Zehn Millionen EU‑Arbeitnehmer ziehen 2024 in andere Mitgliedstaaten
Ein neuer EU‑Bericht zeigt, dass vor allem junge Fachkräfte aus Rumänien, Polen und Italien nach Deutschland migrieren, wo sie meist im Bau, Gastgewerbe oder Transport arbeiten.
Ein neuer Bericht der Europäischen Kommission hat ergeben, dass im Jahr 2024 mehr als zehn Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter innerhalb der EU den Wohnort wechselten, um zu arbeiten. Die Zahlen geben Aufschluss darüber, welche Länder die größten Lieferanten von Arbeitskräften sind und welche Sektoren von der Binnenmigration profitieren.
Herkunftsländer und Zielländer
Rund ein Viertel aller EU‑Binnenmigranten stammt aus Rumänien, das damit der mit Abstand größte Exporteur von Arbeitskräften im Block ist. Auf den zweiten und dritten Platz folgen Polen mit 11 % und Italien mit 10 % der Gesamtzahl. Die Zahlen bleiben seit mehreren Jahren stabil, was auf anhaltende strukturelle Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten hinweist.
Deutschland bleibt das attraktivste Ziel: Im Jahr 2024 zogen über drei Millionen Arbeitskräfte nach Bayern, Nordrhein‑Westfalen, Baden‑Württemberg und andere Regionen. Die hohe Nachfrage in den Bereichen Bau, Gastronomie, Hotellerie und Transport erklärt die anhaltende Beliebtheit des Landes für junge Menschen aus Osteuropa.
Profil der Migranten
Der Bericht zeichnet ein klares Bild der typischen EU‑Migrantin und des typischen EU‑Migranten: Mehr als die Hälfte ist zwischen 20 und 34 Jahre alt, und ein Großteil ist männlich. Die meisten verfügen über ein mittleres Bildungsniveau, etwa eine abgeschlossene Berufsausbildung, und finden Beschäftigung in handwerklichen oder serviceorientierten Berufen.
Wouter Zwysen, leitender Forscher am Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI), erklärt, dass die Lohnunterschiede innerhalb der Union ein entscheidender Antrieb seien: „Für technisch qualifizierte Arbeitskräfte ist der Lohnunterschied zwischen den Mitgliedstaaten nach wie vor enorm. Das veranlasst Menschen, dorthin zu gehen, wo das Einkommen höher ist."
Wirtschaftliche Motive und soziale Folgen
Die ökonomischen Anreize stehen im Vordergrund, doch Zwysen weist darauf hin, dass soziale Netzwerke ebenfalls eine Rolle spielen: „Menschen ziehen oft dorthin, wo bereits Bekannte oder Verwandte leben." In jüngerer Zeit habe sich dieser Trend leicht abgeschwächt, weil die Lohnunterschiede zwischen Ost‑ und Westeuropa allmählich schrumpfen.
Dennoch bleiben die Binnenmigranten häufig benachteiligt. Laut ETUI‑Analyse verdienen sie im Schnitt weniger als einheimische Kolleginnen und Kollegen und arbeiten vermehrt in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Besonders betroffen seien Migrantinnen und Migranten aus mittel‑, ost‑ und baltischen Staaten, die häufig in Niedriglohnsektoren beschäftigt sind.
Beschäftigungsquoten und Bildungsniveau
Der EK‑Bericht hebt hervor, dass das Bildungsniveau ein starker Prädiktor für die Beschäftigungsquote ist. Interessanterweise zeigen Migrantinnen und Migranten mit niedrigerem Bildungsabschluss höhere Beschäftigungsquoten als Einheimische. In Norwegen liegt die Quote bei etwa 80 % gegenüber 62 % für einheimische Arbeitssuchende. Zwysen vermutet, dass diese Gruppe eher bereit ist, niedrigere Positionen anzunehmen, um im Zielland Fuß zu fassen.
Bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen kehrt sich das Bild um: Sie haben leicht geringere Beschäftigungsquoten als einheimische Fachkräfte, was auf mögliche Diskriminierung oder Schwierigkeiten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse hindeutet.
Regionale Unterschiede im Arbeitsmarkt
Die Analyse des ETUI zeigt, dass Herkunftsregionen das Beschäftigungsergebnis stark beeinflussen. Migrantinnen und Migranten aus westeuropäischen und nordischen Ländern finden zwar seltener Arbeit, besetzen jedoch häufig höherwertige Positionen, wenn sie eingestellt werden. Im Gegensatz dazu finden Personen aus mittel‑, ost‑ und baltischen Ländern leichter Beschäftigung, jedoch meist in niedrigeren Berufsgruppen.
Der Bericht führt dies auf die unterschiedlichen Migrationsgründe zurück: Während Arbeitsuchende aus den östlichen Regionen primär wegen besserer Löhne migrieren, könnten Personen aus westlichen Ländern eher aus familiären oder anderen nicht‑wirtschaftlichen Gründen umziehen.
Hindernisse für eine freiere Mobilität
Obwohl die EU den Grundsatz der Freizügigkeit verankert hat, gibt es nach wie vor Hürden, die die Mobilität einschränken. Sprachliche und kulturelle Barrieren sind offensichtlich, doch administrative Hürden, insbesondere im Bereich der Sozialversicherungssysteme, erschweren den Übergang. Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen bleibt ein nationales Thema, das zu Verzögerungen und Unsicherheiten führen kann.
Zwischen den Mitgliedstaaten gibt es zudem unterschiedliche Regelungen zur Familienzusammenführung und zum Zugang zu Sozialleistungen, was die Entscheidung für einen Umzug beeinflussen kann.
Auswirkungen auf den europäischen Arbeitsmarkt
Die Binnenmigration trägt zur Flexibilisierung des europäischen Arbeitsmarktes bei, indem sie Engpässe in bestimmten Sektoren ausgleicht. Gleichzeitig wirft sie Fragen nach Lohngleichheit, Arbeitsbedingungen und sozialer Integration auf. Gewerkschaften fordern stärkere EU‑weite Standards, um Diskriminierung zu verhindern und faire Löhne zu sichern.
Die Kommission betont, dass die Freizügigkeit ein wichtiges Instrument für das Wirtschaftswachstum sei, warnt jedoch davor, dass ungleiche Lohnstrukturen langfristig zu einer dauerhaften Abhängigkeit von Arbeitskräften aus ärmeren Mitgliedstaaten führen könnten.
Ausblick
Die Zahlen von 2024 zeigen, dass die Binnenmigration nach wie vor ein zentrales Element der europäischen Wirtschaft ist. Für die Politik bedeutet das, dass Maßnahmen zur besseren Anerkennung von Qualifikationen, zur Harmonisierung von Sozialversicherungssystemen und zur Bekämpfung von Lohndiskriminierung Priorität haben müssen. Nur so kann die Freizügigkeit nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein sozial gerechtes Prinzip bleiben.