Von der Leyen skizziert EU‑Prioritäten in Verteidigung, Handel und Klima in Straßburger Rede
In ihrer Jahresansprache vor dem Europäischen Parlament stellte die Kommissionspräsidentin ein umfassendes Programm für die nächsten zwölf Monate vor, das von transatlantischer Zusammenarbeit über digitale Kinderschutzmaßnahmen bis hin zu Klimaanpassungen reic
Ursula von der Leyen nutzte ihre jährliche Ansprache vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, um eine weitreichende Agenda für das kommende Jahr zu präsentieren. Im vollen Saal und vor einer kanadischen Delegation sprach sie Verteidigung, Handel, Klimaanpassung und digitale Sicherheit an. Die Rede markierte einen Wandel hin zu einer tieferen transatlantischen Kooperation, die die USA außen vor lässt, und kündigte zugleich eine härtere Haltung gegenüber China sowie Maßnahmen zum Schutz von Kindern im Internet an.
Neue Partnerschaft mit Kanada
Von der Leyen nannte die USA nicht namentlich, betonte jedoch wiederholt die Notwendigkeit einer stärkeren Partnerschaft mit Kanada. Sie schlug vor, Kanada zum ersten "assoziierten Mitglied" der EU zu machen, ein Begriff, der in den EU‑Verträgen bislang keine Grundlage hat, aber nach ihren Worten die beiden Blöcke "auf höchstmöglicher Ebene" zusammenarbeiten lassen würde, ohne andere Partner zu benachteiligen. Kanadas Premierminister Justin Trudeau saß im Publikum, und die kürzlich von seiner Regierung geäußerte Behauptung, Kanada sei "im Krieg" mit den USA wegen Strafzöllen, spiegelte sich im Ton der Rede wider.
Der Vorschlag wirft Fragen nach dem rechtlichen und institutionellen Rahmen für einen solchen Status auf. Ein "assoziiertes Mitglied" würde wahrscheinlich einen eigens ausgearbeiteten Vertrag benötigen, der Kanada Zugang zu bestimmten EU‑Programmen und möglicherweise einen Sitz in politischen Diskussionen zu Handel, Sicherheit und Forschung gewährt. Kritiker in Brüssel warnen, dass die Schaffung einer neuen Partnerschaftsstufe die bereits komplexe Außenbeziehung der EU weiter verkomplizieren könnte.
Europäischer Sicherheitsrat und Verteidigungsautonomie
Im Sicherheitsbereich kündigte von der Leyen die Einrichtung eines Europäischen Sicherheitsrats an, der EU‑Mitgliedstaaten sowie enge Verbündete wie Kanada, Norwegen und das Vereinigte Königreich zusammenbringen soll, um Verteidigungsbedrohungen zu erörtern. Der Schritt soll eine Lücke in der derzeitigen Struktur der Union schließen, die trotz zunehmender russischer Drohneninfiltrationen, Cyberangriffe und Brandstiftungen im Osten Europas kein dediziertes Forum für koordinierte Verteidigungspolitik bietet.
Sie warnte zudem, dass die EU zu stark von einem einzigen Lieferanten kritischer Rüstungsgüter abhängig sei. Nach Hinweis auf den Kauf von US‑Patriot‑Raketen für die Ukraine forderte von der Leyen die Entwicklung eines "kosteneffizienten und modularen Raketenabwehrsystems" mit europäischen und ukrainischen Herstellern. Der Vorschlag entspricht den Forderungen der Europäischen Verteidigungsagentur nach einer autonomeren Rüstungsindustrie, wird jedoch auf Widerstand von Mitgliedstaaten stoßen, die stark auf US‑Waffenverträge setzen.
Handelsdefizit mit China und Industriepolitik
Wirtschaftlich zeichnete von der Leyen ein klares Bild der Handelsbeziehung mit China. Sie wies darauf hin, dass die EU ein Defizit von etwa einer Milliarde Euro pro Tag habe, die Differenz zwischen chinesischen Exporten nach Europa und europäischen Exporten nach China, und bezeichnete dies als "Kipppunkt", der die industriellen Kernregionen Europas bedrohe. Die Kommissionspräsidentin forderte Peking auf, mehr europäische Produkte zu kaufen, und signalisierte, dass die EU bereit sei, "Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen" zu nutzen, um billige chinesische Importe zu begrenzen, etwa durch Antidumping‑Maßnahmen oder strengere Zollkontrollen.
Europäische Industrieverbände begrüßten die Rhetorik und betonten, dass ein fairer Wettbewerb für das Überleben von Sektoren wie Automobil, Maschinenbau und Hochtechnologie entscheidend sei. Handelsexperten warnen jedoch, dass ein aggressiver Protektionismus Gegenmaßnahmen auslösen und die Preise für europäische Verbraucher erhöhen könnte.
Neue digitale Schutzmaßnahmen für Kinder
Von der Leyens Kritik an US‑Tech‑Giganten ging ein konkreter Gesetzesvorschlag voraus: ein "Kids Act", der Social‑Media‑Konten für Kinder unter 13 Jahren verbietet und für Nutzer im Alter von 13 bis 15 Jahren elterliche Kontrolle vorschreibt. Plattformen müssten zudem "Safe‑Design"‑Prinzipien für Nutzer bis 18 Jahre übernehmen und die Einhaltung durch regelmäßige Audits nachweisen. Die Kommission stellte die Maßnahmen als Reaktion auf "suchtgefährdende Funktionen" und die Gefahr, dass Minderjährige extremistischer Inhalte ausgesetzt werden, dar.
