EU-Kommission verlegt offizielle Konten von Bluesky auf schwedische Plattform W Social
Die EU-Kommission hat ihre offiziellen Social‑Media‑Konten, darunter die des Kommissionspräsidenten und der EZB, von Bluesky auf die schwedische Plattform W Social umgezogen.

Am Montag gab die Europäische Kommission bekannt, dass ihre offiziellen Konten, einschließlich der des Kommissionspräsidenten, der Europäischen Zentralbank und des Kommunikationsteams der Kommission, vom Bluesky‑Netzwerk auf die schwedische Plattform W Social verlegt wurden. Der Schritt wird als Schaffung einer digital‑europäischen Umgebung präsentiert.
Technischer Hintergrund
Bluesky arbeitet mit dem AT‑Protocol, einem System, das die Datenspeicherung von den Anwendungen trennt, die die Daten anzeigen. Nach dem Protokoll behalten Nutzer ihre Inhalte und kryptografischen Schlüssel auf einem Personal Data Server, den sie selbst hosten können. Die Kommission hat ihren Personal Data Server zu W Social verlegt und damit einem schwedischen Unternehmen die Kontrolle über den Datenspeicher, die Signaturschlüssel und das Identitätssystem übertragen.
Der öffentliche Index clearsky.app listet die Kommission, die Europäische Zentralbank und andere EU‑Einrichtungen nun als von den Servern von W Social betrieben.
Kritik von Expert*innen und Zivilgesellschaft
Technologie‑Expert*innen und zivilgesellschaftliche Gruppen kritisieren die Migration und argumentieren, sie schwäche das erklärte Ziel der Tech‑Souveränität der Kommission. Das Netzwerk European Digital Rights warnte, dass der Schritt den Open‑Source‑Prinzipien, die die Kommission propagiert, widerspreche. Ein leitender Forscher von EDRi bemerkte, dass die Unterbringung des Personal Data Servers der Kommission bei einem privaten, profitorientierten Dienst die Behauptung der Tech‑Souveränität hohl mache, zumal Selbst‑Hosting technisch machbar und bereits beim Mastodon‑Account der Kommission genutzt wird.
Vertreter*innen des Europäischen Gewerkschaftsbundes argumentierten, dass öffentliche Gelder in Open‑Source‑Infrastruktur investiert werden sollten, die allen Bürger*innen zugutekommt, anstatt für einen proprietären Dienst zu zahlen, der später für Zugriff oder Datennutzung Gebühren erheben könnte.
Position von W Social
W Social wurde von den schwedischen Unternehmern Erik Lindström und Anna Svensson gegründet. Die Gründer*innen behaupten, die Plattform biete Datenschutzstandards, die mit europäischen Regelungen vergleichbar seien und der DSGVO entsprächen, im Gegensatz zu vielen US‑basierten Diensten. Sie betonen zudem, dass der Service Moderations‑ und Anti‑Spam‑Werkzeuge bereitstelle und auf einem Erlösmodell basiere, das nicht auf zielgerichteter Werbung beruhe. Laut den Gründer*innen ermögliche ein kostenpflichtiges, profitorientiertes Modell nachhaltige Entwicklung und schnellere Feature‑Rollouts, die in freiwillig betriebenen Open‑Source‑Projekten schwerer zu erreichen seien.
Auswirkungen für EU‑Bürger*innen
Für EU‑Bürger*innen erscheint die Änderung vielleicht nur als neuer Handle für offizielle Kommunikation, doch die zugrunde liegende Architektur beeinflusst die Möglichkeit, öffentliche Botschaften zu archivieren, zu analysieren oder wiederzuverwenden. Datenschützer*innen weisen darauf hin, dass das AT‑Protocol jedem Nutzer ermöglicht, einen eigenen Personal Data Server zu hosten und damit Unabhängigkeit zu wahren, während die Zentralisierung des Serverstandorts der Kommission bei einem einzigen privaten Dienst einen einzigen Ausfallpunkt schafft.
Politischer Kontext
Die Entscheidung fällt in die Zeit, in der die EU über den Digital Services Act und den Digital Markets Act debattiert, die die Marktmacht großer Online‑Plattformen einschränken sollen. Der Digital Services Act legt Transparenzpflichten für sehr große Online‑Dienste fest, regelt jedoch nicht die technische Architektur von Kommunikations‑Tools des öffentlichen Sektors.
Einige EU‑Politiker*innen sehen die Migration als Pilotprojekt, das bei Erfolg einen regulatorischen Präzedenzfall schaffen könnte, während andere sie als Anlass sehen, eine europaweite Open‑Source‑Alternative zu entwickeln. Der digitale Chef der Kommission erklärte, dass die Partnerschaft nach einer sechs‑monatigen Testphase überprüft wird, wobei Sicherheit, Nutzererlebnis und Kosteneffizienz im Fokus stehen.
Zukünftige Entwicklungen
Eine Koalition von Entwickler*innen hat Pläne angekündigt, einen in Europa gehosteten AT‑Protocol‑Hub zu schaffen, der öffentlichen Einrichtungen und NGOs kostenloses Hosting von Personal Data Servern anbietet.