Maltesisches Gericht spricht mutmaßlichen Drahtzieher im Mord an Daphne Caruana Galizia frei, EU‑weite Empörung entbrennt
Ein Geschworenenurteil vom 2. September 2024 entlastet Unternehmer Yorgen Fenech von der Anklage, die Autobombe bestellt zu haben, und löst erneut Proteste in Valletta aus.

Daphne Caruana Galizia war eine führende maltesische Investigativjournalistin, deren Tod im Jahr 2017 das Inselreich bis heute belastet. Am 2. September 2024 sprach ein Geschworenengericht in Malta den Unternehmer Yorgen Fenech von der Anklage frei, er habe die Autobombe bestellt, die sie tötete. Der Freispruch löste erneut Proteste in Valletta aus und führte zu scharfer Kritik von Pressefreiheitsorganisationen in ganz Europa.
Schlüsselbeweise und Freispruch
Die Staatsanwaltschaft baute ihren Fall vor allem auf die Aussage von Melvin Theuma, einem ehemaligen Fahrer von Fenech, auf. Theuma gestand, die Ermordung im Austausch für Immunität organisiert zu haben. Er behauptete, er habe 150.000 Euro erhalten, um die Bombe zu beschaffen, und legte Textnachrichten sowie Audioaufnahmen vor, die laut Staat Fenech mit dem Anschlag in Verbindung bringen und Versuche zeigen, Beweismaterial zu vernichten.
Fenech hat jede Beteiligung stets bestritten und seine Unschuld beteuert. Die Verteidigung argumentierte, dass die Beweise nur indirekt seien und die Aufnahmen nicht eindeutig einer kriminellen Anweisung zugeordnet werden könnten. Das Urteil "nicht schuldig" spiegelt diese Einschätzung wider.
Fünf weitere Personen wurden bereits wegen ihrer Rolle bei der Vorbereitung des Anschlags verurteilt, darunter der Fahrer, der das Sprenggerät platzierte. Theumas Immunitätsabkommen, das ihm eine Strafverfolgung ersparte, bleibt ein umstrittener Punkt unter den Unterstützern von Caruana Galizia, die es als Untergrabung der Verantwortlichkeit ansehen.
Öffentliche Reaktion und politische Folgen
Hunderte Demonstranten versammelten sich am Tag des Urteils in der Hauptstadt Malta und forderten Gerechtigkeit sowie die Fortsetzung der Suche nach dem Auftraggeber des Mordes. Der Protest erinnerte an eine ähnliche Kundgebung ein Jahr zuvor, als die Familie Caruana Galizias erstmals eine umfassende Untersuchung verlangte.
Reporter ohne Grenzen verurteilte das Ergebnis und erklärte: "Neun Jahre nach dem Attentat haben die maltesischen Behörden immer noch versagt, den Drahtzieher zu identifizieren und zu verurteilen." Die Organisation betonte, dass der Fall ein Prüfstein für die Rechtsstaatlichkeit in einem Mitgliedstaat sei, der wiederholt wegen Pressefreiheit kritisiert wurde.
Parlamentspräsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, forderte Malta auf, "seine Suche nach der Wahrheit fortzusetzen" und warnte, dass die EU ein Klima der Straflosigkeit für Angriffe auf Journalist*innen nicht tolerieren werde. Metsolas Worte spiegeln die breitere europäische Besorgnis wider, dass der Fall Caruana Galizia ein Muster schwacher Durchsetzung von Medienschutzstandards aufzeige.
EU‑Mechanismen und ihre Grenzen
Während die Ermittlungen und die Strafverfolgung in der Hand der maltesischen Gerichte liegen, kann die Europäische Union das breitere Umfeld, in dem solche Fälle stattfinden, beeinflussen. Der Europäische Medienfreiheitsact, der 2023 in Kraft trat, schützt journalistische Quellen und verbietet den Einsatz von Spyware gegen Reporter*innen. Zusätzlich zielen neue EU‑Regeln gegen strategische Klagen gegen die öffentliche Teilnahme (SLAPP) darauf ab, juristische Einschüchterungen der Presse zu reduzieren.
