BritPacks Bar in Brüssel verpasste den Brexit-Schock
Ein kleines Treffen britischer Journalisten in Brüssel unterschätzte die wahre Stärke des Leave‑Ergebnisses.

Am 23. Juni 2016 hielt das Vereinigte Königreich ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Noch am selben Abend trafen sich einige britische Journalisten in der Brüsseler Bar The Funky Monkey, während ein Sommergewitter über die Stadt zog.
BritPack in der Bar
Die informelle Gruppe britischer Zeitungskorrespondenten in Brüssel, bekannt als BritPack, war anwesend. Vertreten waren Journalisten von The Guardian, The Times, The Telegraph, The Sun, The Express, The Economist und dem Financial Times. Der Verfasser dieses Berichts arbeitete für Euractiv als Korrespondent für Brexit und EU‑Außenpolitik und war der einzige Journalist aus Nordengland in der ansonsten London‑zentrischen Gruppe.
Stimmungswandel im Norden Englands
Der Autor hatte bereits vor dem Referendum einen Wandel der politischen Stimmung im Norden Englands beobachtet. In den Pennines wechselten Protestschilder von der Ablehnung von Windparks zur Ablehnung der EU. Ehemalige Klassenkameraden aus Grammatikschulen in Lancashire und Yorkshire ließen sich von Nigel Farages anti‑immigration‑Botschaft ansprechen. Die Wahlbeteiligung im Norden Englands sank von 71 % nach der Bundestagswahl 1997 auf 59 % bei der Wahl 2005 und hat sich seitdem nicht vollständig erholt.
Debatte über das Exit‑Polling
Während der Bar‑Diskussion diskutierten die Journalisten das bevorstehende Exit‑Polling. Ein Journalist behauptete, die Umfragen seien ungenau und die Pro‑Remain‑Seite würde mit mindestens fünf Punkten Vorsprung gewinnen, während ein anderer prognostizierte, das Leave‑Ergebnis liege etwa fünfzehn Prozentpunkte über den Umfrageprognosen. Die Gruppe erwartete allgemein einen bescheidenen Sieg für die pro‑EU‑Seite, und der Autor ließ sich etwa dreißig Minuten lang von der Optimismus seiner Kolleg*innen anstecken.
Das überraschende Ergebnis
Als das Exit‑Polling veröffentlicht wurde, zeigte es, dass die Leave‑Seite 51,9 % der Stimmen erhalten hatte. Das Ergebnis wurde als überraschend für das britische Presseinstitutionellum beschrieben. Einige Kritiker argumentieren, dass die Journalist*innen die besten verfügbaren Daten genutzt hätten und das unerwartete Ergebnis die echte Volatilität widerspiegele.
Wirtschaftliche Folgen
Das Office for Budget Responsibility und unabhängige Think‑Tanks schätzen, dass der Brexit das britische BIP um sechs bis acht Prozent reduziert. Der geschätzte Verlust entspricht Milliarden Pfund an reduzierter Produktion pro Jahr. Der fiskalische Effekt ist in Regionen mit niedrigerem Lohnniveau, höherer Arbeitslosigkeit und begrenzten öffentlichen Dienstleistungen am gravierendsten.
Der Autor argumentiert, dass die Medienberichterstattung sich stärker auf Umfragen und elitäre Kommentare konzentrierte als auf die Lebensrealität der Wähler*innen. Er schlägt vor, dass die binäre Referendumsfrage emotionale Argumente gegenüber einer detaillierten Diskussion begünstigte und dass ein komplexerer Fragebogen Wähler*innen herausfiltern könnte, die die verschiedenen EU‑Arrangements nicht unterscheiden können.
Grenzüberschreitende Auswirkungen
Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit reichen über das Vereinigte Königreich hinaus und betreffen EU‑Unternehmen, die ihre Lieferketten neu verhandeln mussten. Regulatorische Unsicherheit nach dem Brexit hat Investitionen in EU‑Sektoren wie Automobil und Finanzen abgeschreckt. EU‑Arbeiter*innen sehen sich verstärktem Wettbewerb um Arbeitsplätze ausgesetzt, die zuvor vom freien Personenverkehr profitierten. Das EU‑Programm Europe for Citizens wurde dafür kritisiert, für Bewohner*innen postindustrieller Städte zu abstrakt zu sein.
Sozialpolitische Reaktionen
Gewerkschaftsführer*innen in Deutschland, Frankreich und Spanien nutzen den Brexit‑Fall, um stärkere soziale Schutzmaßnahmen und Politiken zur Bekämpfung regionaler Ungleichheit zu fordern. Der Autor rät Journalist*innen, die Europa berichten, aktuelle Nachrichten mit tiefergehender Analyse sozioökonomischer Treiber zu verbinden und betont, dass ein vielfältiges Set regionaler Stimmen informativer sein kann als ein Konsens einer kleinen Gruppe London‑basierter Korrespondent*innen.