AfD-Aufstieg in Sachsen‑Anhalt bedroht historisches Schutzschild gegen Rechts
Umfragen für die Wahl am 6. September zeigen über 40 % für die AfD – ein möglicher Regierungswechsel ohne Koalitionspartner.
Die Alternative für Deutschland (AfD) steht kurz davor, ein jahrzehntelang bestehendes politisches Tabu im ostdeutschen Bundesland Sachsen‑Anhalt zu brechen. Umfragen für die Wahl am 6. September zeigen die Partei bei mehr als 40 % der Stimmen, ein Ergebnis, das ihr ermöglichen könnte, eine Regierung ohne die Unterstützung anderer Parteien zu bilden, sofern genügend Konkurrenten unter die 5‑Prozent‑Hürde fallen.
Erste rechtsgerichtete Landesregierung seit dem Krieg
Eine von der AfD geführte Verwaltung wäre das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dass eine vom Verfassungsschutz als "far‑right extremist" eingestufte Partei ein deutsches Bundesland leitet. Der regionale Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat seine Kampagne um die Rhetorik der "Säuberung" gebaut und verspricht, die Europäische Union umzukrempeln, Millionen Menschen mit Migrationshintergrund abzuschieben und den Gashandel mit Russland wieder aufzunehmen.
Warum der Aufstieg für Arbeitnehmer und Haushalte wichtig ist
Für die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen‑Anhalt sind die Konsequenzen greifbar. Die Bevölkerung ist von 2,8 Millionen im Jahr 1990 auf etwas über 2,1 Millionen heute geschrumpft, ein Verlust von rund einem Viertel der Einwohner. Der demografische Rückgang trifft die ländlichen Kreise am härtesten: Schulen schließen, Hausärzte verschwinden, der öffentliche Nahverkehr fährt nur noch einmal täglich und kleine Unternehmen kämpfen ums Überleben.
"Wenn die Jungen wegziehen, zerfällt das ganze soziale Gefüge", sagt Henriette Quade, unabhängiges Mitglied des Landtags und Mitbegründerin der Initiative Halle gegen Rechts. "Die Menschen fragen: 'Wer kümmert sich um uns?' Und die Antwort lautet oft: 'Niemand'."
Dieses Gefühl der Vernachlässigung stärkt die Anziehungskraft der AfD. Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), weist darauf hin, dass die Parteizustimmung dort am höchsten ist, wo öffentliche Leistungen gekürzt wurden und die Arbeitslosigkeit, obwohl niedriger als in den frühen 1990er‑Jahren, über dem Bundesdurchschnitt liegt.
"Die AfD gedeiht in der Lücke, die schrumpfende staatliche Kapazitäten hinterlassen", erklärt Fratzscher. "Ihre Versprechen von Schnelllösungen, Gratis‑Würstchen, Bier bei Kundgebungen und einfachen Slogans verbergen ein Programm, das die Probleme, die sie ausnutzt, wahrscheinlich verschärfen würde."
Was die AfD vorschlägt und warum Experten besorgt sind
Das Landesprogramm der AfD enthält Maßnahmen, die mit dem deutschen Grundgesetz und EU‑Recht kollidieren. Es fordert die Abschaffung des Asylrechts, eine Zuständigkeit des Bundes, und die Schaffung getrennter Schulklassen für migrantische und behinderte Kinder. Zudem will die Partei die Lehrpläne umschreiben, um "mehr Bismarck, weniger Hitler" zu zeigen, ein Schritt, der heftige Debatten über das historische Gedächtnis auslösen würde.
Ein weiterer Brennpunkt ist die Energiepolitik. Sachsen‑Anhalt erzeugt etwa 60 % seines Stroms aus erneuerbaren Quellen, doch die AfD will neue Erneuerbare‑Projekte stoppen und Kohlekraftwerke wiederbeleben. Kritiker warnen, dass ein solcher Kurs die CO₂‑Emissionen erhöhen, die Energiekosten für Haushalte steigen und die Klimaverpflichtungen Deutschlands gefährden würde.
Im Bereich Migration würde der Plan, "Millionen" abzuschieben, darunter auch eingebürgerte Deutsche, nicht nur die EU‑Freizügigkeitsregeln verletzen, sondern auch zu einer Flut von Rechtsstreitigkeiten und einem Verlust von Fachkräften führen, die in einer Region mit bereits bestehenden Arbeitskräftemangel dringend benötigt werden.
