EU‑Außenpolitik muss neu strukturiert werden, Diskussion über die Eingliederung des Auswärtigen Dienstes in die Kommission
Der Europäische Auswärtige Dienst (EEAS) steht unter Druck, und Politiker prüfen, ob er künftig Teil der Europäischen Kommission werden soll.

Der Europäische Auswärtige Dienst (EEAS), der 2009 nach dem Vertrag von Lissabon gegründet wurde, sollte der EU eine einheitliche Stimme auf der internationalen Bühne verleihen. Der Vertrag vereinigte drei bisher getrennte Posten, den Vorsitz des Rates für Außenbeziehungen, einen Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und den Leiter des diplomatischen Korps, in die Funktion des Hohen Vertreters.
Warum der EEAS unter Druck steht
Inhaberin des Amtes des Hohen Vertreters haben wiederholt beklagt, dass die Arbeitsbelastung untragbar sei und das Amt über keinen eigenen Stellvertreter verfüge. Die Reformen, die den EEAS schufen, nahmen zudem die außenpolitischen Aufgaben der rotierenden EU‑Präsidentschaft heraus, sodass der neue Dienst von der Kommission für Finanzierung und Verfahren abhängig ist, während er formell dem Rat rechenschaftspflichtig bleibt. Senior‑Diplomaten berichten, dass der EEAS Schwierigkeiten habe, Außen‑ und Wirtschaftspolitik zu koordinieren, und häufig von den Mitgliedstaaten umgangen werde.
Jüngste Krisen haben die Schwächen des Dienstes deutlich gemacht. Die Reaktion der EU auf die Turbulenzen im Nahen Osten, den Krieg in der Ukraine und den strategischen Wettbewerb mit China wurde als fragmentiert beschrieben, wobei der Einfluss des Hohen Vertreters durch die Spaltungen unter den 27 Mitgliedstaaten geschwächt sei.
Ausweitende Rolle der Kommission
Unter der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Kommission eine aktivere geopolitische Haltung eingenommen. Ein Kommissar für Verteidigung wurde im Hauptquartier der Kommission eingesetzt, und die Kommission verwaltet nun Instrumente zur Stärkung der europäischen Verteidigung und zu Sanktionen, Bereiche, die zuvor zum Aufgabenfeld des EEAS gehörten. Der Hohe Vertreter bleibt Vorsitzender des Rates für Außenbeziehungen, doch der Europäische Rat ist zum wichtigsten Forum für außenpolitische Diskussionen geworden, wodurch die Sichtbarkeit des Hohen Vertreters weiter abnimmt.
Die tägliche Koordination der Außenpolitik verlagert sich zunehmend in informelle Gruppen außerhalb der formellen EU‑Organe. Eine geleakte Gästeliste zeigte die Teilnahme der ehemaligen estnischen Außenministerin Kaja Kallas und des Silicon‑Valley‑Unternehmers Peter Thiel an solchen Netzwerken.
Forderungen nach einer Fusion
Analysten argumentieren, dass die Eingliederung des EEAS in die Kommission Zuständigkeiten klären, Überschneidungen beseitigen und Ressourcen für ein agileres Handeln freisetzen würde. Die Kommission kontrolliert bereits viele außenpolitische Instrumente, darunter Handel, Wettbewerb, Forschungs‑ und Technologieprogramme. Vorschläge sehen vor, dass nationales diplomatisches Personal im System verbleibt, mit Sonderregeln für EEAS‑Abschnitte, die Frieden, Sicherheit und Verteidigung betreffen, um die nationale Aufsicht zu bewahren.
Der rechtliche Weg erscheint unkompliziert. Die 2010 getroffene Entscheidung, die den EEAS schuf, kann durch einen einstimmigen Beschluss geändert werden, wenn der Hohe Vertreter den Vorschlag einbringt und die Kommission zustimmt, ein Vertragswechsel ist nicht nötig.
Wird der EEAS absorbiert, würde sich der Hohe Vertreter wahrscheinlich auf die Vizepräsidentschaft der Kommission konzentrieren und eng mit anderen Kommissaren an einer integrierten Außenstrategie arbeiten.
Opposition und Bedenken
Kritiker warnen, dass das eigentliche Hindernis der fehlende politische Wille der Mitgliedstaaten sei und dass viele strategische Entscheidungen Einstimmigkeit erfordern. Frankreich und Italien befürchten, dass ein kommissionszentriertes Modell die Rolle der nationalen diplomatischen Dienste schwächen könnte, während die Niederlande und Dänemark eine engere Verknüpfung von Außen‑ und Wirtschaftspolitik unterstützen.
Gewerkschaften äußern Bedenken, dass eine gestraffte EU‑Außenpolitik die Durchsetzung von Handelsregeln verstärken und Arbeitnehmer in vulnerablen Sektoren belasten könnte. Die Europäische Gewerkschafts‑Konföderation sagte: "Jede Umstrukturierung muss von robusten sozialen Schutzmaßnahmen und einem klaren Bekenntnis zum Schutz europäischer Arbeitsstandards im Ausland begleitet werden." Ein leitender Beamter der Generaldirektion für Außenbeziehungen der Kommission warnte: "Die EU kann es sich nicht leisten, parallele Strukturen zu haben, die aneinander vorbeisprachen."
Britische Beamte haben angemerkt, dass ein stärker vereinheitlichter europäischer diplomatischer Ansatz bilaterale Verhandlungen über Handel und Sicherheit komplexer machen könnte.
Nächste Schritte
Zukünftige Fortschritte werden voraussichtlich informelle Treffen zwischen dem Hohen Vertreter, der Kommissionspräsidentin und den ranghohen Außenministern erfordern, um die politische Unterstützung zu prüfen. Wird ein Konsens gefunden, könnte eine Änderung der EEAS‑Entscheidung von 2010 noch vor dem Ende der laufenden Kommissionsperiode vorgelegt werden.
Die Debatte spiegelt eine breitere Realität wider: Das außenpolitische Handlungsrahmenwerk der EU, das für eine frühere Ära konzipiert wurde, muss sich an eine Welt anpassen, in der Sicherheit, Wirtschaft und Technologie eng verflochten sind. Das Endergebnis wird bestimmen, wie wirksam die Union ihre Interessen schützen, ihre Werte fördern und grenzüberschreitende Krisen bewältigen kann.