EU-Grundrechte stehen unter wachsender Bedrohung, da die Zivilgesellschaft zunehmender Feindseligkeit ausgesetzt ist, warnt FRA-Direktorin
Sirpa Rautio mahnt an, dass die zunehmende Feindseligkeit gegenüber NGOs und Gewerkschaften die Fähigkeit der europäischen Demokratien, Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, untergräbt.

Bei einer Anhörung des Europäischen Parlaments Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres am 24. Juni warnte Sirpa Rautio, dass ein Anstieg der Feindseligkeit gegenüber zivilgesellschaftlichen Organisationen die Fähigkeit der europäischen Demokratien, ihre Regierungen zur Verantwortung zu ziehen, aushöhlt.
Uneinheitliche Anwendung der Charta
Rautio wies darauf hin, dass die EU‑Charta der Grundrechte in diesem Jahr ihr 25‑jähriges Bestehen feiert und inhaltlich solide sei, da sie bereits bestehende Menschenrechtsstandards konsolidiert, die die EU und ihre Mitgliedstaaten im EU‑Recht binden. Das Hauptproblem liege nicht im Wortlaut der Charta, sondern in ihrer ungleichen praktischen Anwendung.
Sie nannte zwei Schwierigkeiten: Erstens versäumen nationale Behörden häufig, EU‑Richtlinien zu transponieren oder das nationale Recht an die in der Charta garantierten Rechte anzupassen. Zweitens verlaufe der Gesetzgebungsprozess manchmal ohne ausreichende Grundrechtsprüfungen oder Schutzmechanismen, was zu Umsetzungslücken führe.
Wachsende Belastungen für NGOs und Gewerkschaften
Die Direktorin betonte einen breiteren Angriff auf Gleichheit, indem sie Angriffe auf Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung, LGBTQI+-Rechte und das Istanbul‑Abkommen anführe. In den letzten zehn Jahren seien NGOs, die in diesen Bereichen tätig seien, mit Kürzungen der Finanzierung, rechtlichen Anfechtungen und Diffamierungskampagnen konfrontiert worden. Der im März veröffentlichte "Civic Space Update" zeigte, dass 67 % der befragten NGOs Online‑Bedrohungen, 60 % negative Medienberichterstattung und 39 % politisch motivierte Kürzungen ihrer Mittel erlebten.
Regierungen seien zunehmend unwillig, sich von zivilgesellschaftlichen Akteuren prüfen zu lassen, insbesondere wenn NGOs Außenpolitik, Migration oder Sozialpolitik hinterfragen. Auch Gewerkschaften und andere soziale Organisationen stoßen auf administrative Hürden, Audits und strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (SLAPPs).
Rechtliche Schutzinstrumente und aktuelle Entwicklungen
Rautio erinnerte den Ausschuss daran, dass die EU über starke Rechtsinstrumente verfüge, Artikel 2 des Vertrags über die Europäische Union, die Charta selbst, den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, um Rechte durchzusetzen. Sie verwies auf eine wachsende Zahl von EuGH‑Urteilen der letzten zehn Jahre, die die Charta interpretierten und ihr damit mehr Wirkung auf nationaler Ebene verliehen. Ein finnischer Fall zu innerer Sicherheit und Überwachung diene als Beispiel, bei dem Gesetzgeber auf EuGH‑Rechtsprechung und die Charta zurückgriffen, um das Recht auf Privatsphäre zu schützen.
Die FRA fungiere als Wissensdrehscheibe für die Charta und arbeite mit der Europäischen Kommission zusammen, um das Bewusstsein zu schärfen und die Einhaltung zu verbessern. Aktuelle FRA‑Berichte identifizierten systemische Risiken in der Union, darunter steigende Hasskriminalität, geschlechtsspezifische Gewalt, Migrationsdruck, Herausforderungen des digitalen Zeitalters und Druck auf die Zivilgesellschaft. Der Jahresbericht, Anfang Juni veröffentlicht, warnte, dass diese Trends das demokratische Gefüge der EU untergraben könnten, wenn sie nicht gestoppt werden.
Forderungen nach stärkeren Compliance‑Mechanismen
Auf die Frage, ob die Charta bis 2050 gestärkt werden solle, sagte Rautio, dass sie keine formale Änderung unterstütze. Stattdessen fordere sie stärkere Durchsetzungsmechanismen, darunter eine erweiterte FRA‑Mandat, um die nationale Umsetzung systematisch zu überwachen und Frühwarnungen auszusprechen. Sie plädierte zudem für einen klareren EU‑weiten Rahmen zum Schutz von NGOs vor politisch motivierten Klagen und administrativem Missbrauch.
Rechtspopulistische Abgeordnete verteidigten die nationale Souveränität und warnten, dass übermäßige Aufsicht legitime Sicherheitsmaßnahmen behindern könne. Linke und grüne Abgeordnete begrüßten den Aufruf zu stärkerer Durchsetzung und forderten die Europäische Kommission auf, künftig einen "rights‑first"‑Ansatz in der Gesetzgebung zu verfolgen. Regierungen nördlicher und westlicher Mitgliedstaaten bekräftigten ihr Bekenntnis zur Charta, während Vertreter aus Ungarn und Polen keine Stellungnahmen abgaben.
Beispiele aus der Praxis
Rautio nannte ungarische zivilgesellschaftliche Gruppen, die trotz eines feindlichen politischen Klimas öffentliche Diskussionsrunden vor Pride‑Veranstaltungen organisierten, um zu zeigen, dass Basisaktionen auch unter Druck bestehen können. Sie warnte, dass die Einschränkung von NGOs, die Arbeitsstandards überwachen, den Arbeitern schadet, und dass Angriffe auf die Gleichstellung von Frauen den Fortschritt bei der Schließung der Lohnlücke behindern. Die Beschränkung von NGOs, die soziale Pflege, Rechtsbeistand oder Migrantenhilfe leisten, verlagere die Last auf Staat und Steuerzahler und schaffe eine falsche Wahl zwischen Sparpolitik und Rechtsschutz.
Ausblick
Zum Abschluss ihrer Rede erwähnte Rautio einen 85‑jährigen Aktivisten aus den Niederlanden, der trotz jahrzehntelanger Kämpfe optimistisch bleibe, und betonte damit die Widerstandsfähigkeit zivilgesellschaftlicher Akteure. Sie rief die europäischen Bürgerinnen und Bürger dazu auf, engagiert zu bleiben, da öffentliche Aufmerksamkeit und kollektives Handeln der ultimative Schutz für die Rechte der Charta seien.