Finanziell erscheinen die Versprechen der Partei unrealistisch. "Keine dieser Zusagen wird durch einen glaubwürdigen Haushalt gestützt", sagt Fratzscher. "Der Staat müsste stark verschulden oder essentielle Leistungen kürzen, um sie zu finanzieren, was die verwundbarsten Haushalte am härtesten treffen würde."
Lokale Reaktionen vor Ort
Bei einem Wahlkampfauftritt im Dorf Klein Wanzleben prasselte Regen, während mehrere hundert Unterstützer unter einem Bühnenüberstand Schutz suchten. AfD‑Abgeordneter Götz Frömming erklärte: "Die dunklen Wolken über Sachsen‑Anhalt sind Vorboten eines Reinigungssturms, der die Bundesregierung und die alten Parteien hinwegfegen wird."
Außerhalb des Veranstaltungsorts hielten der 17‑jährige Erik und seine Mutter ein Schild mit der Aufschrift "Keine Stimmen für Nazis". Erik, einer von nur zwei Schülern in seiner Klasse, die gegen die AfD sind, macht die Partei für das Versagen von SPD und CDU bei lokalen Anliegen verantwortlich. "Die SPD hat nichts getan, die CDU hat nichts getan, und die DDR war auch Mist", sagt er.
Weitere Bewohner äußerten eine Mischung aus Ärger, Resignation und pragmatischer Ablehnung. Ein pensionierter Lokomotivführer aus Haldensleben gab zu, er würde aus "reiner Wut" für die AfD stimmen, nachdem er sowohl Sozialismus als auch Kapitalismus erlebt habe, während eine selbständige Frau warnte, dass die anti‑kriegerische Haltung der Partei nicht den Geldfluss nach Ukraine stoppen, sondern stattdessen gewöhnliche Rentner bestrafen würde.
Junge Unterstützer, viele in Kleidung von Marken mit neonazistischen Codes, jubelten Slogans wie "Wir holen das Land zurück". Ein jugendliches Mädchen, das ein Lanyard mit dem Parteilogo trug, zuckte mit den Schultern, als man sie nach ihrem Wahlgrund fragte: "Ich weiß nicht, einfach alles!"
Historischer Kontext und das "Firewall"‑Prinzip
Seit der Wiedervereinigung wurde Sachsen‑Anhalt von Mitte‑rechts‑Koalitionen aus CDU und SPD regiert. Ein informelles "Firewall"‑Prinzip, ein politischer Konsens, dass etablierte Parteien nicht mit der AfD kooperieren, hielt die Partei sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene aus der Regierung.
Dieser Konsens gerät nun unter Druck. In den letzten zehn Jahren hat die CDU ihre Haltung zur Migration abgeschwächt und wiederholt AfD‑Argumente in Parlamentsdebatten aufgegriffen. Quade argumentiert, dass diese "Normalisierung" rechtspopulistischer Rhetorik die Wirksamkeit des Firewalls untergraben habe.
Rechtliche Versuche, die AfD zu verbieten, scheiterten bislang. 2019 entschied ein Gericht, dass der Thüringer AfD‑Führer Björn Höcke als faschistisch bezeichnet werden darf, doch ein flächendeckendes Verbot wurde nicht angestrebt. Die Einstufung der Partei als "far‑right extremist" durch das Bundesamt für Verfassungsschutz bleibt bestehen, während das politische Establishment Schwierigkeiten hat, diese Klassifizierung in entschlossenes Handeln umzusetzen.
Folgen für die Europäische Union und breitere Trends
Würde die AfD in Sachsen‑Anhalt eine Regierung bilden, sendet das ein Signal an andere rechtspopulistische Bewegungen in Europa, dass Wahlerfolge selbst in Regionen mit starker demokratischer Tradition möglich sind. Die anti‑EU‑Position der Partei, die von einer "Ausräumung" der Union spricht, entspricht ähnlichen Narrative in Italiens Lega, Frankreichs Rassemblement National und Ungarns Fidesz.
Für die EU‑Politik könnte ein afde‑geführtes Bundesland zu einem Testfeld für anti‑EU‑Maßnahmen werden, von der Ablehnung von EU‑Klimafonds bis hin zur Opposition gegen Sanktionen gegen Russland. Während die Außenpolitik Bundeskompetenz bleibt, könnte das symbolische Gewicht eines Bundeslandes, das Brüssel offen herausfordert, andere regionale Akteure bestärken.
Wirtschaftlich würde der Versuch, den Gashandel mit Russland wieder aufzunehmen, mit dem koordinierten EU‑Sanktionsregime kollidieren und mögliche Rechtsstreitigkeiten sowie Komplikationen für die europäische Energiewende nach sich ziehen.
