Myopie in Europa: Eine wachsende Gesundheitskrise
Fast jeder vierte Europäer ist kurzsichtig, in manchen Ländern sind es sogar 50 % der jungen Erwachsenen.
Europa steht vor einer Myopie‑Epidemie von beispiellosem Ausmaß. Auf dem Kontinent ist fast jeder vierte Mensch kurzsichtig, und in mehreren Ländern liegt die Prävalenz bei jungen Erwachsenen bei 50 %, ein Niveau, das mit Ostasien vergleichbar ist, wo über 80 % der Teenager betroffen sind.
Wie das Problem gewachsen ist
In den Niederlanden hat sich die Zahl myoper Menschen in den letzten 100 Jahren um das 2,5‑Fache erhöht, wie eine neue Studie des Erasmus University Medical Center zeigt. Ähnliche Aufwärtstrends werden in ganz Europa beobachtet. Die nationalen Prävalenzraten variieren stark: Finnland verzeichnet 11,9 %, Schweden nähert sich 50 % und Russland liegt bei 46 %.
Hauptursachen: Bildschirme und fehlendes Tageslicht
Der Augenarzt in Ausbildung Sander Kneepkens erklärt, dass das Auge bis ins frühe Erwachsenenalter weiter wächst. Wenn junge Menschen über längere Zeit Dinge in ihrer Nähe anschauen, signalisiert das dem Auge, dass es länger werden muss. Er sagt: "Wenn junge Menschen, deren Augen noch wachsen, über längere Zeit Dinge in ihrer Nähe anschauen, signalisiert das dem Auge, dass es länger werden muss". Die Kombination aus intensiver Bildschirmnutzung, viel Lesen und zu wenig Zeit im Freien liefert genau diesen Stimulus.
Ein zweiter, oft übersehener Faktor ist das Fehlen von natürlichem Licht. Sonnenlicht fördert die Ausschüttung von Dopamin in der Netzhaut, einem Neurotransmitter, der das axiale Wachstum des Auges hemmt. In Schulen, in denen Kinder den Großteil des Tages verbringen, führen lange Hausaufgaben, digitale Lernplattformen und wenige Pausen im Freien zu einem perfekten Sturm für die Entstehung von Myopie.
Langfristige gesundheitliche Folgen
Myopie ist nicht nur ein Problem unscharfer Sicht. Professor Andrzej Grzybowski, Leiter des European Myopia Network, warnt, dass die Erkrankung das Risiko für Glaukom, Katarakt und Netzhautablösung deutlich erhöht. Etwa ein Drittel der Myopiker wird bis zum 75. Lebensjahr eine schwere Sehbeeinträchtigung erleiden.
Hohe Myopie, bei der das Auge übermäßig verlängert ist, betrifft inzwischen mehr als 3 % der Europäer. Diese Untergruppe hat ein noch höheres Risiko für irreversible Sehverluste.
Wirtschaftliche und soziale Kosten
Die steigende Prävalenz belastet die Gesundheitssysteme und verringert die Produktivität. Nicht korrigierte Myopie führt zu Kopfschmerzen, Augenbelastung und geringerer Arbeitsleistung. Die finanziellen Belastungen durch Brillen, Kontaktlinsen oder refraktive Chirurgie sind erheblich; in den Niederlanden können etwa 16 % der Eltern keine Brille für ihre Kinder finanzieren. Fehlende Korrektur beeinträchtigt den Schulerfolg und vergrößert die Bildungsungleichheit.
Politische Reaktion und Handlungsbedarf
Nur wenige europäische Länder haben umfassende Präventionsprogramme eingeführt. Die meisten Initiativen konzentrieren sich auf schulbasierte Screenings, während Maßnahmen wie verpflichtende Outdoor‑Pausen oder Aufklärungskampagnen selten sind. Grzybowski fordert stärkere Überwachung, öffentliche Bildung und staatliche Finanzierung von Sehhilfen, die das Fortschreiten der Myopie verlangsamen können.
Kneepkens ergänzt, dass einfache Interventionen, zum Beispiel sicherzustellen, dass Kinder mindestens zwei Stunden pro Tag im Freien verbringen, das Risiko deutlich senken könnten.
Die Europäische Kommission hat die Augengesundheit in ihrer umfassenden Gesundheitsstrategie anerkannt, aber bislang keine verbindlichen Vorgaben zur Myopie‑Prävention erlassen. Angesichts einer alternden Bevölkerung und steigender Gesundheitsausgaben könnte ein europaweiter Aktionsplan, der Forschung, Präventionsmaßnahmen und Finanzierung von Sehhilfen integriert, langfristige Einsparungen bringen und die Lebensqualität verbessern.
Für Arbeitnehmer würde bessere Augengesundheit weniger Krankheitstage und höhere Produktivität bedeuten. Für Familien könnten staatlich bezahlte Brillen und regelmäßige Augenuntersuchungen die finanzielle Belastung mindern und soziale Inklusion fördern. Die Herausforderung besteht darin, das Bewusstsein für die langfristigen Folgen von Myopie zu schärfen und erschwingliche, evidenzbasierte Prävention in Schulen und Arbeitsplätzen zu verankern. Nur koordinierte Maßnahmen von Regierungen, Gesundheitssystemen und Bildungseinrichtungen können eine dauerhafte Belastung der europäischen Gesellschaften abwenden.