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Vol. XV · N°258
Dienstag, 15. September 2026
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Politik01. September 2026

AfDs Aufstieg in Sachsen‑Anhalt könnte Wähler in ein Leidenszyklus treiben, warnt Ökonom

Reinhard Gropp vom Halle‑Institut für Wirtschaftsforschung sieht die wachsenden AfD‑Zustimmungen als Gefahr für die Lebensbedingungen der Unterstützer.

AfDs Aufstieg in Sachsen‑Anhalt könnte Wähler in ein Leidenszyklus treiben, warnt Ökonom

Reinhard Gropp, Leiter des Halle‑Instituts für Wirtschaftsforschung, sagte UnionPress, dass die wachsende Attraktivität der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen‑Anhalt kaum zu besseren Lebensstandards für ihre Anhänger führen wird. Er warnte, dass die Parteiversprechen weitgehend undurchführbar seien und dass Wähler, die die rechtsextreme Partei unterstützen, die ersten sein könnten, die die Folgen einer künftigen Regierung spüren.

Historische Wahl

Die für den 6. September angesetzte Landtagswahl könnte historisch werden. Sollte es der AfD gelingen, eine Regierungskoalition zu bilden, wäre Sachsen‑Anhalt das erste deutsche Bundesland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das von einer Partei regiert wird, die der Landesbehörde für Verfassungsschutz als "nachweislich rechtsextrem" eingestuft wird.

Stagnierende Wirtschaft und strukturelle Starrheit

Gropp zeichnete ein düsteres Bild des makroökonomischen Hintergrunds Deutschlands. "Die Wirtschaft ist seit geraumer Zeit stagniert", sagte er. Aktuelle Datenrevisionen zeigen eine leicht bessere Lage, doch der Gesamtrend bleibt flach. Er nannte drei miteinander verwobene Ursachen: ein feindliches globales Umfeld, hohe Energiepreise und das Versagen, im Inland sinnvolle Reformen umzusetzen.

"Deutschland hat in den letzten zwanzig Jahren keine wirklich bedeutende Wirtschaftsreform durchgeführt", argumentierte er und verwies dabei auf die Renten-, Einkommensteuer- und Klimapolitik als Bereiche, in denen Veränderungen überfällig sind. Das Fehlen von Reformen, so Gropp, mache die Wirtschaft unzureichend gerüstet, um Schocks zu absorbieren oder neue Technologien schnell zu übernehmen.

Ein konkretes Beispiel sei der Chemiesektor, das Rückgrat der Industrie in Sachsen‑Anhalt. Die Branche ist energieintensiv und eng vernetzt; eine Störung in einem Werk könne eine Kaskade von Schließungen entlang der Lieferkette auslösen. "Es ist wie eine Reihe von Dominosteinen", erklärte Gropp und wies darauf hin, dass steigende CO₂‑Kosten die gesamte Branche zu Fall bringen könnten.

Regionale Besonderheiten und die Anziehungskraft der AfD

Obwohl Sachsen‑Anhalt hinter wohlhabenderen Bundesländern wie Baden‑Württemberg oder Bayern zurückbleibt, betonte Gropp, dass die wirtschaftliche Leistung nicht dramatisch schlechter sei als in anderen ostdeutschen Regionen. Die Hauptprobleme des Landes seien sein industrielles Profil und sein Ruf für eine schlechte Lebensqualität. "Man sagt, es sei schrecklich schmutzig und rieche", erinnerte er sich und bezog sich auf die allgegenwärtigen Chemieanlagen rund um Halle und Magdeburg.

Im Gegensatz zu benachbartem Sachsen, das von den dynamischen Städten Dresden und Leipzig profitiert, sind die städtischen Zentren in Sachsen‑Anhalt nur mittelgroß. Das Fehlen eines großen Metropolzentrums bedeute weniger hochqualifizierte Arbeitsplätze und weniger Anziehungskraft für junge Fachkräfte. "Fragt man einen 25‑Jährigen, wo er wohnen möchte, nennen viele Leipzig statt Halle", bemerkte Gropp.

Trotz dieser Nachteile habe das Land einen bemerkenswerten Aufschwung bei der Beschäftigung erlebt. Die Arbeitslosigkeit, die vor einem Vierteljahrhundert über 20 % lag, liegt heute nahe Vollbeschäftigung. Paradoxerweise sind jedoch die Umfragewerte der AfD parallel zu dieser Verbesserung gestiegen.

Warum die Wirtschaft das Wahlergebnis nicht erklärt

Gropps Forschung zeigt, dass persönliche wirtschaftliche Umstände nur zwei Prozentpunkte des etwa 40 %igen AfD‑Zustimmungswerts in aktuellen Umfragen ausmachen. "Die Mehrheit der Stimmen, etwa 38 %, kommt aus anderen Faktoren", sagte er.

Er identifizierte das Informationsökosystem als entscheidendes Element. Wähler, die ausschließlich soziale Medien nutzen und traditionelle Nachrichtenquellen meiden, seien deutlich eher bereit, populistische Parteien zu unterstützen. Algorithmen, die Nutzern zunehmend extremere Inhalte liefern, schufen Echokammern, in denen Fehlinformationen ungeprüft verbreitet werden.

