Französischer Erdbeerbetrieb setzt auf Agrivoltaik, während europäische Landwirte Solarenergie in die Landwirtschaft integrieren
Der junge Erbe Nicolas Etchelecu betreibt in Languedoc ein innovatives Gewächshaus mit intelligenten Solarpaneelen, das Ertrag und saubere Energie kombiniert.
Nicolas Etchelecu wird das Erdbeerfeld seiner Eltern in der Region Languedoc übernehmen, doch das Unternehmen, das er führen wird, unterscheidet sich stark von einer traditionellen Gartenbaubetrieb. Im Jahr 2022 errichtete die Familie ein 3.000 Quadratmeter großes Gewächshaus, dessen Dach aus intelligenten Solarpaneelen besteht, die erste ihrer Art in Frankreich.
Wie die Technologie vor Ort funktioniert
Die Paneele sind mit Sensoren ausgestattet, die überschüssiges Sonnenlicht erkennen und automatisch ein Beschattungssystem herunterlassen, um die Beeren vor Hitzestress zu schützen. Bei günstigen Bedingungen öffnen sich die Schirme und die Paneele erzeugen Strom. Diese Doppelfunktion wird als "Agrivoltaik" bezeichnet, ein Begriff, der bei europäischen Landwirten, die Ertragsverluste durch das Klima abfedern wollen, immer mehr Verbreitung findet.
Das französische Gewächshaus nutzt Paneele, die sich neigen lassen, um je nach Echtzeit‑Wetterdaten Schatten zu spenden oder die Pflanzen zu belichten. Diese Flexibilität erwies sich während der extremen Hitzewelle im Sommer 2023 als wertvoll, als die Temperaturen regelmäßig über 40 °C lagen. Während die Paneele die direkte Sonneneinstrahlung auf die Erdbeeren reduzierten, lieferten sie gleichzeitig sauberen Strom für den Eigenbedarf des Betriebs und speisten überschüssige Energie ins Netz ein.
Etchelecu erkennt einen Kompromiss an: "Wir beobachten einen Rückgang der Produktion, etwa 20 % im Vergleich zu herkömmlichen Plastikgewächshäusern, aufgrund der Undurchsichtigkeit der Solarpaneele." Dennoch fügt er hinzu, dass die Einnahmen aus dem Stromverkauf den Verlust ausgleichen und es der Familie ermöglichen, die moderne Struktur zu nutzen, ohne die gesamten Anfangskosten zu tragen.
Europäische Verbreitung und Varianten
Agrivoltaik ist keine rein französische Kuriosität mehr. Ein Bio‑Bauernhof in der Schweiz hat Paneele über ein Himbeerfeld installiert, ein deutscher Erzeuger hat sie über Apfelbäume angebracht, und österreichische Produzenten kombinieren großflächige Solaranlagen mit Kartoffel‑ und Kichererbsenanbau. Diese Projekte zeigen, dass das Konzept an verschiedene Kulturen und Anbaumethoden angepasst werden kann.
Ein technisches Problem herkömmlicher, horizontal montierter Paneele ist, dass sie den Raum für Traktoren und andere Maschinen blockieren, was ihren Einsatz auf handgepflückte oder wenig mechanisierte Kulturen beschränkt. In Wien testet das kommunale Versorgungsunternehmen Wien Energie bifaziale vertikale Paneele, die wie ein Zaun stehen und auf beiden Seiten Solarzellen besitzen. Das Design lässt eine klare Fahrspur für Geräte frei, während die Paneele das Sonnenlicht aus Morgen‑ und Spätnachmittagswinkeln einfangen und Strom erzeugen, wenn die Marktpreise höher sind.
Potenzial und Klimawiderstandsfähigkeit
Forscher schätzen, dass Agrivoltaik‑Installationen in ganz Europa bis zu 51 Terawatt Strom erzeugen könnten, etwa fünfundzwanzigmal so viel wie der aktuelle Stromverbrauch des Kontinents. Der tschechische Agrivoltaik‑Spezialist Jiří Bím sagte dem Guardian, "das Potenzial dieser Technologie ist fast unbegrenzt".
