Escalierende Bandengewalt in Brüssels Saint‑Gilles lässt Bewohner im Stich
Die einst für Art‑Nouveau‑Fassaden und lebendige Café‑Kultur bekannte Gemeinde wird zum Brennpunkt von Drogenhandel, Bombenanschlägen und Schießereien.

Saint‑Gilles, eine dicht besiedelte Gemeinde in der belgischen Hauptstadt, ist zum Epizentrum einer Welle von Bandengewalt geworden, die die Grenzen der lokalen Polizeiarbeit und die Geduld ihrer vielfältigen Bewohner auf die Probe stellt.
Identitätsdiebstahl und ein missglückter Griff
Der jüngste Vorfall drehte sich um einen Mann, der nur als Beke bekannt ist. Er wurde in seiner eigenen Werkstatt festgenommen, nachdem ein FedEx‑Paket mit etwa 10 kg Marihuana an seine Privatadresse geliefert worden war. Die Polizei erklärte, die Sendung sei unter seinem Namen verschickt worden, ein klassischer Fall von Identitätsdiebstahl, den Drogenhändler nutzen, um der Entdeckung zu entgehen. Beke verbrachte 26 Stunden in einer Zelle, bevor er entlassen wurde. Er betonte, er sei ein unschuldiges Opfer, das in einem Viertel lebe, "wir wohnen in einer Straße, in der es Kriminelle gibt".
Ein Schmelztiegel aus Kultur und Kriminalität
Saint‑Gilles, eine von 19 Gemeinden Brüssels, ist berühmt für seine Art‑Nouveau‑Fassaden, das pulsierende Café‑Leben und eine Bevölkerung aus mehr als 140 Nationalitäten. Doch dieselben Straßen, die früher Festivals und Freiluft‑Kunstausstellungen beherbergten, sind heute Schauplatz von offenen Drogengeschäften, Bombenanschlägen und Schüssen.
Tagelicht‑Handel und tägliche Geldströme
Händler verkaufen Drogen nun bei Tageslicht, häufig direkt von den Spielplätzen am Parvis, einem zentralen Platz weniger als 400 Meter von der Gemeindepolizei entfernt. Während Kinder spielen, tauschen Dealer Bargeld aus, ein Anblick, der Eltern machtlos zurücklässt. Ähnlich sieht es am Bethléem‑Platz aus, wo Schätzungen zufolge Banden zwischen 15.000 € und 50.000 € pro Tag verdienen, obwohl die Kokainpreise seit der Pandemie stark gefallen sind, von rund 100 $ pro Gramm auf heute etwa 16 $, laut Innenminister Bernard Quintin.
Der finanzielle Anreiz ist klar: Ein Gramm Kokain kostet heute nur noch einen Bruchteil des früheren Preises, doch das Verkaufsvolumen bleibt hoch und nährt einen Kreislauf aus Profit und Gewalt.
Schießereien und Bombenanschläge
Brüssel verzeichnete im vergangenen Jahr 102 Schüsse; im laufenden Jahr sind bereits 62 Vorfälle gemeldet, wobei Saint‑Gilles und die Nachbargemeinde Forest von Julien Moinil, dem Chefankläger Brüssels, besonders hervorgehoben wurden. "Wird das aufhören? Ich glaube nicht. Glauben Sie, es wird ruhiger? Nein", sagte er gegenüber Reportern und fügte hinzu, dass ebenfalls 22 Explosionen registriert wurden.
Ende April detonierten mehrere Bomben in Wohnstraßen. Eine Explosion zerschlug fünfzehn Fenster des Institut des Filles de Marie, einer Geburts‑ und Grundschule gegenüber dem geplanten Ziel, der Bar OKLM Chicha Lounge. Es gab keine Verletzten, doch das Ereignis verdeutlichte, wie wahllos die Gewalt geworden ist. Ein früheres Gerät beschädigte zehn Fahrzeuge in einer benachbarten Straße.
Ende August folgte eine Serie von Schüssen, die die Polizei dazu zwang, in einem Park nahe dem historischen Halle‑Tor einzugreifen. Dort wurden zwei bewaffnete Männer mit Kalaschnikow‑Gewehren und Pistolen festgenommen. Der Park, bereits ein Hotspot für Obdachlose, vor allem undokumentierte Migranten, dient nun auch als Ausgangspunkt für bewaffnete Auseinandersetzungen.
Auch ein Polizeirevier in Anderlecht wurde beschossen, ein Akt, den die Behörden als Einschüchterungsversuch bezeichneten.
