Europäische Forschungslabore leiden unter chronischer Unterfinanzierung, warnt Präsidentin der französischen Akademie
Françoise Combes, die neue Präsidentin der französischen Akademie der Wissenschaften, warnt vor einem langfristigen Investitionsdefizit, das Europas wissenschaftliche Souveränität gefährdet.

Françoise Combes, die neu gewählte Präsidentin der französischen Akademie der Wissenschaften, erklärte gegenüber UnionPress, dass die Forschungsinfrastruktur Europas in einen chronischen Zustand chronischer Unterinvestition abrutsche. Dieser Trend könne die wissenschaftliche Souveränität des Kontinents und seine Fähigkeit, gemeinwohlorientierte Technologien zu liefern, untergraben.
Finanzlücken und ihre Folgen
Combes betonte in einem Fernsehinterview aus Paris, dass die Finanzierungslücke kein vorübergehendes Problem, sondern ein strukturelles Defizit sei, das sich seit mehr als einem Jahrzehnt ausweitet. Während die USA und China ihre nationalen Forschungsbudgets um zweistellige Prozentsätze erhöhen, stagnieren oder reduzieren europäische Regierungen ihre Mittel in realen Zahlen.
Sie hob drei zentrale Bereiche hervor, in denen die Finanzkrise bereits spürbar ist. Erstens kämpfen groß angelegte Einrichtungen wie Teilchenbeschleuniger, Synchrotrone und Hochleistungsrechenzentren damit, den Betrieb aufrechtzuerhalten, geschweige denn in die nächste Generation zu investieren. Als Beispiel nannte sie das European XFEL, das kürzlich von einem Budgetkürzung von 15 % berichtete und dadurch mehrere Experimente zu fortschrittlichen Materialien, die grünere Herstellungsprozesse ermöglichen könnten, verschieben musste.
Zweitens trocknet die Pipeline junger Forschender aus. "Wir sehen weniger Doktorandenstellen und Post‑Doc‑Verträge", sagte sie und wies darauf hin, dass viele junge Wissenschaftler gezwungen seien, die Wissenschaft für die Privatwirtschaft zu verlassen oder ins Ausland zu gehen, wo die Gehälter wettbewerbsfähiger seien. Dieser Brain‑Drain schwäche langfristig Europas Innovationskraft.
Drittens bedroht die Unterfinanzierung Europas Fähigkeit, zu globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemievorsorge und sicherer digitaler Infrastruktur beizutragen. "Weltraumbasierte Erdbeobachtung ist ein öffentliches Gut, das Klimamonitoring, landwirtschaftliche Vorhersagen und Katastrophenreaktionen ermöglicht", erklärte Combes. "Wenn wir uns die Starts und den Betrieb der Satelliten nicht leisten können, übergeben wir ein strategisches Asset an private Akteure oder fremde Staaten."
Warum Souveränität zählt
Combes stellte das Thema im Kontext von Souveränität dar, ein Begriff, der in Brüssel, Berlin und Madrid Resonanz findet. Wissenschaftliche Fähigkeiten seien ein Grundpfeiler autonomer Politikgestaltung. "Wenn ein Land eigene Quantencomputer, eigene Impfstoffe entwickeln oder die Umwelt aus dem Weltraum überwachen kann, behält es die Kontrolle über kritische Entscheidungen, die seine Bürger betreffen", sagte sie.
Sie verglich Europas Lage mit den USA, die kürzlich ein Investitionspaket von 200 Milliarden Dollar in die Quantenforschung und 100 Milliarden Dollar für die National Science Foundation angekündigt haben. In China hat der Staat über 2 % des BIP für Forschung und Entwicklung reserviert, ein Wert, der das durchschnittliche EU‑Niveau von rund 1 % bei weitem übertrifft.
Stimmen aus der Gewerkschaftswelt
UnionPress sprach mit mehreren europäischen Gewerkschaften, die Combes' Bedenken teilen. Der Europäische Föderation der öffentlichen Dienstgewerkschaften (EPSU) warnte, dass Kürzungen im Forschungsbudget zu weniger hochqualifizierten Arbeitsplätzen, niedrigeren Gehältern für Wissenschaftler und einer schwächeren Verhandlungsposition von Beschäftigten im Hochtechnologiesektor führen.
Öffentliche Wahrnehmung und Kommunikationslücke
Auf die Frage, warum die Öffentlichkeit oft gleichgültig gegenüber abstrakten Themen wie dunkler Materie oder Quantenüberlagerung wirke, gab Combes zu, dass die Kommunikationslücke mitverantwortlich sei. "Wir haben spektakuläre Bilder von schwarzen Löchern und Gravitationswellen, doch viele Menschen fragen noch, ob die Erde flach ist", sagte sie und bemerkte, dass der Glaube an eine flache Erde ein Zeichen für ein breiteres Misstrauen gegenüber Expertise sei.
Sie betonte, dass Wissenschaftler mehr tun müssen als nur Fachartikel zu veröffentlichen; sie müssen komplexe Ideen in Erzählungen übersetzen, die den Alltag der Menschen berühren. "Menschen kümmern sich um ihre Rechnungen, ihre Arbeit, das Klima. Wenn wir zeigen können, dass Grundlagenforschung erneuerbare Energien, emissionsarme Mobilität oder bezahlbare Medikamente ermöglicht, dann wird klar, dass Wissenschaft kein Luxus, sondern ein öffentlicher Dienst ist."
