EU‑Verteidigungsplan stößt auf Finanzlücken und Koordinationsprobleme, warnen Prüfer
Der EU‑ReArm‑Europe‑Plan birgt trotz 800 Mrd. €‑Versprechen strukturelle Schwächen, die die Europäische Rechnungshof‑Prüfung aufdeckt.

Die Europäische Kommission hat die Initiative ReArm Europe vorgestellt, einen Vorschlag, in den nächsten zehn Jahren bis zu 800 Mrd. € für die Verteidigung zu mobilisieren. Das Vorhaben beinhaltet ein Kreditinstrument von bis zu 150 Mrd. € für die Mitgliedstaaten und soll den 79 Prozent-Anstieg der Verteidigungsausgaben von 2020 bis 2025 in eine schlagkräftige, einsatzbereite Streitkraft bis 2030 umwandeln.
Fragmentierte Finanzierung behindert gemeinsame Fähigkeiten
Der Europäische Rechnungshof (ECA) hat diese Woche eine kritische Bewertung veröffentlicht und gewarnt, dass das Budgetwachstum nicht ausreicht, um strukturelle Schwächen zu überwinden. Die Prüfer betonen, dass die Vielzahl von Finanzierungsströmen, nationale Haushalte, das EU‑weite Kreditinstrument und separate nationale Wiederaufrüstungsprogramme, nicht koordiniert sind. "Wenn Mittel isoliert zugewiesen werden, entstehen Doppelinvestitionen oder kritische Fähigkeitslücken", heißt es im ECA‑Bericht. Ohne eine einheitliche Finanzstrategie droht das Versprechen von 800 Mrd. € zu einer Sammlung einzelner Projekte zu verkommen, statt einer kohärenten Verteidigungsarchitektur.
Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten bleibt hoch
Die vom Rechnungshof zusammengestellten Daten zeigen, dass im Jahr 2023 78 Prozent der Verteidigungsbeschaffungen der EU‑Mitgliedstaaten aus Quellen außerhalb des Blocks kamen, wobei die USA den größten Anteil ausmachten. Deutschlands fortgesetzter Kauf des US‑Patriot‑Luftverteidigungssystems, obwohl das französisch‑italienische SAMP/T verfügbar ist, illustriert diesen Trend. Der ECA empfiehlt, ein Prinzip der "europäischen Präferenz" einzuführen, das öffentliche Aufträge nach Möglichkeit an in‑EU‑Hersteller richtet, ohne Leistung oder Liefergeschwindigkeit zu beeinträchtigen.
Ein solcher Wandel würde nicht nur die strategische Abhängigkeit von den USA verringern, sondern auch die europäische Rüstungsindustrie stärken, Arbeitsplätze schaffen und technisches Know‑how im Block erhalten. Die Prüfer warnen jedoch, dass eine pauschale Präferenz nach hinten losgehen könnte, wenn sie zu Verzögerungen oder höheren Kosten führt, und fordern einen ausgewogenen Ansatz, der die Effektivität in den Vordergrund stellt.
Fachkräftemangel gefährdet Modernisierung
Über die Hardware hinaus weist der Bericht auf ein wachsendes Defizit an qualifiziertem Personal hin, das für die Entwicklung, Wartung und den Betrieb hochkomplexer Systeme nötig ist. Europas Verteidigungssektor konkurriert bereits mit der privaten Tech‑Industrie um Ingenieure, Cyber‑Sicherheitsexperten und Spezialisten für neue Felder wie autonome Waffen. "Ohne ein konzertiertes Bemühen, Talente auszubilden und zu halten, wird selbst die fortschrittlichste Ausrüstung ungenutzt bleiben", warnen die Prüfer.
UnionPress hat mit mehreren Gewerkschaften aus Luft‑ und Raumfahrt sowie Schiffbau gesprochen. Sie betonen, dass Investitionen in berufliche Ausbildung und Lehrlingsprogramme Hand in Hand mit steigenden Beschaffungsbudgets gehen müssen, sonst bleiben die versprochenen Arbeitsplätze aus.
Haushaltszwänge begrenzen zusätzliche Ausgaben
Die Mitgliedstaaten stehen unter strengen öffentlichen Finanzregeln. Viele befinden sich bereits im übermäßigen Defizitverfahren der EU, das sie zwingt, Ausgaben zu dämpfen, um fiskalische Ziele zu erreichen. Der ECA stellt fest, dass jede weitere Mittelzuweisung für die Verteidigung "fiskalisch nachhaltig" sein muss; andernfalls könnte sie die Schuldenlast erhöhen und zu politischem Gegenwind im Inland führen.
Einige Regierungen, etwa Frankreich und die Niederlande, haben Bereitschaft signalisiert, das EU‑Kreditinstrument zu nutzen, da Niedrigzins‑Euro‑Anleihen die Kosten über die Zeit verteilen könnten. Andere, wie Italien, bleiben vorsichtig, weil zusätzliche Schulden die Einhaltung des Stabilitäts‑ und Wachstumspakts gefährden könnten.
Was das für europäische Arbeitnehmer bedeutet
Für die Bürgerinnen und Bürger sind die Konsequenzen klar. Eine fragmentierte Verteidigungsstrategie könnte höhere Steuern oder gekürzte öffentliche Leistungen nach sich ziehen, wenn Regierungen ad‑hoc‑Projekte finanzieren müssen. Im Gegensatz dazu könnte ein gut koordinierter EU‑weiter Plan stabile, gut bezahlte Jobs in High‑Tech‑Fertigung, Forschung und Wartung schaffen, Sektoren, die traditionell gute Löhne und starke gewerkschaftliche Vertretung bieten.
Europäische Gewerkschaftsverbände begrüßen den Aufruf des ECA zur europäischen Präferenz und sehen darin eine Chance, Arbeitsplätze zu schützen und den Geldabfluss zu ausländischen Lieferanten zu begrenzen. "Wir brauchen eine Verteidigungspolitik, die europäische Arbeitnehmer in den Mittelpunkt stellt, nicht nur eine Waffenliste", sagte ein Sprecher der Europäischen Gewerkschafts‑Konföderation.
Nächste Schritte für die EU
Die Kommission muss nun die Empfehlungen der Prüfer in konkrete Politik umsetzen. Auf dem Tisch liegen Optionen wie die Schaffung eines zentralen EU‑Verteidigungsfonds, die Verschärfung von Beschaffungsregeln zur Durchsetzung der europäischen Präferenz und der Start einer kontinentweiten Fachkräfteinitiative, die gemeinsam von den Mitgliedstaaten finanziert wird.
Gelingt es der EU nicht zu handeln, warnen die Prüfer, könnte der Kontinent weiterhin von externen Mächten für kritische Fähigkeiten abhängig bleiben, was sowohl die Sicherheit als auch die industrielle Souveränität untergräbt. Erfolg erfordert politischen Willen, diszipliniertes Haushalten und ein klares Bekenntnis zum Aufbau eines Verteidigungssektors, der europäischen Arbeitnehmern und Steuerzahlern gleichermaßen dient.
Während die Debatte in Brüssel und den nationalen Hauptstädten weitergeht, bleibt die Frage, ob die EU ihren ambitionierten Ausgabensprung in eine wirklich integrierte Verteidigungsfähigkeit verwandeln kann oder ob das Fehlen von Koordination Europa verwundbar und finanziell belastet zurücklässt.


