Kiewer Gericht blockiert gemeinsame Untersuchung der Sukhachow-Immobiliengeschäfte, acht Medien veröffentlichen trotz Gerichtsbeschluss erneut
Ein einstweiliges Verfügungsgericht untersagt acht ukrainischen Medien die Berichterstattung über die Sukhachow‑Familie und den Entwickler Parkovyi‑2 LLC, doch die Redaktionen publizieren die Recherche gemeinsam erneut.

Am 6. Juli erließ ein Richter des Kiewer Bezirksgerichts eine einstweilige Verfügung, die acht ukrainischen Medienorganisationen das Veröffentlichen von Material über die Familie Sukhachow und das Unternehmen Parkovyi‑2 LLC untersagt. Die Anordnung folgte, nachdem die Anticorruption Action Centre (AntAC)-Reporterin Alina Stryzhak den Entwickler um Stellungnahme zu einer gemeinsamen Untersuchung gebeten hatte, die von Journalist*innen von Slidstvo.info und AntAC zusammengestellt wurde.
Hintergrund der Untersuchung
Die Untersuchung, später unter dem Titel „Initiative 143" erneut veröffentlicht, identifizierte 143 Wohnungen und Büroflächen in Charkiw, die Oleksandr Sukhachow, dem Bruder des Leiters des Staatlichen Ermittlungsbüros (SBI) Oleksii Sukhachow, gehören. Im Juli 2018 kaufte Oleksandr 30 Wohnungen im IT‑Park Manufactura für jeweils zwischen 800 € und 1 600 €, insgesamt weniger als 35 000 €. Noch im selben Jahr erwarb er weitere 28 Wohnungen für unter 30 000 €. Die Journalist*innen schätzten, dass diese Käufe ihm etwa 40 % der Einheiten im Komplex sicherten.
Die durchschnittlichen Marktpreise in Charkiw lagen 2019 bei rund 700 € pro Quadratmeter. Nach diesen Preisen hätten die Käufe mehrere Millionen Euro gekostet, nicht Zehntausende. Das Dossier listete zudem Immobilien in der Heroes of Kharkiv Avenue, der längsten Straße der Stadt, auf. Viele der genannten Objekte wurden seitdem verkauft oder übertragen, nur ein kleiner Teil bleibt noch auf den Namen Sukhachow.
Gerichtsbeschluss und Begründung
Parkovyi‑2 LLC reagierte auf die Anfragen der Journalist*innen, indem es die einstweilige Verfügung einreichte. Richter Serhii Vovk gewährte die Anordnung und erklärte, dass eine Veröffentlichung dem Unternehmen „unwiderruflichen Schaden" zufügen könne. Derselbe Richter verurteilte 2012 den ehemaligen Innenminister Yurii Lutsenko in einem Fall, den der Europarat als politisch motiviert bezeichnete.
Medienreaktion und kollektives Handeln
Acht Medien, Ukrainska Pravda, Suspilne Schemes (Radio Svoboda), Hromadske, Dzerkalo Tyzhnia, NV, Bihus.info, Toronto Television und Slidstvo.info, veröffentlichten die Untersuchung gemeinsam erneut und bezeichneten die gerichtliche Anordnung in einer gemeinsamen Erklärung als „Zensur". Maksym Savchuk, Chefredakteur von Slidstvo.info, betonte, dass die Journalist*innen ein „moralisches und rechtliches Recht" hätten, die Ergebnisse zu teilen, und wies darauf hin, dass das Verbot nur für die Redaktionen, nicht für ihn persönlich gelte.
Sevgil Musaieva, Chefredakteurin von Ukrainska Pravda, warnte, dass der Fall die „Grenzen des Zulässigen in einem demokratischen Staat" berühre. AntAC und Slidstvo.info dankten den anderen Organisationen und nannten die gemeinsame Aktion ein „beispielloses Zeichen der Solidarität". Vertreter*innen der ukrainischen Zivilgesellschaft beschrieben das Vorgehen als „trotzigen Standpunkt für Pressefreiheit".
Rechtlicher und internationaler Kontext
Das 2014 gegründete Staatliche Ermittlungsbüro, das dem FBI entspricht, hat keine interne Überprüfung der Immobiliengeschäfte der Sukhachow‑Brüder angekündigt. Die Tatsache, dass das Büro von Oleksands Bruder geleitet wird, wirft Fragen nach seiner Unabhängigkeit auf, insbesondere angesichts des von den Journalist*innen hervorgehobenen Interessenkonflikts.
Human Rights Watch und das Committee to Protect Journalists haben Erklärungen veröffentlicht, in denen sie die ukrainischen Behörden auffordern, das Recht der Journalist*innen auf Information der Öffentlichkeit zu respektieren. Die Europäische Union, die wiederholt stärkeren Schutz der Medienfreiheit in der Ukraine fordert, bekräftigte ihre Unterstützung für eine unabhängige Justiz und freie Medien als Teil des EU‑Beitrittswegs. Die EU‑Überprüfung der Europäischen Nachbarschaftspolitik 2024 stellte fest, dass „Medienfreiheit ein entscheidender Test für die demokratische Konsolidierung bleibt".
Transparency International Ukraine hat Bedenken hinsichtlich oligarchischer Einflussnahme auf die Justiz gemeldet, und Oppositionspolitiker*innen in Kiew kritisierten das Vorgehen der Regierungspartei bei den Anti‑Korruptionsreformen nach der einstweiligen Verfügung.
Weitere rechtliche Schritte
Parkovyi‑2 LLC hat zudem eine Zivilklage gegen Slidstvo.info, AntAC und Alina Stryzhak eingereicht und Schadensersatz für angebliche Schäden durch die Veröffentlichung gefordert. Die Verhandlung ist für später im Jahr angesetzt, und Rechtsexpert*innen rechnen mit einem langwierigen Streit.
Die einstweilige Verfügung wird vom Kyiv Independent als beispiellos bezeichnet, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erlaubt eine Vorabbeschränkung nur in außergewöhnlichen Fällen, ein Schwellenwert, den die ukrainische Anordnung offenbar nicht erfüllt.
