Satellitenflut bedroht europäische Nachthimmel
Millionen neue Satelliten könnten den Sternenhimmel über Städten unsichtbar machen und die Astronomie stark beeinträchtigen.
SpaceX und andere Unternehmen planen, bis zu einer Million Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen, um Dienste wie globale Internetversorgung und KI‑Rechenleistung zu ermöglichen. Die Europäische Südsternwarte (ESO) warnt, dass ein solcher Ansturm das nächtliche Bild über Europa grundlegend verändern könnte.
Bereits heute umkreisen mehr als 18.000 Satelliten die Erde, wobei die meisten zu Elon Musks Starlink‑Konstellation gehören. In den letzten Jahren haben Beobachter in Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern immer wieder helle Lichtstreifen am Himmel gemeldet, die mit bloßem Auge erkennbar sind. Diese Phänomene entstanden, weil die Satelliten von der Sonne beleuchtet werden, obwohl am Boden bereits Dunkelheit herrscht.
Wachsende Lichtverschmutzung und neue Bedrohung
Die Lichtverschmutzung durch Straßenbeleuchtung und andere künstliche Quellen nimmt laut einer Studie von 2023 fast zehn Prozent pro Jahr zu. Sechs von zehn Europäern konnten 2016 die Milchstraße nicht mehr erkennen, ein Trend, der sich laut dem "Weltatlas der künstlichen Himmelshelligkeit" weiter verschärft. Ein Kind, das heute noch rund 250 Sterne zählen kann, wird im Erwachsenenalter voraussichtlich nur noch etwa 100 sehen.
Die geplanten Satelliten würden diese Entwicklung beschleunigen. Die ESO‑Studie vom Juli 2026 schätzt, dass Unternehmen bereits Anträge für den Start von mehr als 1,7 Millionen Satelliten eingereicht haben. Die hellsten dieser Objekte könnten in ihrer Helligkeit mit der Venus konkurrieren, sodass sie selbst in stark beleuchteten Städten wie München die einzigen noch sichtbaren Lichtpunkte am Himmel darstellen könnten.
Folgen für Wissenschaft und Gesellschaft
Für die Astronomie bedeutet ein überfüllter Orbit nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern auch ernsthafte wissenschaftliche Hindernisse. Forschungseinrichtungen berichten von gestörten Beobachtungen, weil Satellitenlicht die Messungen von Teleskopen überlagert. Die ESO warnt vor "verheerenden Folgen für die Astronomie", wenn die Zahl der sichtbaren Satelliten nicht begrenzt wird.
Auch für die breite Öffentlichkeit hat das Thema direkte Auswirkungen. Der nächtliche Himmel war über Jahrtausende ein Orientierungspunkt und ein kulturelles Erbe. Wenn er zunehmend von künstlichen Lichtquellen dominiert wird, verliert die Gesellschaft einen Teil ihrer Verbindung zur Natur und zu traditionellen Wissensformen.
Die Studie empfiehlt, die Gesamtzahl der aktiven Satelliten unter 100 000 zu halten, damit sie für das bloße Auge unsichtbar bleiben. Dieser Vorschlag stößt jedoch auf Widerstand seitens der Unternehmen, die argumentieren, dass ein dichteres Netzwerk notwendig sei, um globale Breitbandversorgung und neue Technologien zu ermöglichen.
Ein Sprecher von SpaceX betont, dass die geplanten Satelliten "kritisch für die digitale Inklusion" seien und dass "technische Lösungen" wie dunklere Oberflächen oder spezielle Umlaufbahnen entwickelt werden, um die Sichtbarkeit zu reduzieren. Reflect Orbital, ein weiteres Unternehmen, testet Spiegel, die nachts Sonnenlicht zurück zur Erde reflektieren sollen, um die nächtliche Beleuchtung zu verbessern, ein Konzept, das ebenfalls Bedenken hinsichtlich zusätzlicher Lichtverschmutzung aufwirft.
Die Regulierungsbehörden in den USA haben bislang die Anträge der Unternehmen genehmigt oder in Bearbeitung. In Europa fehlt bislang ein einheitlicher Rechtsrahmen, der die Zahl der Satelliten begrenzen oder deren Helligkeit regulieren könnte. Die Europäische Kommission arbeitet an Richtlinien für den Weltraumverkehr, doch konkrete Vorgaben zur Lichtemission stehen noch aus.
Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet das, dass die Möglichkeit, nachts Sterne zu sehen, zunehmend vom Markt und von politischen Entscheidungen abhängt. Gewerkschaften und Umweltverbände fordern mehr Transparenz und eine stärkere Einbindung der Öffentlichkeit in die Genehmigungsverfahren. Sie argumentieren, dass die Kosten für die Gesellschaft, etwa durch den Verlust von Sternenbeobachtungen für Bildung und Tourismus, nicht von privaten Unternehmen getragen werden sollten.
Bislang bleibt die Unterscheidung zwischen Stern und Satellit für Laien schwierig. Sterne funkeln und bleiben an ihrer Position, während Satelliten in geraden Linien über den Himmel gleiten und innerhalb weniger Minuten verschwinden. Sie sind meist eine Stunde nach Sonnenuntergang und kurz vor der Morgendämmerung am sichtbarsten, wenn sie das noch vorhandene Sonnenlicht reflektieren.
Die Debatte um den Himmel als öffentliches Gut wird in den kommenden Monaten wahrscheinlich intensiver, sobald weitere Genehmigungen erteilt werden. Beobachterinnen und Beobachter sind aufgerufen, Lichtverschmutzung zu melden und sich an Diskussionen über die zukünftige Nutzung des Weltraums zu beteiligen.