Rückblick auf den 11. September: Wie die Entscheidungen der USA globale Sicherheit und Demokratie prägten
Der Osteuropa‑Historiker Edgar Buckley analysiert ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen von 2001 und zeigt, wie US‑Strategien die von ihnen bekämpften Gefahren verstärkten.

Edgar Buckley, Historiker für Osteuropa, blickt auf das Vierteljahrhundert seit den Anschlägen im September 2001 zurück und argumentiert, dass die strategischen Entscheidungen der Vereinigten Staaten die Gefahren, die sie bekämpfen wollten, noch verstärkt haben.
Einleitung im Yale‑Auditorium
Als die Türme fielen, sah die Welt eine schockierte Nation. In einem Hörsaal an der Yale‑Universität warnte der Historiker, der an diesem Tag die Vorlesung hielt, seine Studenten, dass die eigentliche Prüfung nicht die Tragödie selbst, sondern die Reaktion darauf sei. Er erklärte, dass die russischen kaiserlichen und sowjetischen Geheimdienste lange die Kunst gemeistert hätten, Gegner zu selbstzerstörerischen Handlungen zu provozieren, und dass dieselbe Logik auf den US‑Weg nach dem 11. September angewendet werden könne.
Von der Ölabhängigkeit zu einem verpassten Energiewandel
Die unmittelbare politische Reaktion in Washington konzentrierte sich auf Sicherheit, nicht auf Energiepolitik. Der Historiker weist darauf hin, dass die logischste Gegenmaßnahme darin bestanden hätte, die Abhängigkeit der Nation von fossilen Brennstoffen zu brechen und damit den strategischen Anreiz zu entfernen, im ölreichen Nahen Osten zu intervenieren. Ein schneller Umstieg auf erneuerbare Quellen hätte die Treibhausgasemissionen senken, das Verlangen nach Überseekriegen reduzieren und das Aufkommen einer russischen Energieoligarchie unter Präsident Wladimir Putin begrenzen können.
Stattdessen verfolgte die Administration von George W. Bush, dessen Familienvermögen mit der Ölindustrie verbunden war, eine andere Agenda. Der Präsident stellte die Anschläge als Angriff auf "Freiheiten" dar, doch die anschließende Gründung des Department of Homeland Security bündelte ein breites Spektrum an Behörden unter einem Sicherheitsdach und verwischte die Grenze zwischen äußeren Bedrohungen und innerer Polizeiarbeit. Der Historiker argumentiert, dass diese institutionelle Neuordnung den Grundstein für eine spaltende Politik legte, die Bewohner als "legale" oder "illegale" Menschen kategorisiert, eine Rhetorik, die seitdem den Bau von Haftanstalten im Stil von Konzentrationslagern befeuert hat.
Die Sprache des "Homeland" und ihr autoritärer Nachhall
Der Begriff "Homeland" drang in den offiziellen amerikanischen Diskurs ein, als er noch Konnotationen einer exklusiven, fast tribalischen Identität trug. Der Historiker vergleicht seine Aufnahme mit der Nazi‑Faszination für "Heimat", einer nostalgischen Vorstellung von einem reinen, unveränderlichen Zuhause. Im Laufe der Jahre ist das Wort normalisiert worden, doch seine Ursprünge bleiben in einer ausgrenzenden Weltsicht verwurzelt, die Außenseiter als Bedrohung darstellt.
Unter Donald Trump intensivierte sich die Rhetorik. Der Verteidigungsminister Pete Hegseth stellte die Streitkräfte als Schlachtfeld kultureller Kriege dar, Männer gegen Frauen, Weiße gegen Schwarze, und definierte die militärische Mission neu als "Homeland Defence". In der Praxis bedeutete das, dass die Streitkräfte als persönliche Miliz eines Herrschers eingesetzt werden konnten, statt als Beschützer demokratischer Institutionen.
Der Irakkrieg als Katalysator für innere Unruhen
Der Historiker hält die Invasion des Iraks 2003 für die katastrophalste außenpolitische Reaktion auf den 11. September. Der Krieg, der unter dem Vorwand geführt wurde, Saddam Husseins Regime mit den Anschlägen zu verbinden, erwies sich später als Lüge. Der Konflikt erschöpfte die öffentlichen Finanzen, verankerte eine militarisierte Wirtschaftsordnung und hinterließ eine Generation von Amerikanern, die traumatisiert war.
Diese Wunden schufen fruchtbaren Boden für einen Kandidaten, der öffentliche Ängste ausnutzen konnte. Der Historiker verknüpft den Aufstieg Trumps direkt mit dem Irakkrieg und argumentiert, dass der Konflikt das Vertrauen in die Regierung untergrub und die Idee normalisierte, militärische Gewalt zur Lösung innerer Probleme einzusetzen. Der Krieg festigte zudem ein Muster unprovozierter Aggression, das das Kernprinzip des Völkerrechts verletzte: das Verbot von Angriffskriegen.
