EU‑China‑Handelsgespräche stocken, weil Brüsseler Treffen keine Maßnahmen gegen Überkapazitäten erzielt
Das Treffen von EU‑Vizepräsident Maroš Šefčovič und dem chinesischen Handelsminister Wang Wentao brachte keine Einigung über Instrumente zur Bekämpfung chinesischer Industrieüberkapazitäten.

Am 29. Juni trafen sich in Brüssel EU‑Vizepräsident für den Europäischen Green Deal Maroš Šefčovič und der chinesische Handelsminister Wang Wentao. EU‑Beamte bezeichneten das Zusammentreffen als entscheidenden Moment für die europäische Reaktion auf das wachsende Problem chinesischer industrieller Überkapazitäten.
Ungeklärte Vorschläge
Die Gespräche führten zu keinem Konsens über zwei Kommissionsvorschläge, die ein koordiniertes Politikpaket bilden sollten. Der erste, ein Überkapazitätsinstrument, würde der EU erlauben, zusätzliche Zölle auf chinesische Industrieprodukte zu erheben, wenn Subventionen oder staatlich gelenkte Produktion den Markt verzerren. Der zweite, ein Diversifikationsinstrument, würde Unternehmen in strategischen Sektoren verpflichten, nachzuweisen, dass sie nicht zu stark von einem einzigen Nicht‑EU‑Lieferanten abhängig sind.
Kommissionsbeamte hatten gehofft, das Paket im Treffen abzuschließen, doch die Vorschläge blieben offen. Die Kommission verschob die erwartete Debatte über die Instrumente von der Frühlings‑Sommer‑Phase auf den Herbst, ein Verzug, den Insider als "Kampf gegen den Widerstand" bezeichneten.
Wirtschaftlicher Hintergrund
Das Centre for European Reform (CER) schätzt, dass China etwa 30 % der weltweiten Fertigungsproduktion liefert und rund 13 % dieser Produktion selbst verbraucht. Das CER berechnet zudem, dass etwa 55 % der europäischen Fertigung einem wachsenden chinesischen Marktanteil ausgesetzt ist, was teilweise auf eine geschätzte Unterbewertung des Renminbi um 30 % zurückzuführen ist und chinesischen Exporteuren einen Preisvorteil verschafft.
Das EU‑Handelsdefizit mit China betrug 2025 rund 360 Milliarden Euro. Vorläufige Daten für die ersten fünf Monate 2026 deuten darauf hin, dass das Defizit 400 Milliarden Euro überschreiten könnte. Deutschland verzeichnet das größte nationale Defizit mit über 90 Milliarden Euro, während das gesamte EU‑Defizit weiter wächst.
Politische Reaktionen
Die scheidende EU‑Handelsverhandlerin Sabine Weyand warnte, dass Chinas Überproduktion und schwache Binnennachfrage ein globales Überangebot erzeugen, das nicht absorbiert werden kann, und das Risiko erhöhe, dass europäische Hersteller von billigen chinesischen Importen überrollt werden, während EU‑Exporte nach China bescheiden bleiben.
Französischer Präsident Emmanuel Macron forderte starke Gegenmaßnahmen zum Schutz der europäischen Industrie vor marktverzerrenden Subventionen. Spanischer Ministerpräsident Pedro Sánchez äußerte ähnliche Bedenken bereits zu Beginn des Jahres bei einem Besuch in Peking. Österreichische Außenministerin Beate Meinl‑Reisinger positionierte Österreich als moderate Stimme, die den Dialog mit China offen halten will, während österreichischer Kanzler Christian Stocker argumentierte, es sei zu früh, defensive Maßnahmen zu diskutieren.
Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten forderte verstärkte Investitionen in europäische Technologie und warnte, die EU müsse kritisch gegenüber globalen Wirtschaftsungleichgewichten bleiben. Deutscher Kanzler Friedrich Merz sagte, Europa könne höhere chinesische Produktivität akzeptieren, aber nicht das unkontrollierte Fluten des Marktes und systematische Subventionen tolerieren, die Überkapazitäten erzeugen. Er betonte zudem Bedenken hinsichtlich der begrenzten Konvertierbarkeit des Renminbi und der geschlossenen Kapitalmärkte Chinas als Wettbewerbsverzerrungen.
Tschechischer Ministerpräsident Andrej Babiš bezeichnete die Lage nach einer Unterrichtung von EU‑Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu makroökonomischen Ungleichgewichten als dramatisch. Auf dem EU‑Gipfel in Brüssel in der Vorwoche äußerten die Staats- und Regierungschefs nur vorsichtige Bemerkungen zu China.
Folgen für die EU‑Politik
Würden die Überkapazitäts‑ und Diversifikationsinstrumente angenommen, könnten sie europäische Lieferketten neu gestalten. Zölle auf chinesischen Stahl würden dem kürzlichen Schritt des Vereinigten Königreichs zur Verstaatlichung von British Steel und dessen Schutztarifregime ähneln. Der britische Handelsminister Peter Kyle, der Wang in London treffen soll, deutete an, dass Großbritannien einseitig handeln könnte, wenn die EU‑Reaktion als zu langsam wahrgenommen wird.
Analysten weisen darauf hin, dass die Reduzierung billiger Importe die Verbraucherpreise erhöhen könnte, aber heimische Arbeitsplätze in von subventionierten chinesischen Produkten unter Druck geratenen Sektoren schützen könnte. Gewerkschaften warnten, dass jede Politik von Investitionen in Qualifizierung und Modernisierung begleitet werden müsse, um den Lebensstandard nicht zu gefährden. Verbraucherverbände warnten, dass ein Verbot chinesischer Wechselrichter die Energiekosten erhöhen und die EU‑Klimaziele verzögern könnte.
Weitere Entwicklungen
Nach dem Brüsseler Treffen plant Wang einen dreitägigen Besuch im Vereinigten Königreich, der Gespräche mit Peter Kyle einschließt. Der chinesische Stahlhersteller Jingye, Eigentümer von British Steel, drohte, etwa eine Milliarde Pfund Entschädigung zu fordern, falls das Vereinigte Königreich mit der Verstaatlichung fortfährt.
Strategische Perspektive
Beijing scheint den EU‑China‑Dialog zu verzögern und interne EU‑Debatten weiterlaufen zu lassen, ein Vorgehen, das möglicherweise darauf abzielt, Spaltungen zwischen den Mitgliedstaaten auszunutzen. Ursula von der Leyen versprach, in den kommenden Monaten neue Handelsverteidigungsinstrumente zu entwickeln, darunter das Diversifikationsinstrument, und betonte, dass Europa bereits über ein umfangreiches Instrumentarium verfüge, das proaktiver und strategischer eingesetzt werden müsse.
Die nächsten Schritte liegen in den Verhandlungen im Europäischen Rat, wo jedes Mitgliedsland die wirtschaftlichen Kosten von Zöllen gegen den Schutz strategischer Industrien abwägen wird. Analysten sagen, die Herbstdebatte werde die EU‑Einigkeit prüfen; ein Mehrheitsbeschluss könnte einen Präzedenzfall für den Umgang mit einer dominanten Fertigungsnation schaffen, während tiefere interne Uneinigkeit Europa in eine schwächere Verhandlungsposition drängen könnte, wobei die Anpassungskosten auf Arbeitnehmer und Verbraucher fallen würden.
Das Brüsseler Treffen wird daher als symbolischer Moment gesehen, der die anhaltende Auseinandersetzung innerhalb der EU darüber widerspiegelt, wie globale Handelsregeln angesichts chinesischer industrieller Überkapazitäten gestaltet werden sollen.
