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Vol. XV · N°258
Dienstag, 15. September 2026
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Welt09. September 2026

EU-Forschungsförderung verknüpft europäische Universitäten trotz Boykottversprechen mit israelischen Rüstungsfirmen

Eine Untersuchung deckt auf, dass 34 Hochschulen in vier Ländern an 38 Horizon‑Europe‑Projekten mit israelischen Unternehmen aus dem Verteidigungssektor beteiligt sind – trotz öffentlicher Zusagen, die Zusammenarbeit zu stoppen.

EU-Forschungsförderung verknüpft europäische Universitäten trotz Boykottversprechen mit israelischen Rüstungsfirmen

Investigate Europe und Reporters United haben anhand der EU‑CORDIS‑Projekt-Datenbank und einer Reihe von Informationsfreiheitsanfragen nachgewiesen, dass ein Netzwerk europäischer Universitäten weiterhin finanziell mit israelischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen verbunden ist, die klare Verteidigungsbezüge haben, obwohl öffentliche Erklärungen nach der Warnung des Internationalen Gerichtshofs vor einem Genozidrisiko im Gazastreifen das Aussetzen solcher Kooperationen versprachen.

Rechtsstreit an der Universität Granada

Ein besonders sichtbarer Fall betrifft die Universität Granada im Süden Spaniens. Im September 2023 sandte Rektor Pedro Mercado Pacheco eine Botschaft an Mitarbeitende und Studierende, in der er den Campus als Raum für Dialog, Menschenrechtsverteidigung und Friedensaufbau bezeichnete. Gleichzeitig wollte die Universität die Zusammenarbeit mit israelischen Partnern, die Teil mehrmillionen‑Euro‑EU‑Forschungsverbünde waren, aussetzen.

Diese Entscheidung wurde von der pro‑israelischen Interessenvertretung ACOM (Action and Communication in the Middle East) angefochten, die klagte, um das Aussetzen zu verhindern. Der Streit hat nun den spanischen Obersten Gerichtshof erreicht, dessen Urteil im nächsten Jahr erwartet wird. Das Urteil könnte einen Präzedenzfall dafür schaffen, ob spanische Universitäten "Verteidigung des Völkerrechts" als Grund für die Kündigung von Verträgen mit an bewaffneten Konflikten beteiligten Unternehmen anführen dürfen.

Während der Rechtsstreit weitergeht, hat Granada gleichzeitig ein neues Horizon‑Europe‑Projekt namens PROACTIF angenommen. Das Konsortium umfasst das israelische Mikrochip‑Unternehmen Mellanox, das inzwischen US‑Riese Nvidia gehört, sowie die europäischen Rüstungshersteller Safran und Leonardo. PROACTIF will autonome Luft‑, Boden‑ und Oberflächenroboter für den schnellen Einsatz bei Notfällen entwickeln.

Sowohl die Universität als auch die Projektkoordinatoren betonen, dass die Forschung rein zivil sei. Professor Francisco Barranco, der das Granada‑Team leitet, erklärte gegenüber Investigate Europe, das Konsortium sei "bereits formell verpflichtet gewesen", bevor der akademische Boykott begann, und die Technologie, obwohl sie dual‑Use‑Potenzial habe, sei für zivile Anwendungen wie Katastrophenhilfe gedacht.

Dual‑Use‑Technologie und die israelische Rüstungsindustrie

Dual‑Use‑Technologie, Ausrüstung, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen kann, steht im Zentrum der Kontroverse. Mellanox‑High‑Speed‑Interconnects werden beispielsweise weltweit in Rechenzentren eingesetzt, wurden aber auch an Israeli Aerospace Industries geliefert, deren Heron‑Drohnen über Gaza eingesetzt werden. Ähnlich produziert das israelische Halbleiterunternehmen Weebit Nano, ein Partner im italienischen NeAIxt‑Projekt, Chips, die für Luft‑ und Raumfahrt‑ sowie Verteidigungssysteme adaptiert werden können.

