Deutschlands Sicherheitschef warnt: Russlands hybride Angriffe haben rote Linie überschritten
Ein ehemaliger Bundeswehroffizier sieht in den jüngsten Sabotageakten einen Wendepunkt in Moskaus Kampagne gegen Europa.

Nico Lange, ein ehemaliger Bundeswehroffizier und leitender Berater im Bundesverteidigungsministerium, sagte dem Dennik, dass die jüngste Welle von Sabotagevorfällen einen Wendepunkt in Moskaus Kampagne gegen Europa markiere. Der Einsatz von militärischen Sprengstoffen im Drohnenplan am Flughafen Leipzig und das Auffinden eines geheimen Waffenlagers nahe Berlin zeige, dass Russland nicht länger hinter der Rhetorik des "hybriden Krieges" zurückstecke, sondern sich selbst im Krieg mit dem Westen sehe.
Angriffsmuster breitet sich über den Kontinent aus
Laut Lange seien die Vorfälle in Deutschland Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abziele, die Rüstungsindustrien der NATO‑Staaten, die die Ukraine unterstützen, zu untergraben. Er verwies auf dänische Geheimdienste, die vor Brandanschlägen auf den Waffensektor des Landes warnten, sowie auf einen polnischen Versuch, ein Drohnen‑Herstellungswerk zu sabotieren. "All diese Aktionen passen in ein Muster russischer Aktivitäten rund um die Rüstungsindustrie und in Staaten, die Kiew unterstützen", erklärte er.
Deutschland: Schnell wachsende Liste mutmaßlicher russischer Vorfälle
In Deutschland habe die Liste der angeblich russisch verknüpften Ereignisse rasch zugenommen: Anfang Juni wurde am Flughafen Leipzig eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt; ein verborgenes Waffenlager, das angeblich von russischen Geheimdiensten genutzt wurde, wurde in der Nähe der Hauptstadt gefunden; ein mutmaßlicher Brand zielte auf einen Rüstungshersteller in München; und an mehreren Kraftwerken wurden unerklärliche Schäden gemeldet. Während die genaue Zahl der Vorfälle umstritten bleibt, hat das Bundesinnenministerium nun offiziell den Drohnenangriff in Leipzig und damit die gesamte Serie Moskau zugeschrieben.
Leipziger Vorfall als rote Linie
Lange argumentiert, dass der Fall Leipzig das erste Mal sei, dass die deutsche Regierung Russland öffentlich als Täter eines konkreten Sabotageakts benannt habe. Innenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul verkündeten die Zuschreibung auf einer Pressekonferenz, ein Schritt, den Lange als "den richtigen Ansatz" bezeichnet, "nicht als Reihe isolierter Vorfälle, sondern als System russischer Angriffe" zu sehen.
Er fügt hinzu, dass der eigentliche Durchbruch der Einsatz von "militärischen Sprengstoffen" war, die beinahe detonierten und damit aus einer potenziell kleinen Störung eine Katastrophe machen könnten. "Die gedachte rote Linie wurde durch den Einsatz solcher Sprengstoffe und die Tatsache, dass es fast in einer Katastrophe endete, überschritten", sagte Lange. "Das wirklich neue Element ist, dass die deutsche Regierung endlich den Mut gefunden hat, Russland die Verantwortung zuzuweisen."
Folgen für deutsche Verteidigung und öffentliche Sicherheit
Für ein Land, das rund 1,4 % seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgibt, deutlich unter dem NATO‑Ziel, wirft die Gefahr verdeckter Angriffe Fragen zur Angemessenheit der aktuellen Sicherheitsvorkehrungen auf. Lange warnt, dass die Vorfälle "GAPs in der Gegenaufklärung an der Ostflanke der NATO" offenbaren und dass Deutschlands Fähigkeit, kritische Infrastruktur zu schützen, nach wie vor ungleichmäßig sei.
Er betont, dass die Angriffe nicht nur symbolisch seien. Die Sabotage von Kraftwerken könne Blackouts auslösen, die Krankenhäuser, Schulen und den öffentlichen Nahverkehr betreffen und damit die normalen Bürger unverhältnismäßig stark belasten. "Alle reden von Eskalation, aber es kann keine Eskalation sein, wenn man sich gegen einen Angriff verteidigt", sagte er dem Dennik und unterstrich die Notwendigkeit einer robusten Verteidigungshaltung.
Was Moskau zu erreichen versucht
Lange sieht in der russischen Strategie das Ziel, das Vertrauen in europäische Sicherheitsgarantien zu erschüttern und Regierungen, die Waffen an Kiew liefern, unter Druck zu setzen. Durch Angriffe auf die Lieferkette von Rüstungsherstellern und kritischen Versorgungsunternehmen wolle Moskau ein Klima der Angst schaffen, das die öffentliche Meinung gegen weitere Hilfe für die Ukraine wenden könnte.
Er bemerkte, dass die offizielle Narrative des Kreml den Begriff "hybrider Krieg" ablehne. Aus Sicht Moskaus sei es ein konventioneller Krieg, der an mehreren Fronten mit militärischen und nicht‑militärischen Mitteln geführt werde. "Aus russischer Sicht gibt es keinen 'hybriden Krieg'. Es ist einfach Krieg, der die ganze Zeit andauert", sagte Lange.
Europäische Reaktion und Weg nach vorn
In der EU haben die Mitgliedstaaten begonnen, den Informationsaustausch enger zu koordinieren, doch Lange warnt, dass bürokratische Trägheit und unterschiedliche Bedrohungsbewertungen weiterhin eine einheitliche Reaktion behindern. Er fordert eine "europäische Gegen‑Hybrid‑Strategie", die stärkere Grenzkontrollen, verbesserte Cyberabwehr und mehr Mittel für die inneren Sicherheitsdienste kombiniert.
Gewerkschaften äußern Bedenken, dass die wachsende Sicherheitsbedrohung zu höheren Kosten für Arbeitnehmer führen könnte, insbesondere wenn Unternehmen Preise erhöhen, um zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu decken. Gleichzeitig argumentieren Branchenverbände, dass strengere Regulierungen die Innovation in Bereichen wie Drohnentechnologie, die für die grüne Transformation Europas entscheidend ist, behindern könnten.
Die Regierung von Bundeskanzler Olaf Scholz hat zugesagt, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und die Bundeswehr zu modernisieren, doch Kritiker bemängeln, dass das Reformtempo zu langsam sei. "Wir müssen die Rhetorik in konkrete Ressourcen für Polizei, Bundeskriminalamt und Nachrichtendienste umsetzen", forderte Lange.
Kurzfristige Maßnahmen
Das Innenministerium plant, Patrouillen rund um kritische Infrastruktur zu verstärken und eine Aufklärungskampagne zu starten, die vor möglicher Sabotage warnt. Die Generalbundesanwaltschaft hat ein Sonderermittlungsverfahren zum Leipzig‑Fall eingeleitet, und mehrere Verdächtige sollen derzeit überwacht werden.
Obwohl die unmittelbare Gefahr abgewendet zu sein scheint, warnt Lange, dass das Angriffsmuster so lange weitergehen werde, wie der Krieg in der Ukraine andauere. "Wenn Russland sieht, dass seine verdeckten Aktionen Wirkung zeigen, wird es weiter die Grenzen testen", sagte er. "Europa muss bereit sein, nicht nur seine Grenzen, sondern auch das tägliche Leben seiner Bürger zu verteidigen."
