EU-Erweiterung stockt, weil Balkanstaaten mit ungelösten Kriegserben kämpfen
Seit rund zwanzig Jahren wird den Westbalkanländern ein klarer Weg zur EU-Mitgliedschaft versprochen, doch ungelöste Konfliktfragen blockieren den Fortschritt.

Seit etwa zwanzig Jahren wird den westbalkanischen Staaten vermittelt, dass ein eindeutiger Pfad zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union existiert, doch der Fortschritt bleibt durch ungelöste Fragen aus den Konflikten der 1990er Jahre blockiert.
Thessaloniki-Erklärung und bisherige Zugänge
Die Thessaloniki-Erklärung des Europäischen Rates von 2003 bestätigte, dass die Zukunft des Balkans in der EU liegt. Kroatien trat 2004 der Union bei, gefolgt von Slowenien im Jahr 2013, während Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien noch keine Mitgliedschaft erreicht haben.
Stabilisierungs‑ und Assoziierungsprozess und seine Grenzen
Der Kandidatenstatus im Rahmen der EU‑Erweiterung ist an gute nachbarschaftliche Beziehungen und die vollständige Umsetzung des Stabilisierungs‑ und Assoziierungsprozesses (SAP) gebunden. Der SAP verpflichtet die Länder zur Zusammenarbeit mit dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), zur Erleichterung der Rückkehr von Flüchtlingen, zum Schutz von Minderheitenrechten und zur Förderung regionaler Zusammenarbeit.
EU‑Unterstützung floss größtenteils in die Finanzierung des ICTY, während andere Versöhnungsaktivitäten, etwa Wahrheitskommissionen und Bildungsreformen, vergleichsweise wenig Geld erhielten.
RECOM und das Streben nach einer gemeinsamen Faktenbasis
Die Regionale Kommission zur Aufklärung von Kriegsverbrechen und schweren Menschenrechtsverletzungen (RECOM) wurde im Oktober 2008 in Pristina nach einer von hundert Organisationen unterzeichneten Resolution ins Leben gerufen. RECOM vereint heute mehr als zweitausend NGOs, Opfergruppen, Flüchtlingsorganisationen und Kulturinstitutionen aus dem gesamten Balkan. Ihre Arbeit umfasst die Dokumentation von Massengräbern, das Sammeln von Überlebendenzeugnissen und die Veröffentlichung von Berichten, die leugnerischen Narrativen entgegenwirken sollen.
Serbische und bosnische Behörden zögern, RECOM‑Ergebnisse zu unterstützen, weil sie befürchten, dass ein nationalistischer Gegenwind die bestehenden Macht‑Sharing‑Arrangements destabilisieren könnte. Die serbische Fortschrittspartei stellt die EU‑Bedingungen als äußere Vorgabe dar, während in Bosnien und Herzegowina ethnische Politiker weiterhin das Kriegsvictimendiskurs nutzen, um politische Blockaden zu rechtfertigen.
Alltägliche Folgen unvollendeter Aufarbeitung
Ungeklärte Eigentumsstreitigkeiten, verzögerte Rentenzahlungen für Kriegverwitwete und unvollständige Vermisstenregister betreffen die Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Region.
Jüngere Generationen verlassen den Balkan zunehmend, weil die Arbeitsmarktchancen begrenzt und der Zeitplan für einen EU‑Beitritt unklar sind.
Berlin‑Prozess und divergierende EU‑Ansätze
Der 2014 gestartete Berlin‑Prozess, eine diplomatische Initiative, will regionale Zusammenarbeit und wirtschaftliche Entwicklung fördern und dabei die Bedeutung der Vergangenheit anerkennen. Er legt jedoch keine verbindlichen Versöhnungsziele fest.
Deutschland und Österreich setzen sich für EU‑weite Mechanismen zur Unterstützung von Wahrheitsfindungsprojekten ein, während andere Mitgliedstaaten lieber den wirtschaftlichen Kriterien Vorrang geben.
Vorschläge für eine stärker konditionierte Erweiterung
Es gibt mehrere Vorschläge, die Vorab‑EU‑Finanzierung an messbare Versöhnungsschritte zu knüpfen, etwa die Verabschiedung nationaler Wahrheitskommissionsgesetze oder die Einführung gemeinsamer Schulcurricula. Ein weiterer Ansatz fordert mehr EU‑Finanzierung für zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich für Opferrechte, Erinnerungsprojekte und interethnischen Dialog einsetzen. Eine „Reconciliation Scorecard" könnte transparente Kriterien in den Erweiterungsrahmen einbringen, analog zu den bereits genutzten Rechtsstaat‑ und Korruptionsbekämpfungs‑Benchmarks.
Strategische Bedeutung für die Union
Der Balkan beherbergt wichtige Energieströme und könnte als Tor für den Handel mit aufstrebenden Märkten in der weiteren Region dienen. Externe Mächte, insbesondere Russland und China, versuchen, ihren Einfluss durch Infrastrukturprojekte und politische Annäherung auszubauen.
Ein vollständig integrierter Balkan wird als vorteilhaft für die EU‑Energiesicherheit, das Migrationsmanagement und die außenpolitische Kohärenz dargestellt.
Ausblick
Der nächste EU‑Gipfel, der für Ende 2024 geplant ist, wird voraussichtlich die Westbalkan‑Agenda erneut aufgreifen und über die Strenge der Beitrittsbedingungen entscheiden, was den Weg der Region zur europäischen Integration grundlegend neu gestalten könnte.