Weitere israelische Partner der Untersuchung sind das Technion, Israels führende Technische Hochschule, und das Holon Institute of Technology. Beide haben langjährige Verbindungen zum israelischen Verteidigungsministerium und zu Unternehmen wie Elbit Systems, einem bedeutenden Lieferanten von unbemannten Luftfahrzeugen, ferngesteuerten Bulldozern und Cyber‑Verteidigungstools für die Israel Defense Forces (IDF).

In den Niederlanden kündigte die Universität Groningen im Oktober 2025 an, ihre Teilnahme am REACT‑Projekt, das das Technion einbezieht, auszusetzen. Die Entscheidung folgte auf Enthüllungen, dass ein Technion‑Professor, Shahar Kvatinsky, als Reserve‑Oberstleutnant in der israelischen Armee diente und in Uniform an Orten in Gaza und Libanon fotografiert wurde. Zwei Wochen später kehrte Groningen jedoch zur Teilnahme zurück, beschränkte die Zusammenarbeit jedoch auf direkte Forscher‑zu‑Forscher‑Interaktionen, während das breitere Konsortium intakt blieb.

Die Technische Universität Eindhoven, ein weiterer niederländischer Partner, hatte zunächst versprochen, die Verbindungen zum Technion zu pausieren, bestätigte jedoch später, dass das Projekt aufgrund vertraglicher Verpflichtungen und des Schutzes laufender Forschungsfinanzierung weitergeführt wird.

Finanzielle Kalkulation europäischer Universitäten

Warum arbeiten Institutionen weiter mit israelischen, verteidigungsnahen Partnern zusammen, obwohl öffentlicher Druck und ethische Leitlinien etwas anderes verlangen? Die Antwort liegt teilweise in der Ökonomie der europäischen Forschungsförderung.

Europäische Universitäten sehen sich schrumpfenden Staatshaushalten, sinkenden Studierendenzahlen und wachsendem Wettbewerb um begrenzte Horizon‑Europe‑Fördermittel gegenüber. Dr. Gaetano Salina, Physiker am italienischen Nationalen Institut für Kernphysik, erklärt: "Konsortien sind zu geschlossenen Clubs geworden. Sobald man drin ist, hat man Zugang zu einem stetigen Strom an Fördermitteln, den man kaum ersetzen kann. Das Verlassen eines Konsortiums kann bedeuten, nicht nur das aktuelle Projekt, sondern auch zukünftige Förderfähigkeit zu verlieren."

Rechtsexperten warnen zudem, dass ein einseitiger Austritt aus einem Horizon‑Europe‑Projekt hohe Strafen auslösen kann. Die Universität Gent in Belgien schätzte, dass ein Vertragsbruch "Zehntausende von Euro" an Bußgeldern, Rückzahlungen von Zuschüssen und Vertrauensverlust kosten könnte. Im März 2026 gelang es der Universität, ein Projekt mit einem israelischen Partner zu verlassen, erst nachdem ein Ersatzpartner gefunden und die Zustimmung der Mehrheit der Konsortialmitglieder eingeholt worden war, ein Prozess, der Monate der Verhandlung erforderte.

An der Technischen Universität Delft zeigen interne E‑Mails, die über Informationsfreiheitsanfragen erlangt wurden, dass Administratoren das Risiko "schwerwiegender rechtlicher und finanzieller Konsequenzen" diskutierten, falls sie bestehende Verpflichtungen nicht einhalten. Eine Mail warnte, dass "ein Rückzug die Möglichkeiten zukünftiger Subventionen beeinträchtigen und den Ruf einzelner Forschender als verlässliche Partner schädigen" könnte.

Diese finanziellen und rechtlichen Zwänge erzeugen ein Paradoxon: Universitäten verurteilen öffentlich israelische Verteidigungskollaborationen, während sie sie stillschweigend aufrechterhalten, um Forschungseinnahmen zu sichern und Vertragsbrüche zu vermeiden.