Caruana Galizia war während ihrer Karriere häufig Ziel von SLAPP‑Verfahren, eine Taktik, die weiterhin gegen Medien eingesetzt wird, die über mutmaßliche Fehlverhalten mächtiger Akteure berichten. Aktuelle Berichte zeigen, dass Fenech mehrere maltesische Nachrichtenorganisationen mit rechtlichen Schritten bedroht hat, weil sie weiterhin Anschuldigungen über die angebliche Korruption des Geschworenenrates veröffentlichen.
Dennoch kann die EU nicht direkt in die maltesischen Strafverfahren eingreifen. Ihre Rolle beschränkt sich auf die Überwachung der Einhaltung demokratischer Standards und, falls nötig, auf politischen Druck über Instrumente wie den Europäischen Gerichtshof oder das Rechtsstaats‑Toolbox der Kommission.
Vergleichbare Fälle in Europa
Der Mord an Caruana Galizia ist kein Einzelfall. 2018 wurden der slowakische Journalist Ján Kuciak und seine Verlobte erschossen, ein Fall, der ebenfalls ungelöst bleibt, obwohl ein mutmaßlicher Drahtzieher identifiziert wurde. Beide Morde sind zu Symbolen für die Gefahren geworden, denen Investigativjournalist*innen in der EU ausgesetzt sind, und haben Forderungen nach stärkeren Schutzrahmen ausgelöst.
Pressefreiheitsbeobachter platzieren Malta zusammen mit Griechenland, Zypern und Ungarn unter den schlechtesten Performern im Block, was die Häufigkeit von Angriffen auf Journalist*innen und die Verbreitung rechtlicher Schikanen betrifft. Der jährliche Pressefreiheitsindex der EU zeigt eine anhaltende Diskrepanz zwischen dem erklärten Bekenntnis zur Medienunabhängigkeit und der Realität in mehreren Mitgliedstaaten.
Wie geht es weiter?
Nach dem Freispruch kündigte die maltesische Staatsanwaltschaft an, Berufung einzulegen. Dafür muss die Anklage zunächst einen "schweren Rechtsfehler" im Prozess nachweisen, etwa die Entscheidung des Richters, die Geschworenen nicht darüber zu informieren, dass Fenech kurz nach seiner Verhaftung 2019 einen präsidialen Begnadigungsantrag gestellt hatte. Die Berufung ist noch nicht eingereicht; die Behörden haben einige Tage, um die erforderlichen Unterlagen einzureichen.
Wird die Berufung angenommen, könnte der Fall erneut vor Gericht verhandelt werden, was die bereits fast ein Jahrzehnt dauernde Rechtsgeschichte verlängern würde. In der Zwischenzeit hat die Familie Caruana Galizia die EU aufgefordert, die Finanzierung eines umstrittenen Gaspipelines zu stoppen, da sie Maltas Regierungsversagen als Grund sehen, das Land für europäische Investitionen ungeeignet zu halten.
Für europäische Beobachter wird das Ergebnis der Berufung ein Barometer dafür sein, wie bereit Malta ist, tief verwurzelte Korruption zu bekämpfen und die Pressefreiheit zu schützen. Es wird zugleich die Fähigkeit der EU testen, ihre eigenen Standards durchzusetzen, wenn Mitgliedstaaten zurückfallen.
Journalist*innen auf dem gesamten Kontinent verfolgen den Fall aufmerksam. Der Mord an Caruana Galizia erinnert daran, dass die Sicherheit von Investigativreporter*innen nach wie vor prekär ist und dass die Suche nach Verantwortlichkeit ein langer, mühsamer Prozess sein kann. Während die EU ihre Gesetzgebung zur Medienfreiheit weiter verfeinert, hoffen Befürworter*innen von Presserechten, dass konkrete Schutzmaßnahmen in echten Schutz für Mutige übersetzt werden.