Der Gesetzentwurf wird noch diese Woche dem Europäischen Parlament vorgelegt. Verbraucher‑rechtsorganisationen loben den Schritt als notwendigen Schutz für junge Menschen, während Branchenverbände wie die European Tech Alliance befürchten, dass die Regeln Innovation ersticken und kleine Unternehmen unverhältnismäßig belasten könnten.
KI‑Governance und Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern
Im Bereich Künstliche Intelligenz signalisierte von der Leyen, dass die EU als "Polizist" für die Technologie agieren wolle, zusammen mit "gleichgesinnten Partnern", insbesondere Kanada und dem Vereinigten Königreich, um die Sicherheit fortgeschrittener KI‑Modelle zu prüfen. Sie erwähnte, dass Labore wie OpenAI und Anthropic eingeladen würden, zu diskutieren, wie die EU die "Grenze" begleiten kann, ohne dass KI‑Systeme systemische Risiken darstellen.
Der Vorschlag baut auf dem bestehenden KI‑Act der EU auf, der Hochrisiko‑KI‑Anwendungen klassifiziert und strenge Transparenzanforderungen stellt. Durch die Ausweitung der Zusammenarbeit über die EU‑Grenzen hinaus hofft die Kommission, ein breiteres regulatorisches Netzwerk zu schaffen, das dem permissiveren Ansatz der USA entgegenwirkt.
Klimaanpassung und Hitzewellen‑Bereitschaft
Von der Leyen bezeichnete den vergangenen Sommer als "Sommer der Wahrheit" für den Klimawandel und warnte, dass Europa sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt erwärme. Sie stellte eine Reihe von Anpassungsmaßnahmen vor: ein Frühwarnsystem für Hitzewellen, einen Klimaanpassungsplan für gefährdete Regionen, ein paneuropäisches Versicherungssystem für Katastrophenschäden, eine spezielle Feuerwehrflotte und eine Wasser‑Management‑Initiative zur Eindämmung von Pipeline‑Lecks.
Während die Kommission nach wie vor die Notwendigkeit von Emissionsreduktionen betont, kritisierten Umwelt‑NGOs die stärkere Betonung von Anpassung statt Minderung und fordern ein doppeltes Engagement für erneuerbare Energien und strengere CO2‑Preise. Die European Climate Foundation merkte an, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen zwar nötig seien, aber Gefahr laufen, ein "Pflaster" zu bleiben, wenn sie nicht mit ambitionierten Dekarbonisationszielen gekoppelt werden.
Migrationspolitik und Jugendarbeit
Zur Migration lobte von der Leyen den jüngsten Rückgang irregulärer Ankünfte und die Beschleunigung von Rückführungsverfahren für Personen ohne legalen Status. Sie warnte zudem vor "engineerten" Massenbewegungen und bezog sich dabei auf den chaotischen Zustrom von Migranten über Ceuta in Spanien im Sommer.
Um die Ursachen der Migration anzugehen, forderte die Präsidentin einen Mittelmeer‑Jugend‑Skills‑ und‑Jobs‑Plan, der jungen Menschen in Nachbarländern realistische wirtschaftliche Perspektiven bieten soll. Der Plan kombiniert berufliche Ausbildung mit Sprachprogrammen, um die Anreize für riskante Mittelmeerüberquerungen zu verringern.
Die Europäische Gewerkschaftsbündnis begrüßte den Fokus auf Beschäftigung, forderte jedoch, dass neue Programme an faire Löhne und Kollektivverhandlungen gebunden werden.
Zukünftige institutionelle Reformen
Zum Abschluss ihrer Rede kündigte von der Leyen die Gründung eines "Kongresses von Europa" für das nächste Jahr an, der "die brillantesten Köpfe Europas" zusammenbringen soll, um eine langfristige Vision für die Union zu entwickeln. Die Idee erinnert an die Konferenz zur Zukunft Europas von 2021, die die Bürgerbeteiligung an EU‑Entscheidungen stärken und Vorschläge wie ein Direktwahlrecht für den Kommissionspräsidenten sowie die Begrenzung nationaler Vetos in Steuer‑ und Außenpolitik vorsah.
Staaten haben bislang zögerlich reagiert, wenn es um Souveränitätsabgaben geht, und der Erfolg des geplanten Kongresses wird davon abhängen, ob er über symbolische Dialoge hinaus zu konkreten institutionellen Reformen führt. Beobachter betonen, dass die Fähigkeit der EU, auf Klimaschocks, geopolitische Spannungen und digitale Herausforderungen zu reagieren, davon abhängt, wie schnell sie ihre Governance‑Strukturen modernisieren kann.
Insgesamt zeichnete von der Leyens Ansprache das Bild einer EU, die ihre strategische Autonomie stärken und gleichzeitig die Bindungen zu einer ausgewählten Gruppe von Verbündeten vertiefen will. Die Vorschläge zu Verteidigung, Handel, digitaler Sicherheit und Klimaanpassung werden nun im Europäischen Parlament und unter den 27 Mitgliedstaaten geprüft, wo unterschiedliche nationale Interessen die endgültigen Ergebnisse prägen könnten.