Rechtliche Engpässe und überfüllte Gefängnisse
Im vergangenen Jahr wurden in Brüssel rund 7.000 Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus festgenommen. Moinil betonte, es gehe nicht nur um administrative Probleme: "Ich spreche nicht von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung, das ist ein Verwaltungsproblem. Ich spreche von Menschen, die illegal bleiben und Straftaten begehen, zum Beispiel Vergewaltigung, Drogenhandel, Schießerei." Viele der Inhaftierten haben mehrere Abschiebungsbefehle, doch das System scheitert an deren Durchsetzung.
Kriminelle Banden setzen zunehmend auf billige Arbeitskräfte von undokumentierten Migranten, darunter minderjährige Franzosen, die das belgische Justizsystem umgehen. Der Staatsanwalt warnte, dass diese Dynamik einen Teufelskreis aus Ausbeutung und Gewalt befeuert.
Mehr als 80 Verurteilungen wegen Schüssen und Drogenvergehen wurden wegen überfüllter Gefängnisse ausgesetzt. Ein jüngerer Gesetzesänderung verlangt nun, dass Richter Haft nur als letztes Mittel einsetzen und stattdessen gemeinnützige Arbeit oder Geldstrafen bevorzugen. Kritiker befürchten, dass Nachsicht die Banden ermutigt, während Menschenrechtsaktivisten auf die unmenschlichen Haftbedingungen hinweisen.
Fragmentierte Verwaltung und Sparmaßnahmen
Die Krise wird durch Belgiens notorisch fragmentiertes institutionelles Gefüge verschärft. Zuständigkeiten und Budgets sind zwischen Bundes-, Regional‑ und Kommunalbehörden aufgeteilt, was koordinierte Maßnahmen erschwert. Die derzeitige rechtskonservative Koalition unter Bart De Wever plant Kürzungen von 10 Milliarden €, ein Schritt, der die Ressourcen für Polizei und Sozialdienste weiter aushöhlen könnte.
Selbst grundlegende Verwaltungsaufgaben leiden unter Doppelstrukturen. Belgien beschäftigt zum Beispiel fünf separate Minister für Klima und Umwelt auf verschiedenen Regierungsebenen, ein Symptom der breiteren Dezentralisierung, die schnelle politische Reaktionen behindert.
Bürger mobilisieren sich
Rund 500 Menschen versammelten sich auf einem Platz in Saint‑Gilles, um ihre Frustration zu äußern und sich nicht von "Angst und Ohnmacht" beherrschen zu lassen. Ihr Protest verdeutlichte die tägliche Realität, in einem Viertel zu leben, in dem Banden an einem einzigen Ort bis zu 50.000 € pro Tag erwirtschaften können.
Gewerkschaftsvertreter und Gemeinschaftsgruppen fordern einen deutlichen Ausbau des Ermittlungspersonals und eine eigene Haushaltsposition zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Ohne eine klare, gut finanzierte Strategie droht die Stadt, zum Labor für Bandenherrschaft zu werden.
Polizei unter Druck
Die Polizeikräfte sind stark ausgelastet. Die Nähe der Gemeindepolizei zum Parvis‑Markt, wo Dealer operieren, hat das Gebäude zu einem symbolischen Ziel gemacht. Bewohner berichten, dass die Beamten oft reaktiv statt präventiv agieren, ein Eindruck, der das Misstrauen schürt.
Europäische Perspektive
Europäische Beobachter sehen in Saint‑Gilles ein Spiegelbild von Herausforderungen in anderen Großstädten, in denen Drogenmärkte von versteckten Gassen in öffentliche Plätze verlagert sind. Der EU‑Drogen‑politische Rahmen betont Schadensminimierung und grenzüberschreitende Zusammenarbeit, doch nationale Fragmentierung kann dessen Wirksamkeit schwächen.
Ausblick
Für die Einwohner von Saint‑Gilles bedeutet der Alltag, in einem Umfeld zu navigieren, in dem ein neugeborenes Kind in einem Haus betreut wird, das gleichzeitig illegale Drogenlieferungen erhält, Schulfenster von Bomben zerschlagen werden, die auf nahegelegene Bars abzielen, und das Geräusch von Schüssen keine Ausnahme mehr ist.
Während die Stadt sofortige Sicherheitsmaßnahmen benötigt, erfordern langfristige Lösungen die Bekämpfung der Grundursachen: Armut, Marginalisierung undhaftender Migranten sowie ein Justizsystem, das von Überfüllung belastet ist. Ohne ein gemeinsames europäisches und nationales Vorgehen könnten die Bewohner von Saint‑Gilles weiterhin die Hauptlast eines Drogenkriegs tragen, der immer weiter von den Machtzentren entfernt scheint.


