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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
Start/Europa/kritische-chemikalien-allianz-der-eu-ger-t-wegen-industriegepr-gter-steuerung-und-umweltblindheit-in-die-kritik
Europa08. Juli 2026

Kritische Chemikalien-Allianz der EU gerät wegen industriegeprägter Steuerung und Umweltblindheit in die Kritik

Eine neue Studie wirft der von der Chemiebranche dominierten Allianz vor, kritische Stoffe zu benennen, ohne Umweltbelastungen zu berücksichtigen.

Kritische Chemikalien-Allianz der EU gerät wegen industriegeprägter Steuerung und Umweltblindheit in die Kritik

Die Europäische Kommission hat im Januar auf dem Chemelot-Industriepark in Limburg, Niederlande, die Gründung der Critical Chemicals Alliance (CCA) angekündigt. Die Allianz soll chemische Substanzen und Produktionsstandorte identifizieren, die für die EU-Wirtschaft unverzichtbar sind und für nationale oder EU-Subventionen in Frage kommen.

Industriegeführte Lenkung und Arbeitsgruppen

Eine diese Woche veröffentlichte Studie des Corporate Europe Observatory und des European Environmental Bureau zeigt, dass der Lenkungsausschuss der CCA und drei der vier Arbeitsgruppen überwiegend aus Mitgliedern des European Chemical Industry Council (CEFIC) sowie großen Herstellern wie BASF, INEOS, TotalEnergies, Evonik und Syensqo bestehen.

Die erste Arbeitsgruppe, die entscheidet, ob ein Molekül "kritisch" ist, zählt 13 von 20 Mitgliedern aus großen Chemieunternehmen oder branchenspezifischen Gewerkschaften. Die Autoren argumentieren, dass diese Mehrheit der Industrie ermöglicht, die Liste kritischer Moleküle zu gestalten.

Methodik und Ergebnisse

Die Allianz hat eine Stichprobe von 70 Molekülen anhand einer von der Chemiebranche selbst entwickelten Methodik bewertet. Etwa zwei Drittel der bewerteten Moleküle wurden als kritisch eingestuft und könnten damit für öffentliche Fördermittel in Frage kommen. Auf der Liste stehen unter anderem Benzin, ein bekannter Karzinogen, und Fluorwasserstoff, ein Vorläufer von PFAS‑Verunreinigungen.

Finanzieller Kontext und Umweltblindstellen

Zwischen 2010 und 2023 hat die Chemieindustrie drei Viertel ihres Netto­gewinns von 322 Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet. Dennoch erwähnen die öffentlichen Dokumente der CCA weder Boden-, Wasser- noch Luftverschmutzung, die durch den Sektor verursacht wird.

Politischer Hintergrund und Aufsicht

Kommissare beschrieben die CCA als Reaktion auf eine Krise in der Chemieindustrie, die hohe Energiekosten und die Konkurrenz chinesischer Produzenten anführt. Der Europäische Ombudsmann hat eine Untersuchung zu den "Reality Checks" der Kommission eingeleitet, geschlossene Konsultationen mit großen Unternehmen. Die Untersuchung ergab Hunderte von Treffen zu Themen wie Online‑Privatsphäre und Künstliche Intelligenz, bei denen zivilgesellschaftliche Akteure ausgeschlossen waren.

Im Chemiefall ermöglicht die Zusammensetzung des Lenkungsausschusses der Branche, zu bestimmen, welche Stoffe als unverzichtbar gelten und unter welchen Bedingungen öffentliche Mittel gewährt werden.

Forderungen nach Reform

Die Aufsichtsorgane schlagen vor, den Begriff "Kritikalität" anhand gesellschaftlicher Ziele wie Klimaschutz, Gesundheitsschutz und Kreislaufwirtschaft neu zu definieren und Subventionen an strenge Entgiftungsauflagen zu knüpfen.

Das Corporate Europe Observatory und dreißig weitere zivilgesellschaftliche Organisationen haben am Donnerstag einen Brief an die Kommission gesendet, in dem sie auffordert, die Governance der CCA zu reformieren oder die Allianz aufzulösen. Die Kommission hat bis Oktober Zeit, über die Empfehlungen zu entscheiden.

Bis eine Entscheidung getroffen ist, prüft die CCA weiterhin Chemikalien auf mögliche öffentliche Unterstützung, ein Prozess, der Milliarden Euro an bestehenden Anlagen lenken könnte.

Gegensätzliche Sichtweisen

Gewerkschaften warnen, dass Subventionen ohne strenge Umweltauflagen veraltete, kohlenstoffintensive Prozesse festschreiben und die Klimaziele der EU gefährden könnten. Industrieverbände dagegen argumentieren, dass die Kennzeichnung bestimmter Moleküle als kritisch notwendig sei, um Lieferketten für Sektoren wie Automobil und erneuerbare Energien zu sichern, und behaupten, dass Europa ohne gezielte Unterstützung strategische Produktionskapazitäten an asiatische Wettbewerber verlieren könnte.

Der Bericht stellt die CCA in den Kontext einer breiteren EU‑"Vereinfachungsagenda", die auf "Reality Checks" setzt, und weist darauf hin, dass die aktuelle Agenda der Allianz keinerlei Verweise auf die Umweltschäden enthält, die durch die Chemiebranche verursacht werden.

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