Stimmen von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft
Gewerkschaften warnen, dass die Politik der AfD die Rechte von Arbeitnehmern und die Jobsicherheit untergraben würde. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erklärte: "Die anti‑soziale Agenda der AfD gefährdet die hart erkämpften Errungenschaften der nach‑Krieg‑Sozialen Marktwirtschaft."
Menschenrechtsorganisationen verweisen auf einen Anstieg von Hasskriminalität in Sachsen‑Anhalt und betonen, dass das politische Klima rassistische, antisemitische und queer‑phobe Gewalt zulässt. "Wenn extremistisches Gedankengut von den Straßen in den Landtag wandert, legitimiert es Angriffe auf Minderheiten", sagt ein Sprecher der Amadeu‑Antonio‑Stiftung.
Lokale Anti‑Extremismus‑Initiativen wie Halle gegen Rechts mobilisieren Freiwillige, um Hassvorfälle zu dokumentieren und Opfern Unterstützung zu bieten. Quade betont: "Der Kampf findet nicht nur an der Urne statt; er findet auch auf den Straßen, in Schulen und in Gemeindezentren statt."
Zahlen im Überblick
Statistiken des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Arbeitslosenquote in Sachsen‑Anhalt von einem Höchststand von 12 % Anfang der 2000er‑Jahre auf rund 5,5 % im Jahr 2023 gesunken ist, jedoch immer noch über dem Bundesdurchschnitt von 5 % liegt. Das mittlere verfügbare Einkommen liegt etwa 10 % unter dem der westdeutschen Länder, und der Anteil von Haushalten in Armut ist höher als der deutsche Durchschnitt.
Demografische Projektionen deuten darauf hin, dass das Land bis 2035 weitere 200 000 Einwohner verlieren könnte, wenn die aktuelle Abwanderung anhält. Der Verlust junger Fachkräfte ist ein zentraler Baustein der AfD‑Narrative, dass "der Osten zurückgelassen wurde".
Mögliche Zukunftsszenarien
Analysten sehen nach der Wahl am 6. September drei mögliche Szenarien. Erstens könnte die AfD die 5‑Prozent‑Hürde verfehlen und die traditionelle Mitte‑rechts‑Koalition erhalten. Zweitens könnte die Partei zwar die meisten Stimmen erhalten, aber nur eine Minderheitsregierung bilden, was ihre radikalen Vorhaben einschränken würde. Drittens, und am besorgniserregendsten für demokratische Beobachter, könnte die AfD eine klare Mehrheit erreichen, einen Ministerpräsidenten stellen und Politik ohne Koalitionszwänge gestalten.
Im letzteren Fall stünde die Bundesregierung vor einem verfassungsrechtlichen Dilemma: Während das Grundgesetz die Freiheit politischer Vereinigung garantiert, verpflichtet es den Staat, die demokratische Ordnung zu schützen. Der Bundesverfassungsgericht könnte prüfen, ob AfD‑Gesetze Grundrechte verletzen.
Derzeit fordern zivilgesellschaftliche Gruppen die Wählerinnen und Wähler auf, die langfristigen Kosten einer AfD‑Regierung zu bedenken, von möglichen Verlusten EU‑Finanzierungen bis zu einem Anstieg von hassgetriebener Gewalt. "Wir brauchen einen realistischen Zukunftsplan, keine Slogans von 'Säuberung'", sagt Quade.
Fazit
Die bevorstehende Wahl in Sachsen‑Anhalt ist mehr als ein regionaler Wettbewerb; sie ist ein Test des nach‑Krieg‑Konsenses, dass etablierte Parteien keine Macht mit extremistischen Kräften teilen. Der Aufstieg der AfD spiegelt tiefe Frustrationen über demografischen Rückgang, wirtschaftliche Stagnation und das empfundene Ignorieren durch Berlin und die westdeutschen Hauptstädte wider.
Doch das Programm der Partei bietet keine tragfähigen Lösungen für diese Probleme. Stattdessen schlägt es Maßnahmen vor, die die wirtschaftliche Ungleichheit vertiefen, migrantische Gemeinschaften entfremden und den Rechtsstaat untergraben könnten. Das Ergebnis wird nicht nur das Leben der 2,1 Millionen Menschen in Sachsen‑Anhalt prägen, sondern auch den Ton der europäischen Politik in einer Zeit, in der die demokratische Resilienz auf dem Kontinent stark geprüft wird.