EU schlägt Obergrenze von 100 000 Euro für Direktzahlungen an Landwirte vor, tschechischer Minister will sie blockieren
Die Europäische Kommission will für die Gemeinsame Agrarpolitik 2027‑2033 eine Höchstgrenze von 100 000 Euro pro Jahr für Direktzahlungen an die größten Betriebe einführen, während der tschechische Agrarminister die Regelung ablehnt.

Die Europäische Kommission hat einen Entwurf für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) 2027‑2033 vorgestellt, der eine Obergrenze von 100 000 Euro pro Jahr für Direktzahlungen an die größten landwirtschaftlichen Unternehmen vorsieht. Nach dem Vorschlag würden Antragsteller, die mehr erhalten, auf diesen Betrag gekürzt, während niedrigere Stufen prozentuale Abschläge erfahren.
Wie die Degressivität funktionieren soll
Der Entwurf teilt die Direktzahlungen in vier Stufen ein. Zahlungen bis zu 20 000 Euro würden vollständig ausgezahlt. Beträge zwischen 20 000 und 50 000 Euro würden um 25 % gekürzt, zwischen 50 000 und 75 000 Euro um 50 %, und zwischen 75 000 und 100 000 Euro um 75 %. Alles, was darüber liegt, würde vollständig ausgeschlossen.
Auswirkungen auf die größten Empfänger
Agrofert, das tschechische Agrarunternehmen im Besitz des ehemaligen Ministerpräsidenten Andrej Babiš, erhält derzeit mehr als 1,5 Milliarden CZK, etwa 62 Millionen Euro, an Direktzahlungen pro Jahr. Wird die Obergrenze eingeführt, würde die Subvention des Unternehmens auf 100 000 Euro sinken, ein Rückgang von über 99 %.
Agrofert wurde Ende Februar in einen Treuhandfonds überführt, um es von Babiš' persönlichem Vermögen zu trennen, während er im Amt bleibt. Dieser Schritt erregte Aufmerksamkeit, da die Tschechische Republik in der zweiten Hälfte 2024 die rotierende Präsidentschaft des Rates der Europäischen Union übernehmen wird.
Stellungnahme der tschechischen Regierung
Martin Šebestyán, tschechischer Landwirtschaftsminister, hat signalisiert, dass seine Regierung ein verpflichtendes Degressivitätssystem ablehnen wird. Er argumentiert, dass eine einheitliche Obergrenze die strukturellen Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten nicht widerspiegele und Subventionskürzungen die Lebensmittelpreise steigen lassen könnten, zumal der Großteil der tschechischen Milch auf Betrieben von mehr als 1 000 ha produziert wird. Šebestyán, der zuvor eine Lobbygruppe für große tschechische Agrarbetriebe leitete, warnte, dass der Vorschlag die Wettbewerbsfähigkeit tschechischer Höfe beschädige.
Die Position des Ministers wird von der tschechischen Agrarlobby unterstützt, die darauf besteht, dass etwaige Kürzungen freiwillig von jedem Mitgliedstaat beschlossen werden sollten, statt zentral auferlegt zu werden.
Reaktionen aus Brüssel und dem Sektor
Befürworter des Entwurfs argumentieren, dass das Modell Milliarden Euro für junge Landwirte und für Maßnahmen zur Verbesserung der Klimawiderstandsfähigkeit freisetzen würde, was den Nachhaltigkeitszielen der EU entspricht. Sie betonen zudem, dass die Konzentration von Subventionen auf wenige große Unternehmen dem Ziel einer diversifizierten, kohlenstoffarmen Landwirtschaft entgegenstehe.
Große Agrarverbände in Europa haben scharfe Kritik geäußert und befürchten, dass die Obergrenze Effizienz bestrafe und Investitionen in Modernisierung behindere. Die Europäische Föderation der Bauernverbände (COPA‑COGECA) begrüßte die Betonung der Generationenerneuerung und schlug vor, dass der Vorschlag helfen könne, die Kluft zwischen Kleinbauern und Unternehmensfarmen zu schließen, da das aktuelle System die Grundstückspreise in die Höhe treibe und den Markteintritt für Neulinge erschwere.
Politische Dynamik vor dem Gipfel
Der Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europäischen Parlaments hat eine strengere Degressivität gefordert und vorgeschlagen, die Obergrenze von 100 000 Euro weiter zu senken. Der Entwurf wird auf einem bevorstehenden GAP‑Reformgipfel in Brüssel geprüft, wo Rat der Minister, Europäisches Parlament und Kommission eine Einigung erzielen müssen, bevor der neue Haushaltszeitraum feststeht.
Der ehemalige Ministerpräsident Andrej Babiš hat sich mit fünf weiteren Landwirtschaftsministern verbündet, um die Reform zu blockieren, und argumentiert, dass das tschechische Modell der großflächigen Milchwirtschaft besonders gefährdet sei. Babiš will die Rentabilität seines ehemaligen Unternehmens schützen und zugleich die EU‑Politik mitgestalten.
Wird die Obergrenze angenommen, könnten große Agrarbetriebe wie Agrofert ihre Strategien anpassen müssen, etwa indem sie Expansionspläne zurückfahren oder private Finanzierungen suchen, um die wegfallenden öffentlichen Mittel zu ersetzen. Das Ergebnis könnte das Wettbewerbsumfeld für tschechische Landwirte neu gestalten, kleineren Produzenten mehr Zugang zu Fördermitteln ermöglichen und große Unternehmen dazu zwingen, sich von intensiven Viehhaltungsbetrieben zu diversifizieren.
Die Debatte verdeutlicht die übergeordnete Herausforderung, Effizienz, Ernährungssicherheit und soziale Gerechtigkeit in der EU‑Agrarpolitik in Einklang zu bringen. Stakeholder verfolgen die Verhandlungen genau, da die endgültige GAP die Einkommen der Landwirte, ländliche Arbeitsplätze, Grundstückspreise und Klimaziele maßgeblich beeinflussen wird.


