Mediterrane Pflanzen gedeihen in belgischen Städten, während städtische Hitze die Flora umgestaltet
Durch den Wärmeinseleffekt breiten sich immer mehr wärmeliebende Pflanzen in Brüssel und ganz Belgien aus.
Roosmarijn Steeman, Botanikerin an der Universität Brüssel, kniete kürzlich auf einem Stadtpflaster und dokumentierte einen Granatapfelstrauch, der zwischen den Rissen hervorsprießte. Wenige Wochen später bemerkte sie eine Dattelpalme, die auf demselben Gehweg wuchs. Beide Entdeckungen sind Teil von FloraBru, einem vierjährigen Projekt, das jede wild wachsende Pflanze in der Hauptstadt kartieren will.
Ein Phänomen, das sich ausbreitet
Steeman sagt, das Phänomen sei nicht isoliert. "Wir sehen viele mediterrane Pflanzen, die in Brüssel sehr gut gedeihen", erklärte sie UnionPress. Die Ursache liegt im städtischen Wärmeinseleffekt: Beton und Asphalt speichern tagsüber Sonnenwärme und geben sie nachts langsam wieder ab, wodurch die Stadttemperaturen höher bleiben als im Umland. Mildere Winter und die häufige Präsenz von steinigen Flächen begünstigen Arten, die an felsige mediterrane Lebensräume gewöhnt sind.
Von Granatäpfeln bis Avocadobäumen
Weitere Beispiele tauchen in ganz Belgien auf. Das sogenannte "Baby's tears", eine winzige Pflanze aus Sardinien und Korsika, erscheint nun in Brüssel, Gent, Antwerpen und sogar entlang der milderen Küstenregion. Kleine Gänsefußarten, ursprünglich aus Nordafrika, Südwestasien und Südeuropa, wurden an städtischen Standorten in Belgien, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und der Tschechischen Republik verzeichnet. Im Jahr 2022 berichtete Botaniker James Wong von einem Avocadobaum, der in einem Londoner Garten wuchs, und verdeutlichte damit, wie weit warme Klimapflanzen bereits gereist sind.
Während die Medien diese Ankünfte häufig direkt mit dem Klimawandel verbinden, warnt Filip Verloove, Spezialist für nicht‑einheimische Pflanzen im Botanischen Garten Meise, vor einer zu einfachen Sichtweise. "Das wärmere Klima ist der Kontext, der ihnen das Gedeihen ermöglicht, aber die meisten Pflanzen sind tatsächlich sehr unbeweglich", erklärte er. "Ich habe Unkräuter gesehen, die nicht einmal die andere Seite eines Feldes erreichen."
Wie Samen nach Norden gelangen
Die Natur spielt dennoch eine Rolle. Eine im Jahr 2025 veröffentlichte Studie der Royal Society, die GPS‑Tracker an Drosseln einsetzte, zeigte, dass diese Vögel fleischfruchtige Samen über Dutzende bis Hunderte Kilometer transportieren und damit als natürliche Samenausbreitungsdienste fungieren.
Der Mensch ist jedoch der dominierende Vektor. Samen hitchen sich an Kleidung, Schuhe, Autoreifen und die unzähligen internationalen Reisen, die Europäer jedes Jahr unternehmen. Steeman erkannte ein klares Muster bei belgischen Küsten-Campingplätzen: Urlauber reisen mit Zelten und Wohnwagen nach Süden und kehren dann nach Norden zurück, wobei sie unbeabsichtigt Samen an Fahrzeugrädern und Schnürsenkeln verbreiten.
Ornamentaler Gartenbau und Handel
Auch der ornamental‑Gartenbau trägt bei. "Es gibt einige Zierpflanzen, die hierher aus dem Ausland gebracht wurden, um in Gärten zu imponieren, die dann wild geworden sind und sich von selbst ausbreiten", bemerkte Verloove. Der Schmetterlingsstrauch, geschätzt für seine farbenfrohen Blüten, veranschaulicht das Risiko. "Wir sehen sie nicht immer als Gefahr, weil sie so schön sind", sagte Steeman, "aber wenn wir sie nicht entfernen, können sie überall zwischen Steinen wuchern und sogar Gebäude beschädigen."
Handelsrouten bieten einen weiteren Kanal. Nicht‑einheimische Arten kommen häufig versteckt in landwirtschaftlichen Sendungen wie Getreide an. Im Hafen Gent beobachtete Verloove mehrere südafrikanische Unkräuter in der Nähe von Getreidekais, obwohl Belgien nie direkt Getreide aus Südafrika importiert. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Unkräuter zuerst die Getreidezone Westaustraliens nach dem Handel mit Südafrika kolonisierten und dann über australische Getreideexporte nach Europa gelangten.
Diese Erkenntnis legt nahe, dass Handelsdaten zu einem prädiktiven Werkzeug für Pflanzeninvasionen werden könnten. Durch die Beobachtung der Flora der wichtigsten Exportpartner eines Landes könnten Botaniker vorhersehen, welche Arten wahrscheinlich in europäischen Häfen auftauchen, bevor sie vor Ort gesichtet werden.
Politische Implikationen für Europa
Für europäische Entscheidungsträger wirft die Ausbreitung wärmeliebender Pflanzen mehrere Bedenken auf. Während einige Neuzugänge die städtische Biodiversität bereichern können, bedrohen andere einheimische Arten, verändern die Bodenchemie und beschädigen sogar historische Steinbauten. Stadtplaner und Kommunen müssen möglicherweise regelmäßige Überwachungen in das Grünflächen‑Management integrieren, Ressourcen für das frühe Entfernen invasiver Zierpflanzen bereitstellen und mit Zollbehörden zusammenarbeiten, um phytosanitäre Kontrollen bei Hochrisikogütern zu verschärfen.
Auch das öffentliche Bewusstsein ist wichtig. Bürgerinnen und Bürger, die Wochenendausflüge oder Strandurlaube genießen, können helfen, indem sie Schuhe und Autoreifen vor der Rückkehr nach Hause reinigen und so den unbeabsichtigten Samentransport reduzieren. Gemeinschaftsgruppen und Citizen‑Science‑Plattformen könnten neue Sichtungen melden, Daten in Projekte wie FloraBru einspeisen und schnellere Reaktionen ermöglichen.
Ausblick
Während europäische Städte weiter erwärmen und expandieren, verwischt die Grenze zwischen kultivierten Gärten und wilden Lebensräumen. Die Ergebnisse von FloraBru erinnern uns daran, dass städtische Ökosysteme dynamisch sind, geformt nicht nur vom Klima, sondern auch von den täglichen Bewegungen von Menschen, Gütern und Vögeln. Wie Europa diesen botanischen Zustrom managt, wird die Biodiversität, das kulturelle Erbe und die Resilienz urbaner Grünflächen für kommende Jahre bestimmen.