Combes warnte zudem vor dem Mythos, dass jede wissenschaftliche Kommunikation erschöpfend sein müsse. "Von jedem Forscher zu erwarten, dass er jedem Patienten die molekularen Mechanismen eines Medikaments erklärt, ist unrealistisch", verglich sie mit Ärzten, die nicht jede biochemische Kaskade im Detail schildern können.
Weltraumerkundung: ein öffentliches Gut?
Im Gespräch kam das umstrittene Thema Weltraumerkundung auf. Kritiker argumentieren, dass Geld für Missionen zum Mars oder zu Jupiters Monden verschwendet sei, während Klimakrisen drängender seien. Combes erkannte das Argument an, stellte jedoch den Umfang der Ausgaben in Relation. "Das Budget für wissenschaftliche Missionen zum äußeren Sonnensystem ist ein Bruchteil des gesamten Weltraumbudgets", sagte sie. "Der Großteil der Milliarden fließt in Erdbeobachtungssatelliten, Telekommunikation und Navigationssysteme, die direkt Landwirtschaft, Katastrophenmanagement und Klimamonitoring unterstützen."
Sie verwies auf das Copernicus‑Programm, das eine Flotte von Sentinel‑Satelliten betreibt und kostenfrei offene Daten für Regierungen, Forschende und Landwirte in der EU bereitstellt. "Dieses Programm kostet allein etwa 5 Milliarden Euro über zehn Jahre, aber der wirtschaftliche Nutzen in Form von Ernteerträgen, Hochwasserschutz und Luftqualitätsüberwachung wird auf ein Vielfaches geschätzt", bemerkte Combes.
Dennoch betonte sie, dass Leitmissionen weiterhin wichtig seien. Die bevorstehende Europa‑Clipper‑Mission könnte beispielsweise zeigen, ob Jupiters Mond Europa einen unterirdischen Ozean beherbergt, der Leben ermöglichen könnte. Solche Entdeckungen können neue Industrien anstoßen, die nächste Generation von Ingenieuren inspirieren und Europas Ruf als High‑Tech‑Forschungsführer stärken.
Private Akteure und Gefahr der Erfassung
Combes äußerte Besorgnis über den wachsenden Einfluss privater Milliardäre im Weltraum. Sie verwies auf Elon Musks Starlink‑Konstellation mit über 4.000 Satelliten und warnte, dass kommerzielle Interessen die wissenschaftlichen Prioritäten verdrängen könnten. "Wenn private Unternehmen die Orbitalpositionen dominieren, bestimmen sie die Regeln für Datenzugang, Frequenzzuteilung und Trümmerbeseitigung. Das kann die Fähigkeit öffentlicher Behörden einschränken, unabhängige Forschung zu betreiben und den Weltraum als gemeinschaftliche Ressource zu erhalten."
Sie forderte eine stärkere europäische Koordination, um die öffentliche Dimension des Weltraums zu schützen. "Eine gemeinsame europäische Weltraumpolitik, die kommerzielle Aktivitäten mit wissenschaftlichen und sicherheitsrelevanten Bedürfnissen ausbalanciert, ist unerlässlich", argumentierte sie und forderte die Europäische Kommission auf, einen speziellen Fonds für offene Satellitendaten einzurichten und strenge Standards für Weltraummüll durchzusetzen.
Was kann getan werden?
Combes skizzierte eine dreigliedrige Strategie, um den Finanzrückgang umzukehren. Erstens rief sie die Mitgliedstaaten dazu auf, das Horizon‑Europe‑Budget auf mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr zu erhöhen, um das jährliche Forschungsbudget der USA nach Kaufkraftparität zu erreichen. Zweitens schlug sie eine "Forschungssteuergutschrift" vor, die private Unternehmen dazu anreize, Universitätslabore und Großanlagen mitzufinanzieren, ein Modell, das in Kanada und Südkorea bereits erfolgreich ist.
Drittens plädierte sie für eine europäische "Wissenschaftsgarantie", ein rechtlich bindendes Versprechen, einen Mindestanteil des BIP für Forschung und Entwicklung bereitzustellen, mit regelmäßigen Überprüfungen durch ein unabhängiges Gremium aus Wissenschaftlern und Vertretern der Zivilgesellschaft.
UnionPress sprach mit Vertretern des Europäischen Gewerkschaftsbundes (ETUC), die die Idee einer Forschungsgarantie begrüßten, weil sie Arbeitsplätze in hochqualifizierten Sektoren schützen und den Verfall öffentlicher Forschungseinrichtungen verhindern würde.
Auf politischer Ebene wies Combes darauf hin, dass der Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments einen Bericht zur strategischen Bedeutung der Forschungsfinanzierung vorbereitet. Sie hofft, dass dieser Bericht vor dem nächsten EU‑Haushaltszyklus 2027 in konkrete Gesetzgebung umgesetzt wird.
Ausblick
Abschließend warnte Combes, dass das kommende Jahrzehnt entscheidend sei. "Wir stehen an einem Scheideweg, an dem wissenschaftlicher Ehrgeiz entweder ein Motor für ein grüneres, resilienteres Europa sein kann oder ein Opfer kurzfristiger fiskalischer Sparmaßnahmen wird. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, bestimmen, ob Europa ein globaler Innovationsführer bleibt oder zurückfällt und die Technologie an andere Mächte abgibt."
Für Arbeiter, Verbraucher und Entscheidungsträger auf dem Kontinent sind die Einsätze klar: Ein gut finanziertes Forschungsökosystem ist die Basis für saubere Energietechnologien, sichere digitale Dienste und vieles mehr. Die Herausforderung, so Combes, besteht darin, Regierungen und Bürger davon zu überzeugen, dass Investitionen in die Wissenschaft kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für eine faire und wohlhabende Zukunft sind.