Über den Stromgewinn hinaus kann der durch Solaranlagen erzeugte Schatten die Auswirkungen von Hitzewellen und Dürreperioden mildern, die bereits schwere Ertragsverluste verursacht haben. Die Hitzewelle im Juni 2023 zerstörte allein schätzungsweise neun Millionen Tonnen Getreide in Europa und kostete rund zwei Milliarden Euro an Einnahmen.
Studien der Warschauer Universität für Lebenwissenschaften und der Mendel‑Universität in Brünn fanden keine signifikanten Gesundheits‑ oder Qualitätsrisiken für Boden oder Pflanzen durch die Präsenz von Solarpaneelen, was die Argumentation für eine breitere Einführung stärkt.
Hindernisse für eine breitere Verbreitung
Trotz des technischen Versprechens bleibt die Akzeptanz bescheiden. Bím weist auf mangelnde Aufklärung bei Landwirten und den langsamen Prozess der Anbindung neuer Anlagen an die nationalen Netze als Hauptprobleme hin. Rechtliche Rahmenbedingungen fügen eine weitere Komplexitätsebene hinzu: In mehreren EU‑Staaten kann das Einkommen aus dem Verkauf von Solarstrom die Berechtigung für Agrarsubventionen beeinträchtigen, was Landwirte von Investitionen abhält.
Dennoch ist der Flächenbedarf für großflächige Agrivoltaik relativ gering. Bím merkt an, dass die Erreichung des tschechischen Ziels von 10 GW Solarkapazität bis 2030 nur 0,125 % der landwirtschaftlichen Fläche des Landes benötigen würde, wenn die gesamte neue Kapazität als Agrivoltaik‑Systeme installiert würde. Ähnliche Berechnungen für andere Mitgliedstaaten zeigen, dass der erforderliche Flächenanteil marginal bleibt.
Ein Blick über Europa hinaus
Das weltweit größte Agrivoltaik‑Projekt liegt nicht in Europa, sondern in China, wo ein 20 Quadratkilometer großer Solarpark Goji‑Beerenfelder am Rande der Gobi‑Wüste bedeckt. Der Umfang dieser Anlage verdeutlicht, wie schnell die Technologie umgesetzt werden kann, wenn Politik, Finanzierung und Flächennutzungsplanung zusammenwirken.
Für europäische Entscheidungsträger besteht die Herausforderung darin, ein unterstützendes regulatorisches Umfeld zu schaffen, das Landwirten ermöglicht, von erneuerbarer Energie zu profitieren, ohne bestehende Subventionsprogramme zu gefährden. Der Green Deal der Europäischen Kommission und die Farm‑to‑Fork‑Strategie fordern beide mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft, und Agrivoltaik könnte dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen und gleichzeitig zusätzliche saubere Energiekapazität bereitzustellen.
Ausblick
Während die Klimakrise sich verschärft, könnte die Fähigkeit, Strom auf derselben Fläche zu erzeugen, auf der Nahrung produziert wird, zu einem entscheidenden Instrument zum Erhalt ländlicher Lebensgrundlagen werden. Für die Familie Etchelecu zahlt sich das Experiment bereits aus: Die Erdbeeren sind zwar etwas kleiner im Volumen, doch der Betrieb genießt nun ein diversifiziertes Einkommensportfolio und einen geringeren CO₂‑Fußabdruck.
Wenn Sie das nächste Mal an einem Feld mit Solarpaneelen vorbeifahren, schauen Sie genau hin, vielleicht gedeihen dort Erdbeeren, Äpfel oder Kartoffeln im Schatten. Dieses Bild signalisiert einen Wandel hin zu einem widerstandsfähigeren, multifunktionalen Agrarmodell, das das ländliche Europa in den kommenden Jahrzehnten neu prägen könnte.
