EU‑Verteidigungschef warnt: Europa hinkt Russland bei Waffenproduktion hinterher und fordert industrielle Renaissance
Der erste EU‑Verteidigungsbeauftragte Andrius Kubilius ruft zu einer koordinierten Aufrüstung der europäischen Rüstungsindustrie auf, um strategische Schwächen zu vermeiden.

Andrius Kubilius, der erste Verteidigungsbeauftragte der Europäischen Union, hat gewarnt, dass Europa im Waffenbau hinter Russland zurückbleibe und dass diese Lücke zu einer strategischen Schwäche werden könne, wenn sie nicht schnell geschlossen wird.
Hintergrund und aktuelles Sicherheitsklima
Kubilius, ehemaliger Ministerpräsident Litauens, bezeichnete die gegenwärtige Sicherheitslage als die wichtigste Herausforderung seit Jahrzehnten. Er betonte, dass der EU‑Verteidigungssektor auf zahlreiche nationale Programme verteilt sei, die oft dieselben Anstrengungen duplizieren.
Er wies darauf hin, dass die Europäische Union etwa eine halbe Milliarde Einwohner habe, aber ein zersplittertes Netzwerk von Fabriken, das weder das erforderliche Volumen noch die Geschwindigkeit für einen hochintensiven Konflikt liefern könne.
Ukraine als Katalysator für Wandel
Der Kommissar verwies auf einen jüngsten ukrainischen Drohnenangriff auf die größte Raffinerie Moskaus als Beispiel dafür, wie schnell Technologie das Kräfteverhältnis verändern kann. Er sagte, er habe von dem Angriff auf einem G7‑Gipfel erfahren.
Kubilius erklärte, dass das ukrainische Verteidigungsministerium unter Mykhailo Fedorov das Land zu einer drohnenfokussierten Streitkraft umgestaltet habe. Er fügte hinzu, dass die Ukraine eine kognitive Offensive führe, die die russische öffentliche Wahrnehmung des Krieges neu forme.
Gleichzeitig betonte er, dass Russland ein nach wie vor formidable Gegner sei, mit umfangreicher Schlachtfeld‑Erfahrung, insbesondere in der elektronischen Kriegsführung und bei Drohnentaktiken.
Internationale Perspektiven
Der Kommissar sagte, seine Sichtweise spiegele die Kommentare des US‑Außenministers Marco Rubio und des finnischen Präsidenten Alexander Stubb wider, die beide darauf hinwiesen, dass die ukrainische Armee jetzt die beste in Europa sei und in manchen Bereichen sogar die der USA übertreffe.
Aufruf zu einer europäischen Verteidigungs‑Industrie‑Renaissance
Kubilius forderte einen koordinierten Schub, der Forschungs‑ und Entwicklungsmittel bündelt, gemeinsame Beschaffungsmechanismen schafft und einen gemeinsamen Vorrat an Schlüsselkomponenten aufbaut. Er schlug vor, den Europäischen Verteidigungsfonds zu erweitern, um Schnellreaktions‑Fertigung und grenzüberschreitende Lieferketten zu integrieren.
Er argumentierte, dass ein koordinierter Anstieg der Waffenproduktion tausende gut bezahlte Arbeitsplätze in den Bereichen Ingenieurwesen, Robotik und Hochleistungs‑Materialien schaffen könne, während er zugleich betonte, dass Verteidigungsausgaben nicht zulasten von fairen Löhnen, bezahlbarem Wohnraum oder soliden öffentlichen Diensten gehen dürften.
Zur Finanzierung des industriellen Aufschwungs schlug er gezielte Steuern für große Konzerne vor, anstatt Sozialbudgets zu kürzen.
Arbeitsstandards und Einbindung der Gewerkschaften
Der Europäische Gewerkschaftsbund fordert transparente Beschaffung und faire Löhne für Rüstungsarbeiter. Kubilius sagte, die EU werde die Gewerkschaften frühzeitig einbinden, um Arbeitsstandards in die Verträge zu verankern.
EU‑Ukraine‑Zusammenarbeit
Er schlug eine gemeinsame EU‑Ukraine‑Task‑Force vor, die Technologietransfer, Standardisierung von Ausrüstung und Produktionsstandards prüfe, und betonte die Notwendigkeit, Informationen über russische Drohnentaktiken zu teilen.
EU‑Beamte haben bereits Vorbesprechungen über den Zugang ukrainischer Unternehmen zu EU‑Forschungszuschüssen und Beschaffungskanälen aufgenommen, wobei sie betonten, dass jede Zusammenarbeit die EU‑Exportkontrollen respektieren und Technologielecks verhindern müsse.
Nationale Reaktionen
Der deutsche Verteidigungsminister begrüßte eine stärkere industrielle Koordination, warnte jedoch, dass die nationale Souveränität über Beschaffungen nicht leichtfertig aufgegeben werde. Der französische Verteidigungsminister unterstützte die Idee strategischer europäischer Autonomie, bestand jedoch darauf, dass jedes gemeinsame Programm die französische Rüstungsindustrie berücksichtige.
Ein Sprecher der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten erklärte, die Fraktion unterstütze eine Verteidigungserhöhung, die Arbeitnehmerrechte und öffentliche Dienste schütze. Ein Sprecher der Europäischen Volkspartei rief zu vorsichtiger Finanzpolitik auf und warnte vor einer übereilten Aufrüstung, die das EU‑Haushaltsgleichgewicht destabilisiere.
Legislative Schritte und öffentlicher Aufruf
Die Europäische Kommission bereitet einen Entwurf für eine Europäische Verteidigungsproduktionsinitiative vor, die voraussichtlich noch vor Jahresende vorgestellt werden soll. Kubilius appellierte an die EU‑Bürger, sich über Sicherheitsfragen zu informieren und die Verbindung zwischen Verteidigungsfähigkeit, Arbeitsplätzen und Wohlstand zu erkennen.
