EU‑Kommission stellt neues Gesetz zur Bekämpfung der Wohnungskrise vor
Ein neues EU‑Gesetz soll Städten mehr Handlungsrahmen gegen Kurzzeitvermietungen und leerstehende Wohnungen geben, doch Experten warnen, dass es das Grundproblem steigender Mieten kaum lösen kann.
Die Europäische Kommission hat diese Woche ein Gesetzespaket zur Förderung von bezahlbarem Wohnen vorgestellt. Ziel ist es, den Mitgliedstaaten Werkzeuge an die Hand zu geben, um in besonders belasteten Regionen gegen überhöhte Mietpreise und spekulative Leerstände vorzugehen.
Was das Gesetz konkret vorsieht
Der Vorschlag sieht vor, dass Städte, die als "unter Wohnungsdruck stehend" eingestuft werden, strengere Auflagen für Kurzzeitvermietungen, Zweitwohnungen und dauerhaft leerstehende Immobilien erlassen dürfen. Eine solche Einstufung erfolgt, wenn die lokalen Immobilienpreise und Mietkosten die durchschnittlichen Einkommen deutlich übersteigen.
Damit soll insbesondere der wachsende Anteil von Ferienwohnungen in beliebten Touristenzentren eingedämmt werden. Daten der Kommission zeigen, dass die Zahl der Angebote auf großen Plattformen zwischen 2018 und 2024 fast verdoppelt wurde. In Madrid gibt es demnach rund 40 Kurzzeitvermietungen pro 100 langfristige Mietverträge.
Städte reagieren bereits
Einige Kommunen haben bereits eigene Beschränkungen eingeführt. Barcelona plant ein generelles Verbot von Kurzzeitvermietungen ab 2028, während Amsterdam und Wien bereits in ausgewählten Quartieren Verbote gelten lassen. Paris hat die zulässige Vermietungsdauer pro Jahr begrenzt.
Dennoch stehen die Städte vor rechtlichen Hürden. Im Mai verloren Eigentümerverbände in Florenz und Tourismusverbände eine Klage gegen städtische Beschränkungen, und im März wies ein spanisches Gericht die Berufung von Airbnb gegen eine Geldstrafe wegen illegaler Angebote zurück.
Hintergrund: Warum Kurzzeitvermietungen problematisch sind
Dan Jørgensen, EU‑Kommissar für Wohnungswesen, betonte, dass die Verdrängung von systemrelevanten Arbeitskräften wie Lehrkräften und Polizistinnen und Polizisten aus dem regulären Wohnungsmarkt ein zentrales Problem darstelle. "Weil wir dies als Treiber für Preissteigerungen identifizieren können, halten wir es auch für relevant, etwas dagegen zu tun", erklärte er gegenüber Journalisten.
Allerdings machen Kurzzeitvermietungen laut Kommissionsangaben nur 1,2 % aller EU‑Wohnungen aus. Der größere Teil des Problems liegt in leerstehenden Immobilien, von denen etwa jede fünfte als Ferienhaus genutzt wird.
Langfristige Preisentwicklung und Angebotslücken
Seit 2015 sind die Immobilienpreise in der EU um mehr als 60 % gestiegen. In Ländern wie Ungarn, Estland und Litauen haben sich die Preise seit 2010 sogar verdreifacht. Die durchschnittlichen Mieten sind um rund ein Fünftel höher, wobei Estland, Litauen, Ungarn und Irland besonders stark betroffen sind.
Der Wohnungsbau hat seit der Finanzkrise 2008 kaum nachgeholt. Laut Forschern der Kommission wird bis 2035 ein Defizit von sieben Millionen neuen Wohnungen bestehen. Gleichzeitig steigt die Zahl alleinstehender Haushalte, was die Nachfrage weiter anheizt.
Die Folgen für die Bevölkerung sind gravierend: Jeder zehnte EU‑Bürger gibt an, Schwierigkeiten zu haben, Miete oder Hypothek pünktlich zu zahlen. In Griechenland verwendet fast ein Viertel der Haushalte 40 % oder mehr ihres Einkommens für Wohnkosten.
Besonders stark betroffen sind Menschen mit sehr niedrigem Einkommen. Der Anteil an Sozialwohnungen ist auf knapp unter 7 % aller Wohnungen gesunken, während die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum weiter steigt.
Grenzen des EU‑Ansatzes
Jørgensen räumte ein, dass das neue Gesetz kein Allheilmittel sei. "Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass dies kein Allheilmittel ist, das alle Probleme in Europa lösen wird", sagte er. Die eigentliche Umsetzung liege bei den Städten, die entscheiden müssten, wie weit sie gehen und welche Maßnahmen sie ergreifen.
Die Kommission betont, dass sie lediglich sicherstellen wolle, dass die Binnenmarktvorschriften nicht die kommunalen Handlungsspielräume einschränken. Ob diese Vorgaben ausreichen, um die Mietpreise nachhaltig zu senken, bleibt offen.
Ausblick für europäische Haushalte
Für viele europäische Haushalte bedeutet das neue Gesetz vorerst nur ein Versprechen, das von den lokalen Behörden konkretisiert werden muss. Während einige Städte bereits strenge Regelungen eingeführt haben, wird die Wirksamkeit stark von der Durchsetzung und von ergänzenden Maßnahmen im Wohnungsbau abhängen.
Gewerkschaften und soziale Organisationen fordern neben den Beschränkungen für Kurzzeitvermietungen vor allem massive Investitionen in den Neubau von Sozial- und Mietwohnungen. Ohne ein solches Angebot könnten die bereits hohen Wohnkosten weiter ansteigen und die soziale Ungleichheit vertiefen.
Die Debatte um bezahlbares Wohnen bleibt damit ein zentrales Thema der europäischen Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die EU‑Initiative genug Druck erzeugt, um die dringend benötigte Wende im Wohnungsmarkt herbeizuführen.
