaften zerstört und damit enorme Mengen CO₂ freigesetzt.
Einige der Feuer hier sind inzwischen ein oder zwei Meter tief, erklärte Lorna Parker, Projektleiterin des Great‑Fen‑Renaturierungsprojekts, gegenüber der Presse. Die Aussage verdeutlicht das Ausmaß der Brände, die Ende Juli bis Mitte August in den Hochmooren von Belgien und dem Great Fen in England wüteten. In nur drei Tagen verwandelten sich einst üppige Feuchtgebiete in karge, mondähnliche Flächen, ein Ereignis, das die Dringlichkeit des Klimaschutzes für ganz Europa unterstreicht.
Ein Jahrhundertalter Kohlenstoffspeicher in Flammen
Die betroffenen Moore bestehen aus jahrhundertalten Torfschichten, die durch jahrtausendelange Wasseransammlungen aus abgestorbener Vegetation entstanden sind. Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass ein Hektar torfreicher Boden mehr Kohlenstoff bindet als ein Regenwald von vergleichbarer Größe. Diese Speicherfunktion beruht jedoch vollständig auf der ständigen Feuchtigkeitszufuhr. Sobald das Wasser fehlt, trocknet das Torfmaterial aus und wird extrem brennbar.
Die diesjährigen Brände wurden durch anhaltende Dürre und extreme Hitze ausgelöst, Wetterlagen, die in den letzten Jahren immer häufiger über weite Teile des Kontinents hinwegziehen. In Belgien brannte das Feuer am 14. August und hatte bis zum Sonntagmorgen mehr als 3 000 Hektar verbrannt. In England zerstörte das Great‑Fen‑Feuer innerhalb weniger Tage mehrere hundert Hektar. Beide Ereignisse zeigen, wie schnell ein bislang stabiler Kohlenstoffspeicher in eine Quelle von Treibhausgasen umschlagen kann.
Renaturierung, ein Wettlauf gegen die Zeit
Seit den 1990er‑Jahren arbeiten Naturschutzorganisationen und staatliche Stellen daran, die Entwässerung der Moore rückgängig zu machen. In Belgien wurde über fünf Jahre hinweg versucht, rund 2 800 Hektar des Hautes Fagnes wieder zu renaturieren. Das diesjährige Feuer zerstörte jedoch an einem einzigen Wochenende etwa 7 % dieser Fläche, wie Corentin Rousseau, Biologe beim WWF, betont.
„Die Bedeutung der belgischen Moore für Europa in Bezug auf Biodiversität und Klimawandel ist enorm", sagte Rousseau. Er weist darauf hin, dass die Moore nicht nur Kohlenstoff speichern, sondern auch als natürliche Schwämme fungieren, die Hochwasserrisiken mindern. Die Region des Hohen Venn war 2021 Schauplatz verheerender Überschwemmungen, bei denen 39 Menschen starben und Schäden von rund 3 Milliarden Euro entstanden.
In England setzt das Great‑Fen‑Projekt auf die Wiedervernässung von Torfflächen, um die Brennbarkeit zu reduzieren. Parker erklärt, dass unter idealen Bedingungen Torf nur etwa einen Millimeter pro Jahr nachwächst, während trockene, entwässerte Böden den Kohlenstoff bis zu 20‑mal schneller verlieren können. Die aktuelle Renaturierungsgeschwindigkeit sei jedoch nicht ausreichend, um den raschen Verlust auszugleichen.
Wirtschaftliche Perspektiven und soziale Fragen
Die Wiederherstellung der Moore muss mit den Bedürfnissen der Landwirte und der Ernährungssicherheit vereinbar sein. Parker betont, dass „wir alle essen müssen", und verweist auf mögliche Einkommensquellen aus feuchtigkeitsliebenden Kulturen. Beispielsweise können Sellerie, Schilf oder Rohrkolben sowohl Kohlenstoff binden als auch Marktwert erzeugen, Schilf wird als Dämmstoff genutzt, Rohrkolben‑Samen als Füllmaterial für Daunenjacken.
Dennoch bleibt die Finanzierung das zentrale Hindernis. Rousseau weist darauf hin, dass das Know‑how vorhanden sei, die Mittel jedoch fehlen. Zwei Crowdfunding‑Initiativen, eine von WWF und eine von der König‑Baudouin‑Stiftung, sammelten in weniger als zwei Wochen 320 000 Euro, ein Betrag, der im Vergleich zu den Gesamtkosten der Wiedervernässung kaum ausreicht.
Ein Bericht des belgischen Zentrums für Klimarisikobewertung aus dem Jahr 2025 warnte bereits, dass die Vorbereitung auf steigende Brandrisiken unzureichend sei und dass Waldbrände in Belgien künftig häufiger und intensiver werden würden. Die jüngsten Ereignisse bestätigen diese Vorhersage und zeigen, dass politische Entscheidungsträger schnell handeln müssen, um weitere Verluste zu verhindern.
Folgen für die europäische Klimapolitik
Die Brände in den Hochmooren haben nicht nur lokale, sondern gesamteuropäische Konsequenzen. Der Verlust von Kohlenstoffspeichern erhöht den Druck auf die EU, ihre Emissionsziele zu erreichen. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit von Naturschutz‑ und Renaturierungsprogrammen stärker in den Fokus rücken, weil sie als kostengünstige Klimaschutzinstrumente gelten.
EU‑Institutionen haben bereits im Rahmen des Green Deal und des Biodiversitätsplans 2030 Mittel für die Wiedervernässung von Mooren bereitgestellt. Die aktuellen Brände könnten jedoch dazu führen, dass diese Budgets erhöht und schneller ausgezahlt werden müssen, um weitere Katastrophen zu verhindern.
Für die betroffenen Gemeinden bedeutet das nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales Problem. Viele ländliche Regionen sind auf die Landwirtschaft angewiesen, und die Umstellung von trockenen Ackerflächen auf feuchte Moorlandschaften erfordert neue Fachkenntnisse und Investitionen. Gewerkschaften und ländliche Interessenverbände fordern daher staatliche Unterstützungsprogramme, die sowohl den Klimaschutz als auch die wirtschaftliche Stabilität der Landwirte sichern.
Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen, dass die europäischen Moore ein kritischer Baustein im Kampf gegen den Klimawandel sind. Ohne konsequente Renaturierung und ausreichende Finanzierung drohen weitere Brände, die nicht nur lokale Ökosysteme, sondern das gesamte Klima Europas gefährden.