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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
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Europa03. September 2026

AfD-Politiker Ulrich Siegmund wirbt mit radikaler Vision für Sachsen‑Anhalt

Der AfD‑Kandidat präsentiert in Rosslau ein Comic‑Heft, das ein nationalistisches Regierungsprogramm für das Bundesland skizziert.

AfD-Politiker Ulrich Siegmund wirbt mit radikaler Vision für Sachsen‑Anhalt

Der AfD‑Kandidat Ulrich Siegmund hat bei einer Kundgebung in Rosslau ein theatralisches Schaufenster seiner extremsten Parteivorschläge eröffnet. Die Veranstaltung im Biergarten am Stadtrand zeigte das Comic‑Heft Uli rettet Deutschland, das ein Zukunftsszenario entwirft, in dem die AfD Sachsen‑Anhalt mit einer nationalistischen Agenda regiert. Dazu gehören das Entfernen von LGBTI+‑Symbolen aus Schulen, die Rückführung von Migranten und die Feier einer deutsch‑russischen Freundschaft.

Comic als politische Propaganda

Das von der rechtsextremen Presseplattform Compact veröffentlichte Heft zeigt Schulen, die Regenbogenflaggen gegen die Schwarz‑Rot‑Gold‑Trikolore austauschen, ein Flugzeug mit dem Aufdruck „Remigration", das 432 afghanische Gefangene zurück zum Taliban‑Regime transportiert, und deutsche Städte voller Schnitzelbuden und Ladenfassaden, die nach historischen Persönlichkeiten wie "Kaiser Otto" benannt sind. In einer Szene rauchen schwarzhäutige Flüchtlinge Shisha in einem verfallenen Haus und erklären, sie seien von Deutschland gelangweilt und würden nach Afrika zurückkehren, während weiße deutsche Familien in ehemalige Asylunterkünfte einziehen.

Obwohl die Bilder gezeichnet sind, spiegeln sie die reale Rhetorik wider, die die AfD landesweit verbreitet. Siegmund, 35, nutzt das Comic als visuelles Versprechen dessen, wie seine Regierung aussehen würde, und zeigte es bei einer Kundgebung, bei der Unterstützer stundenlang für ein Selfie und ein Autogramm anstanden. Die Begeisterung für seine Person ist in der deutschen Politik ungewöhnlich, wo die meisten Politiker kaum persönliche Fan‑Kultur erzeugen.

Umfragen deuten auf Durchbruch hin

Aktuelle Vorwahlumfragen lassen vermuten, dass Siegmund der erste AfD‑Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes werden könnte. Rund 42‑43 % der Befragten in Sachsen‑Anhalt geben an, für ihn zu stimmen, ein Vorsprung von etwa zwanzig Punkten gegenüber der Mitte‑rechts‑Christlich‑Demokratischen Union (CDU). Erzielt die AfD die absolute Mehrheit, könnte sie eine Regierung ohne Koalitionspartner bilden. Gelingt das nicht, stünde die Partei einer vereinten Front aus CDU, SPD und der linksgerichteten Die Linke gegenüber, die sich bereits verpflichtet haben, eine AfD‑Regierung zu blockieren.

In seiner Rede erklärte Siegmund: "Die Sonne geht im Osten auf, aber sie wird über ganz Deutschland scheinen. Weil wir eine Nation, eine Gemeinschaft, ein Land sind." Neben einem blauen Trabant mit dem Slogan "Ostdeutsch und stolz" stellte er die demokratische Revolution von 1989 als Vorbild für einen neuen Wendepunkt dar.

Vom Duft‑Start‑up zum politischen Frontmann

Siegmunds Werdegang wird von der AfD als Beispiel für gewöhnliche Unternehmensgründung präsentiert. Geboren in Havelberg kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, wuchs er in einer Familie eines Elektrotechnikers auf und studierte Betriebswirtschaft. Während des Studiums gründete er das Start‑up Berlin duftet, das Ambient‑Düfte an Geschäfte und Verkehrsbetriebe verkaufte und behauptete, die Gerüche könnten Aggression und Vandalismus bei Fahrgästen reduzieren.

Seine Unternehmergeschichte soll das Bild der AfD als Protestbewegung mit einem "normalen" und "freundlichen" Gesicht kontrastieren. Auf seinen Kundgebungen herrscht bewusst heiteres Flair, wobei die Unterstützer ermutigt werden, Ostdeutschland als neues Zentrum der Nation zu sehen. Diese Re‑Branding‑Strategie soll die Attraktivität der AfD über die traditionelle Anti‑Migrations‑Basis hinaus erweitern.

Kontroverse Symbole und Angriffe auf die Medien

Im Falle eines Wahlsiegs dürften Journalist*innen zu den ersten Zielgruppen gehören. Die AfD hat eine Geschichte, die Presse als "Feind des Volkes" zu bezeichnen, und Siegmund hat bereits angedeutet, Medien, die ihre Politik kritisieren, stärker zu kontrollieren. Ein solcher Schritt würde ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Pressefreiheit in der EU hervorrufen, wo die Europäische Kommission wiederholt vor Angriffen auf unabhängigen Journalismus gewarnt hat.

Gewerkschaftsvertreter*innen und zivilgesellschaftliche Gruppen haben bereits davor gewarnt, dass die von der AfD vorgeschlagenen Maßnahmen die soziale Ungleichheit verschärfen würden. Das Entfernen von LGBTI+‑Symbolen aus Schulen würde inklusive Bildung untergraben, während die "Remigrations"‑Narrative xenophobe Gewalt anfachen und gefährdete Migrant*innen in riskante Situationen zurückschieben könnte.

Europäische Auswirkungen

Ein Sieg der AfD in Sachsen‑Anhalt wäre das erste Mal, dass die Rechte in einem deutschen Bundesland uneingeschränkt regiert, und könnte ähnliche Parteien in Österreich, Italien und Frankreich ermutigen. Gleichzeitig würde er die Belastbarkeit der EU‑Mechanismen testen, die Grundrechte schützen, etwa die EU‑Charta der Grundrechte, die Diskriminierungsverbot und Meinungsfreiheit garantiert.

Beobachter*innen aus Europa stellen fest, dass das AfD‑Programm mit den EU‑Klima‑ und Energiepolitiken kollidiert, da die Partei viele Maßnahmen des Green Deal ablehnt, die CO₂‑Emissionen reduzieren sollen. Eine Landesregierung, die diese Initiativen ablehnt, könnte zu Spannungen mit den nationalen Behörden führen, die EU‑Klimaziele umsetzen müssen.

Wie geht es weiter?

Die Landtagswahl ist für den 6. September angesetzt. Erzielt Siegmund die absolute Mehrheit, muss die AfD ein Kabinett bilden und Gesetzesentwürfe ausarbeiten, die mit der radikalen Vision des Comics übereinstimmen. Gelingt der Durchbruch nicht, wird wahrscheinlich eine "große Koalition" aus Mitte‑rechts‑ und linksgerichteten Parteien entstehen, um die AfD von der Macht fernzuhalten.

Unabhängig vom Ergebnis hat die Kampagne bereits den politischen Diskurs in Ostdeutschland verschoben. Durch die Verbindung populistischer Parolen mit einem glänzenden, unternehmerischen Image versucht Siegmund, einst randständige Ideen zu normalisieren. Die Reaktion von Wähler*innen, Gewerkschaften und europäischen Institutionen in den kommenden Wochen wird entscheiden, ob diese Strategie die deutsche Politiklandschaft neu gestaltet oder nur ein kurzlebiges Phänomen bleibt.

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