Große Fischkonzerne verdrängen kleine Küstengemeinden in Europa
Kleinere Fischereibetriebe verlieren Marktanteile, während wenige Megakonzerne den Großteil der EU-Fischereiflotte kontrollieren.
Der europäische Fischereisektor steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Während kleine Boote nach wie vor den Löwenanteil der Flotte ausmachen, landen sie nur einen Bruchteil des Gesamteinschlags. Gleichzeitig besitzen fünf niederländische Unternehmen rund 16 % der gesamten EU-Flotte gemessen an Tonnen.
Rückgang der kleinen Betriebe
In dem kleinen Dorf Angeiras an Portugals Nordküste, wo José Correia sein Leben auf See verbrachte, gibt es heute nur noch fünf oder sechs junge Fischer. Der demografische Wandel ist kein Einzelfall; in der gesamten EU ist nur jeder vierte handwerkliche Fischer unter 40 Jahren alt. Laut der Umweltorganisation Seas At Risk stellen kleine Boote etwa 76 % der aktiven Flotte und fast die Hälfte der Arbeitsplätze, erreichen jedoch lediglich rund 7 % des Gesamteinschlags nach Gewicht.
Der Rückgang ist besonders stark in den Mittelmeerseen, der Ostsee und dem Schwarzen Meer zu beobachten. Ein Bericht der Europäischen Kommission zeigt, dass der Wert der Fänge kleiner Betriebe zwischen 2018 und 2022 um 30 % im Mittelmeer, 36 % in der Ostsee und 50 % im Schwarzen Meer sank.
Marktmechanismen und Quotenhandel
Das EU-Quotensystem, das die Menge des zulässigen Fischfangs begrenzt, sollte eigentlich Nachhaltigkeit sichern. In der Praxis jedoch wird das System von großen Akteuren ausgenutzt. Kleine Fischer verkaufen häufig ihre Kontingente an größere Unternehmen, weil die unmittelbare finanzielle Not oft stärker wiegt als langfristige Interessen. Bruno Nicostrate, leitender Fischereiexperte bei Seas At Risk, berichtet, dass in einigen norddänischen Häfen die gesamte Fischergemeinschaft verschwand, nachdem Quoten an Konzerne veräußert wurden.
Selbst in Ländern wie Portugal, wo die Übertragung von Quoten stark reguliert ist, fühlen sich Kleinfischer benachteiligt. Jorge Fernandes, ein erfahrener Fischer aus der Algarve, warnt vor der Einkommensunsicherheit, die durch den unkontrollierten Kauf von Quoten durch Großunternehmen entsteht. „Große Akteure kaufen zu jedem Preis, den sie wollen. Alles liegt in ihren Händen", sagt er.
Umweltaspekte und Nachhaltigkeit
Kleinere Boote gelten als ökologisch verträglicher: Sie verbrauchen weniger Treibstoff, erzeugen weniger Beifang und hinterlassen geringere Rückwürfe. Im Gegensatz dazu entnehmen Supertrawler riesige Mengen Fisch aus einem begrenzten Gebiet, was das marine Ökosystem stark belastet. Brian O'Riordan, Politikberater bei Low Impact Fishers of Europe (LIFE), bezeichnet die Situation als „verzweifelt" und betont, dass Überfischung, Klimawandel und Verschmutzung die Ressourcen weiter schrumpfen lassen.
Der Klimawandel verschärft die Probleme zusätzlich. Wärmere Gewässer und veränderte Salzgehalte durch intensive Niederschläge reduzieren die Bestände, die für die traditionelle Handwerksfischerei wichtig sind. Gleichzeitig profitieren große Aquakulturunternehmen von diesen Veränderungen, weil sie ihre Produktion besser skalieren können.
Verbraucher*innen im Dunkeln
Im Supermarkt ist es für die meisten Verbraucher*innen kaum ersichtlich, ob ihr Fisch von einem kleinen Küstenboot oder einem Megakonzerne stammt. EU-Vorschriften verlangen Angaben zu Art, Fanggebiet und Fanggerät, jedoch nicht zur Größe des schlagenden Schiffes. Im Vergleich zu Eiern, bei denen die Produktionsmethode klar gekennzeichnet ist, fehlt hier die Transparenz.
Ein konkretes Beispiel: Die Einzelhandelskette Intermarché besitzt die Flotte Scapêche. Die NGO BLOOM kritisiert, dass das Unternehmen in der Fangphase niedrige Margen oder sogar Verluste in Kauf nehmen kann, weil es die Gewinne später beim Verkauf an die Endverbraucher wieder einspielt. Diese Praxis macht es kleinen Fischern schwer, konkurrenzfähig zu bleiben, weil sie nicht über vergleichbare Finanzierungsstrukturen verfügen.
Soziale Folgen in den Küstengemeinden
Der Rückgang der handwerklichen Fischerei hat direkte soziale Konsequenzen. In Galicien, Spanien, verschwindet das traditionelle Muschelsammeln, ein Beruf, der überwiegend von Frauen ausgeübt wird. Sandra Menéndez von dem Verband Mulleres Salgadas berichtet, dass viele Frauen sich im Stich gelassen fühlen, weil die Politik größere Aquakulturunternehmen bevorzugt.
Die Abwanderung junger Menschen aus den Küstengemeinden führt zu einer raschen Alterung der Bevölkerung. Ohne neue Generationen, die das Handwerk weiterführen, drohen ganze Fischergemeinschaften zu verschwinden. Das hat nicht nur kulturelle, sondern auch wirtschaftliche Folgen: Lokale Wertschöpfungsketten brechen zusammen, und die Abhängigkeit von importierten Fischprodukten steigt.
Ausblick und mögliche Gegenmaßnahmen
Fachleute fordern eine Reform des Quotenhandels, um den Verkauf von Kontingenten an Großunternehmen zu begrenzen. Gleichzeitig wird ein stärkeres Kennzeichnungssystem gefordert, das den Ursprung des Fangs, klein oder groß, deutlich macht. Unionen und NGOs setzen sich für Subventionen ein, die kleinen Betrieben den Zugang zu modernen Fanggeräten und Märkten erleichtern.
Die Europäische Kommission hat bereits angekündigt, die Transparenz im Fischereisektor zu erhöhen, doch konkrete Maßnahmen stehen noch aus. Während die Debatte in Brüssel weitergeht, bleibt die Situation für die betroffenen Fischer*innen vor Ort akut: Sie kämpfen um ihr Einkommen, ihre Kultur und die Zukunft ihrer Gemeinden.
