EU‑Wiederaufbaufonds endet: Weniger als die Hälfte der Mittel genutzt, Zweifel an Wirksamkeit
Der 800 Milliarden‑Euro‑Plan NextGenerationEU läuft Ende des Jahres aus, während rund 95 Milliarden Euro ungenutzt bleiben und die wirtschaftlichen Effekte umstritten sind.
Die EU wird das bislang größte gemeinsam finanzierte Konjunkturpaket, das 800 Milliarden Euro schwere Programm NextGenerationEU, zum Jahresende abschließen. Während einzelne Projekte, etwa die Straßenbahnerweiterung in Florenz oder der Ausbau von Ladestationen für Elektroautos in Spanien, bereits umgesetzt wurden, zeigen aktuelle Zahlen, dass das Gesamtvolumen auf rund 575 Milliarden Euro geschrumpft ist, weil ein erheblicher Teil der Mittel nicht abgerufen wurde.
Ungenutzte Mittel und langsame Auszahlung
Die strengen Vorgaben, welche Ausgaben zulässig sind, haben die Mitgliedstaaten verunsichert. Viele Regierungen, die bereits hohe Schuldenstände tragen, zögerten, Kredite aus dem Fonds zu beanspruchen. So bleiben laut EU‑Berichten rund 95 Milliarden Euro ungenutzt. Der Europäische Rechnungshof kritisiert zudem die mangelnde Transparenz: Ohne einheitliche Nachverfolgung sei es schwer nachzuvollziehen, wohin das Geld tatsächlich geflossen sei.
Ein weiteres Problem war die administrative Kapazität. In Ländern wie Frankreich und Spanien fehlten zum Teil die personellen Ressourcen, um die geforderten Reformen, etwa Änderungen der Arbeitsmarkt- und Genehmigungsregeln, schnell umzusetzen. Ohne diese strukturellen Anpassungen konnten die Fördermittel nicht vollständig mobilisiert werden.
Verteilung der Mittel: Drei Länder dominieren
Italien, Spanien und Griechenland haben zusammen fast drei Viertel der gewährten Kredite und fast die Hälfte aller Zuschüsse erhalten. Italien bekam 195 Milliarden Euro, Spanien 103 Milliarden und Griechenland knapp 37 Milliarden. Die Konzentration wirft Fragen nach der Gleichheit der Verteilung und nach den Kriterien, die bei der Mittelzuweisung zugrunde lagen, auf.
Gleichzeitig haben andere Länder, etwa Portugal, von den verfügbaren Geldern profitiert, indem sie in Infrastruktur und grüne Energie investierten. Das Institut Delors bezeichnete die wirtschaftliche Erholung in diesen Staaten als „spektakulär", obwohl das gesamte Wachstum der EU‑Wirtschaft im letzten Jahr lediglich bei 0,2 % lag.
Wirtschaftliche Wirkung: Kleine Impulse, große Erwartungen
Schätzungen der Europäischen Kommission deuten darauf hin, dass der Fonds im vergangenen Jahr etwa 0,3 % zum EU‑BIP beigetragen hat. Durch sogenannte Spill‑over‑Effekte sollen Investitionen in einem Sektor die Nachfrage in verwandten Branchen erhöht haben. Deutschland, das aufgrund seiner Größe am meisten profitierte, verzeichnete wirtschaftliche Effekte von rund 66 Milliarden Euro, mehr als das Doppelte der erhaltenen Kredite und Zuschüsse.
Doch Kritiker wie Eoin Drea, leitender Forscher am Wilfried‑Martens‑Centre for European Studies, halten diese Zahlen für unzureichend. Er betont, dass die wirtschaftlichen Effekte zwar messbar, aber nicht stark genug seien, um einen Wendepunkt in der europäischen Konjunktur zu markieren. „Die Summe war nie wirklich ausreichend", sagte Drea und verwies auf Konstruktionsfehler, die aus politischer Panik während der Pandemie resultierten.
Politische Debatte um künftige EU‑Finanzierung
Der Abschluss des Fonds hat die Diskussion über die zukünftige Finanzpolitik der Union neu entfacht. Während linke Politikerinnen und Politiker den Wiederaufbaufonds als Präzedenzfall für weitere gemeinsame Kreditaufnahmen sehen, warnen Regierungen wie Deutschland und Schweden vor einer Ausweitung der Verschuldung. Sie betonen, dass die Haushalte ausgeglichen bleiben müssen und lehnen neue gemeinsame Kreditaufnahmen ab.
Die Kommission plant, eigene Einnahmen zu erhöhen, etwa durch den Verkauf von CO₂‑Emissionszertifikaten, um die Rückzahlung zu sichern. Dieser Vorschlag muss jedoch noch von den Mitgliedstaaten genehmigt werden, was angesichts der anhaltend hohen Staatsverschuldungen und der Belastungen durch Energiepreise und Handelskonflikte schwierig erscheint.
Ausblick: Lücken schließen oder neue Schulden?
Der Fonds läuft offiziell Ende dieses Jahres aus. Die EU‑Regierungen haben bis zum 30. September Zeit, weitere Anträge zu stellen, und bis zum 31. August, um die geforderten Reformen umzusetzen. Ungarn beispielsweise drängt, um rund 10 Milliarden Euro zu erhalten, obwohl das Land noch keinen klaren Rückzahlungsplan vorlegen kann.
Die Kommission fordert einen größeren Mehrjahreshaushalt für 2028‑2034, um die entstehende Finanzierungslücke zu schließen. Doch die Zustimmung der Mitgliedstaaten bleibt unsicher, da viele von ihnen ihre eigenen Haushalte bereits stark belastet sehen.
Die Debatte über die richtige Balance zwischen Investitionen in grüne und digitale Infrastruktur und der Notwendigkeit, die öffentlichen Finanzen zu stabilisieren, wird in den kommenden Monaten weitergehen. Während einige Befürworter argumentieren, dass zusätzliche Ausgaben das Wachstum ankurbeln und die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken, warnen Sparfokussierte vor einer unkontrollierten Verschuldung, die langfristig die Haushaltsdisziplin untergraben könnte.
Unabhängig von der endgültigen Entscheidung bleibt fest, dass der Wiederaufbaufonds das erste Mal war, dass die EU‑Regierungen sich auf ein gemeinsames Kreditvolumen in dieser Größenordnung einigten. Das Experiment hat gezeigt, dass ambitionierte Investitionsziele nur dann realisierbar sind, wenn die administrativen Strukturen und die politischen Rahmenbedingungen klar und flexibel genug sind, um schnelle Umsetzung zu ermöglichen.
Ob die EU aus den gemachten Erfahrungen lernt und künftig effizientere Mechanismen für gemeinsame Finanzierungsprojekte entwickelt, wird entscheidend dafür sein, wie gut die Union künftige Krisen, sei es im Bereich Klima, Digitalisierung oder geopolitische Unsicherheit, bewältigen kann.