"Menschen sehen ein Video, das behauptet, die Erde sei flach, und die Plattform zeigt ihnen dann mehr davon", erklärte Gropp. "Schließlich glauben sie, dass die Mehrheit diese Ansicht teilt." Derselbe Mechanismus wirke bei politischen Narrativen zu Flüchtlingen, Migration und nationaler Identität, die die AfD nutze, um Angst und Ressentiments zu schüren.

Diese Dynamiken spiegeln Trends in anderen europäischen Demokratien wider, von der Tschechischen Republik bis Italien, und sogar in den USA. Gropp warnte, dass das Phänomen nicht auf Ostdeutschland beschränkt sei; es sei eine breitere Herausforderung für industrialisierte Gesellschaften, in denen digitale Medien den öffentlichen Diskurs dominieren.

Politikversprechen, die an der Realität scheitern

Das AfD‑Programm in Sachsen‑Anhalt enthält eine Reihe von Versprechen, die Gropp für unrealistisch hält. Darunter drastische Senkungen der Energiesteuern, ein Rückschritt bei Klimaregelungen und ein Freeze bei den Rentenbeiträgen. "Die Partei ist nicht in der Lage, fast irgendeines ihrer Wahlversprechen zu erfüllen", behauptete er.

Angesichts der Abhängigkeit des Landes von der Chemieindustrie würde jeder Versuch, CO₂‑Kosten zu senken, ohne eine tragfähige Alternative, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen gefährden. Ebenso könnten Rentenreformen, die demografische Entwicklungen ignorieren, das Sozialversicherungssystem belasten und zukünftige Rentner in die Gefahr bringen. Gropp warnte, dass die ersten Opfer einer AfD‑Regierung genau die Wähler seien, die sie an die Macht gebracht haben. "Diejenigen, die für Populisten stimmen, sind oft gerade die Menschen, die am meisten unter einer populistischen Regierung leiden werden", sagte er.

Reaktionen von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft

Gewerkschaften in der Region haben bereits Bedenken geäußert. Der IG Chemie‑Verband warnte, dass jede Politik, die den CO₂‑Preismechanismus untergräbt, den Sektor destabilisiere und zu Entlassungen führe. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte eine "verantwortungsvolle Koalition", die Arbeitnehmerrechte schütze und das soziale Netz erhalten solle.

Lokale NGOs hoben die Umweltauswirkungen der Chemieanlagen hervor und forderten die Landesregierung auf, in sauberere Technologien zu investieren, anstatt kurzfristige Steuererleichterungen zu verfolgen. "Wir brauchen einen Übergangsplan, der sowohl Arbeitsplätze als auch die Umwelt schützt", sagte ein Sprecher der Grünen Allianz Sachsen‑Anhalt.

Der europäische Kontext

Der mögliche Aufstieg einer rechtsextremen Regierung in Sachsen‑Anhalt hat Auswirkungen über die deutschen Grenzen hinaus. Die Klimastrategie der EU beruht darauf, dass die Mitgliedstaaten ihre Emissionsziele erreichen, und ein Bundesland, das aktiv gegen CO₂‑Preismaßnahmen vorgeht, könnte die kollektiven Anstrengungen untergraben.

Gleichzeitig spiegelt die Situation den Aufstieg nationalistischer Parteien in anderen EU‑Regionen wider, von der französischen Nationalen Front bis zur italienischen Lega. Analysten merken an, dass die Kohäsionspolitik der EU, die strukturelle Aufwertungen in rückständigen Regionen finanziert, neu justiert werden müsse, wenn solche Regierungen Fördermittel blockieren oder abschwächen.

"Die europäische Solidarität ist gefährdet, wenn regionale Führer nach innen schauen und gemeinsame Ziele ablehnen", warnte ein Politikberater der Generaldirektion für Regional‑ und Stadtentwicklung der Europäischen Kommission.

Ausblick

Das Wahlergebnis wird die Richtung Sachsens‑Anhalts für die nächsten fünf Jahre bestimmen. Scheitert die AfD bei der Bildung einer Regierungskoalition, wird das Land wahrscheinlich unter der aktuellen Mitte‑rechts‑Regierung weitergeführt, die moderate Reformen in der Renten‑ und Steuerpolitik verspricht und gleichzeitig den Klimarahmen beibehält.

Kommt die AfD an die Macht, prognostiziert Gropp einen Konflikt zwischen ihrer populistischen Agenda und den strukturellen Zwängen der deutschen Wirtschaft. "Man kann die CO₂‑Kosten nicht einfach abschalten, ohne eine tragfähige Alternative zu bieten", warnte er. "Ohne das könnte der Chemiesektor zusammenbrechen und damit das Leben von tausenden Menschen zerstört werden."

Für die Wähler könnte die Entscheidung zwischen kurzfristiger emotionaler Anziehung und langfristiger wirtschaftlicher Stabilität stehen. Wie Gropp es formulierte: "Die eigentliche Frage ist, ob die Menschen erkennen, dass die Versprechen, die sie hören, nicht von wirtschaftlicher Realität getragen werden."

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