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Vol. XV · N°259
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Europa08. September 2026

Paar aus Tschechien baut Europas größtes Taubenrehabilitationszentrum

Veronika Petráková und Světlana Vávrová wollen mit Spenden und ehrenamtlicher Arbeit bis zu 10 000 verletzten Stadttauben ein neues Zuhause geben.

Paar aus Tschechien baut Europas größtes Taubenrehabilitationszentrum

Veronika Petráková und Světlana Vávrová aus der Tschechischen Republik haben ein ambitioniertes Projekt gestartet: In der Nähe von Brünn entsteht ein Rehabilitationszentrum, das jährlich bis zu zehntausend verletzte Stadttauben aufnehmen soll. Die Initiative ist rein gemeinnützig, finanziert sich aus Spenden und wird von Freiwilligen betrieben.

Warum ein solches Zentrum nötig ist

Tauben gehören seit Jahrtausenden zum urbanen Leben Europas. Sie wurden bereits vor mindestens viertausend Jahren domestiziert, zunächst als Fleischlieferanten, später als Boten in Ägypten, Persien und im Zweiten Weltkrieg. Während des Konflikts setzte das Vereinigte Königreich allein rund 250 000 Brieftauben ein; 32 von ihnen erhielten die Dickin‑Medaille, die Tieren für ihren Kriegseinsatz verliehen wird. Nach dem Aufkommen von Radio und Telefon verloren die Vögel jedoch ihre offizielle Aufgabe und wurden in vielen Städten als Schädlinge betrachtet.

Heutzutage finden sich Tauben in fast allen europäischen Städten. Sie ernähren sich von Abfällen, sind dem dichten Verkehr, Vogelnetzen und Spikes ausgesetzt und erleiden täglich Verletzungen. Da sie weder eindeutig als Wildtiere noch als Haustiere klassifiziert sind, verweigern viele Tierärzte und Wildtierstationen die Behandlung, ein Versorgungsvakuum, das die beiden Initiatorinnen schließen wollen.

Der aktuelle Stand des Projekts

Der Bau des Zentrums ist bereits zu einem großen Teil abgeschlossen. Laut Petráková fehlt nur noch der Bau von Außenvolieren, in denen die Vögel nach der Erstversorgung weiter gepflegt werden können. Das Gelände soll eine Quarantänestation, Pflegebereiche und ein dauerhaftes Heim für nicht mehr freilebende Tauben umfassen. Sobald die Volieren fertig sind, könnten bis zu zehntausend Vögel gleichzeitig betreut werden.

Finanzierung bleibt das größte Hindernis. Das Projekt läuft ausschließlich über Spenden; staatliche Fördermittel wurden bislang nicht zugesagt. Petráková betont, dass jede noch so kleine Zuwendung den Baufortschritt beschleunigt. Freiwillige Helfer übernehmen die tägliche Pflege, das Füttern und die medizinische Grundversorgung.

Gesundheitsrisiken und öffentliche Debatte

Ein häufiges Argument gegen die Präsenz von Tauben ist das vermeintliche Krankheitsrisiko. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass gesunde Menschen nur bei intensiver, regelmäßiger Exposition gegenüber Taubenkot‑Staub ein erhöhtes Infektionsrisiko haben. Für die breite Bevölkerung ist die Gefahr gering, solange keine geschwächten Immunsysteme vorliegen.

Trotz dieser Befunde werden Tauben in vielen Städten weiterhin erschossen, vergiftet oder in Fallen gefangen. Die Praxis wird von Anwohnern oft mit dem Bild von „Ratten mit Flügeln" gerechtfertigt, ein Bild, das seit den 1960er Jahren in New York entstand und sich schnell nach Europa verbreitete.

Alternative Konzepte für ein friedliches Zusammenleben

Petráková schlägt vor, Tauben nicht zu vertreiben, sondern sie in das Stadtbild zu integrieren. Betreute Taubenschläge, also ausgewiesene Nistplätze, könnten das Problem des verstreuten Kotfalls reduzieren. Wenn Tauben feste Futter- und Nistplätze erhalten, konzentrieren sie ihr Verhalten um diese Bereiche, was die Reinigung erleichtert und Konflikte mit Balkonbesitzern mindert.

Einige deutsche Städte haben bereits ähnliche Modelle umgesetzt und berichten von weniger Verschmutzung und geringerer Notwendigkeit, aggressive Bekämpfungsmaßnahmen zu ergreifen. In Fällen, in denen die Population dennoch zu groß ist, empfiehlt Petráková den Einsatz von künstlichen Ei‑Attrappen, um die Brutinstinkte zu dämpfen, eine gewaltfreie Methode, die in betreuten Schlägen leicht zu realisieren ist.

Historische Verantwortung und ethische Überlegungen

Die beiden Initiatorinnen verweisen auf das Zitat aus Antoine de Saint‑Exupérys „Der kleine Prinz": „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Sie sehen die heutige Situation als direkte Folge menschlicher Domestikation und Vernachlässigung. Die Vögel wurden über Jahrhunderte hinweg an das Leben in der Nähe von Menschen gewöhnt; nun wird ihnen das gleiche Umfeld wieder verweigert.

Die Debatte um Tauben spiegelt breitere Fragen nach dem Umgang mit urbaner Tierwelt wider. Während einige Bürger die Anwesenheit von Tauben als Ärgernis empfinden, argumentieren Tierschützer, dass humane Lösungen nicht nur das Tierwohl sichern, sondern auch langfristig Kosten für die Stadtverwaltung senken können, weniger Sprengungen, weniger Giftmittel und weniger Rechtsstreitigkeiten.

Ausblick und mögliche europäische Vorbildfunktion

Wenn das Rehabilitationszentrum in Brünn fertiggestellt ist, könnte es als Modell für andere Metropolen dienen. Die EU fördert derzeit Projekte, die das Zusammenleben von Mensch und Tier in Städten verbessern, etwa im Rahmen des Europäischen Grünen Deals. Ein erfolgreiches Beispiel aus Mitteleuropa könnte die Diskussion in Städten wie Paris, Rom oder Budapest neu beleben und zu einer stärker regulierten, aber zugleich tierfreundlichen Stadtpolitik führen.

Für Petráková und Vávrová ist das Ziel klar: Nicht nur die unmittelbare Versorgung verletzter Vögel, sondern ein Umdenken in der Gesellschaft, das die Verantwortung für die Tiere, die wir über Jahrtausende domestiziert haben, anerkennt. Das Projekt bleibt jedoch abhängig von freiwilligen Beiträgen, ein Aufruf an alle, die an einer humaneren Stadtlandschaft interessiert sind, sich zu engagieren.

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