Umfang der israelischen Beteiligung an Horizon Europe

Die Daten der Untersuchung zeigen, dass israelische Akteure in 793 von 19.203 Horizon‑Europe‑Projekten bis Mai 2026 vertreten sind, etwa ein Projekt von 24. Davon haben rund 80 % Partner mit direktem Bezug zum israelischen Verteidigungssektor oder staatlichen Stellen wie dem Verteidigungsministerium.

Insgesamt sind 386 Hochschulen in 205 Projekten mit israelischen, verteidigungsnahen Partnern aktiv. Weitere 12 Projekte beinhalten israelische Staatsbehörden, an denen 128 europäische Institutionen teilnehmen.

In Spanien ist das PROACTIF‑Projekt der Universität Granada mit Mellanox verbunden, das die EU‑Datenbank weiterhin als israelisches Unternehmen führt, obwohl es von Nvidia übernommen wurde. Diese Klassifizierung ermöglicht dem Projekt, Horizon‑Fördermittel im Rahmen des Assoziierungsabkommens zwischen Israel und der EU zu erhalten.

In Italien kündigte der Aufsichtsrat der Universität Bologna im Herbst 2025 an, neue Kooperationen mit israelischen Akteuren, die Dual‑Use‑Potenzial besitzen, zu stoppen. Dokumente zeigen jedoch, dass die Universität im Dezember 2025 ihre Haltung revidierte, nachdem eine Rechtsanalyse ergab, dass ein Rückzug gegen Italiens internationale Verpflichtungen verstoßen und teure Klagen nach sich ziehen würde. Bologna bleibt Partner im NeAIxt‑Projekt, das Weebit Nano einbezieht, ein Halbleiterunternehmen, das Komponenten an Elbit Systems geliefert hat.

Auch französische Institutionen sind nicht immun. Die Universität Paris‑Saclay ist an sechs Horizon‑Europe‑Projekten mit israelischen Partnern beteiligt, fünf davon seit dem Gaza‑Krieg im Oktober 2023. Eines dieser Projekte, STARLight, entwickelt Silizium‑Photonik‑Chips für Lidar‑Sensoren, eine Technologie, die bereits in den Zielsystemen der IDF eingesetzt wird. Das Projekt schließt zudem den französischen Rüstungsauftragnehmer Thales ein.

Im Februar 2026 empfahl der Rat für Forschungsethik und wissenschaftliche Integrität der Universität die Aussetzung von Partnerschaften mit israelischen Hochschulen wie der Tel‑Aviv‑Universität. Die Empfehlung wurde später zurückgezogen, nachdem das Ministerium für Hochschulwesen argumentierte, dass ein "politischer Standpunkt basierend auf dem Nahost‑Konflikt keine einseitigen akademischen Sanktionen rechtfertigen" könne.

Reaktionen von Studierenden und Gewerkschaften

Studierendenaktivist*innen in ganz Europa organisierten Proteste, Sitzblockaden und Petitionen, um die Universitäten zum vollständigen Abbruch aller Verbindungen zu israelischen Akteuren, die mit dem Gaza‑Krieg in Verbindung stehen, zu bewegen. An der Universität Gent sagte ein Studierender, Jarkko, gegenüber Investigate Europe: "Die gesetzlichen Texte geben uns eine Rechtsgrundlage, um zu suspendieren oder zurückzutreten, wenn ethische Prinzipien nicht respektiert werden. Warum warten wir noch?"

In Spanien warnt das University Network for Palestine, ein Zusammenschluss von Professor*innen öffentlicher Hochschulen, dass die fortgesetzte Zusammenarbeit europäische Institutionen als "unzuverlässige Partner" in zukünftigen Konsortien brandmarken könnte. Die außerordentliche Professorin Maria José Lera von der Universität Sevilla erklärte: "Am Ende hat Israel das Geld, das Projekt läuft weiter, und wir sind die Verlierer."

Gewerkschaften haben ebenfalls Stellung genommen. Der Europäische Gewerkschaftsbund (ETUC) veröffentlichte eine Erklärung, in der er die Europäische Kommission auffordert, die Förderkriterien von Horizon Europe zu verschärfen, da "öffentliche Mittel nicht zur Entwicklung von Technologien verwendet werden dürfen, die zu Kriegswaffen umfunktioniert werden können".

Position der Europäischen Kommission

Die Europäische Kommission betont, dass jedes Horizon‑Europe‑Projekt individuell auf die Einhaltung ethischer Standards, nationalen Rechts und EU‑Vorschriften geprüft wird. Ein Sprecher sagte gegenüber Investigate Europe: "Bei der Umsetzung von Projekten müssen alle Begünstigten sicherstellen, dass sämtliche Aktivitäten den ethischen Grundsätzen sowie dem einschlägigen nationalen, Unions‑ und internationalen Recht entsprechen. Ungeachtet dessen kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Ergebnisse zu Technologien mit Dual‑Use‑Anwendungen weiterentwickelt werden."

Die Kommission hob zudem hervor, dass das Horizon‑Programm eine "Dual‑Use"‑Klausel enthält, die von den Teilnehmenden verlangt, eine Risikobewertung für jede Technologie durchzuführen, die militärisch genutzt werden könnte. Diese Klausel verbietet jedoch nicht automatisch die Zusammenarbeit mit verteidigungsnahen Unternehmen; sie verpflichtet die Partner lediglich, potenzielle Missbrauchsszenarien zu überwachen und zu mindern.

Weiterführende Implikationen für die europäische Forschungspolitik

Die Ergebnisse werfen Fragen zur Kohärenz der EU‑Forschungspolitik mit ihrem erklärten Bekenntnis zu Menschenrechten und Frieden auf. Wenn EU‑Gelder Projekte unterstützen, die zu Waffen umfunktioniert werden können, argumentieren Kritiker, finanziere die Union indirekt die militärischen Fähigkeiten eines Staates, dessen Handlungen vom Internationalen Gerichtshof als genozidrisikobehaftet eingestuft wurden.

Befürworter des aktuellen Ansatzes argumentieren, dass wissenschaftliche Zusammenarbeit von geopolitischen Spannungen getrennt bleiben sollte. Die Vereinigung israelischer Universitätsleitungen (VERA) reagierte auf die Untersuchung mit der Aussage, "die Ausschließung von Forschungspartnern oder das Boykottieren von Wissenschaftlern aufgrund ihrer nationalen Herkunft verstößt direkt gegen die akademische Freiheit und die europäischen Antidiskriminierungsnormen."

Dennoch wird die Spannung zwischen akademischer Freiheit, ethischer Verantwortung und finanzieller Notwendigkeit voraussichtlich zunehmen, wenn die EU ihr nächste mehrjährige Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe 2 für 2028 vorbereitet. Politiker*innen müssen entscheiden, ob die Definition von "verteidigungsnahen" Partnern verschärft, strengere Prüfmechanismen eingeführt oder den Hochschulen mehr Spielraum eingeräumt werden sollen, um kontroverse Kooperationen ohne Angst vor rechtlichen Konsequenzen zu beenden.

Ausblick

Das Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall der Universität Granada wird aufmerksam beobachtet werden. Ein Beschluss, der das Recht der Universität bestätigt, Verträge aus völkerrechtlichen Gründen zu kündigen, könnte anderen Institutionen die Möglichkeit geben, ohne Angst vor rechtlichen Gegenmaßnahmen zu handeln.

Gleichzeitig hat die Europäische Kommission signalisiert, dass sie die Verfahren zur Dual‑Use‑Bewertung von Horizon‑Europe‑Projekten überprüfen wird, obwohl noch keine konkreten Reformen angekündigt wurden.

Bis dahin bleibt die rund 15 Millionen Euro‑Fördersumme, die an Projekte mit israelischen Verteidigungsbezügen fließt, ein Streitpunkt für Studierende, Mitarbeitende, Gewerkschaften und Entscheidungsträger. Das Gleichgewicht zwischen der Sicherung von Forschungsgeldern und der Wahrung ethischer Standards stellt weiterhin die Solidarität des europäischen Hochschulsektors auf die Probe.

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