Von Irak nach Ukraine: Eine Kette von Lügen und Fehlentscheidungen
Obwohl die USA nicht direkt für die Annexion der Krim 2014 verantwortlich waren, argumentiert der Historiker, dass die Irak‑Invasion es Wladimir Putin erleichtert habe, seine eigenen expansionistischen Ambitionen zu rechtfertigen. Durch das Vorzeigen, dass eine Großmacht unter erfundenen Vorwänden im Ausland intervenieren könne, habe die USA unbeabsichtigt ein Muster für russische Aggression geliefert.
2013 und Anfang 2014 warnte der Historiker, dass russische Propaganda die Ukraine als Nation von "schwulen Nazis" und "Juden" darstellen würde, ein Narrativ, das darauf abziele, den ukrainischen Staat zu delegitimieren. Als Russland 2022 die umfassende Invasion startete, waren die USA zunächst skeptisch, ihr Ansehen war durch die Lügen rund um den Irak beschädigt. Der Historiker stellt fest, dass dieses Vertrauensdefizit dazu führte, dass europäische Führer weniger auf das Ausmaß des russischen Angriffs vorbereitet waren.
Wie US‑eigene Politik das Terroristen‑Handbuch fütterte
Die zentrale Behauptung des Essays lautet, dass die USA durch die Reaktion auf Terror mit Krieg, Überwachung und Spaltung ihren Gegnern ein vorhersehbares Drehbuch lieferten. Der Historiker nennt drei konkrete Folgen:
- Die Ausbreitung von Sicherheitsbehörden, die die Grenze zwischen äußeren Bedrohungen und innerer Dissidenz verwischen und ein Klima schaffen, in dem bürgerliche Freiheiten routinemäßig eingeschränkt werden.
- Die Verfestigung eines Verteidigungs‑Industriekomplexes, der militärische Ausgaben über soziale Investitionen stellt, Ungleichheit vertieft und die Fähigkeit des Staates, den Klimawandel zu bekämpfen, einschränkt.
- Die Normalisierung des Begriffs "Terrorismus" als Allzweck‑Rechtfertigung für ausländische Kriege und innere Niederschlagungen, wodurch Führer wie Trump und Putin Gegner als Terroristen brandmarken können, um Repression zu legitimieren.
Trumps Versuch, Terror im eigenen Land zu weaponisieren
Laut dem Historiker stellte Trumps Weigerung, die Wahlergebnisse von 2020 anzuerkennen, und sein anschließender Versuch, den demokratischen Prozess im Januar 2021 zu kippen, eine inländische Inkarnation der Terrorstrategie dar: Angst und Gewalt nutzen, um politische Ziele zu erreichen. Er verknüpft dies mit dem breiteren Muster staatlich unterstützten Terrors und weist darauf hin, dass Putins Krieg in der Ukraine systematische Kriegsverbrechen, Massenexekutionen, Zwangsdeportationen und Angriffe auf Zivilisten mit Drohnen und Raketen umfasst.
Aus der Sicht des Autors hat die Entscheidung der USA, der Ukraine keine Patriot‑Luftverteidigungssysteme zu liefern, direkt zu zivilen Opfern beigetragen. Er argumentiert, dass diese Politik eine breitere Bereitschaft widerspiegelt, Verbündeten leiden zu lassen, um amerikanische strategische Interessen anderswo zu wahren, insbesondere im Nahen Osten.
Die iranische Dimension und das Risiko einer breiteren Flamme
Der Historiker warnt, dass die konfrontative Haltung der USA gegenüber dem Iran, besonders unter Trump, eine gefährliche Rückkopplungsschleife erzeugt habe. Durch die Provokation Teherans riskiere Washington ein Szenario, in dem Iran einen Angriff auf amerikanischem Boden starten könnte, was wiederum einen Vorwand für weitere innenpolitische Repressionen oder sogar die Aussetzung von Wahlen bieten würde.
In dieser Sichtweise befindet sich die USA in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf: Kriege im Ausland erschöpfen Ressourcen, nähren autoritäre Impulse im Inneren und erhöhen die Wahrscheinlichkeit weiterer Konflikte.
Was der Historiker den Bürgern rät
Während der Sirenen von Luftschutzwarnungen in Charkiw, aus einem Untergrundbunker schreibend, fordert der Historiker eine andere Art von Reaktion, die sich weigert, in das Terroristen‑Handbuch hineingezogen zu werden. Er nennt die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer, die trotz nächtlicher Bombardierungen zusammenkommen, um bei einem Glas Wein Ideen zu diskutieren, als Beispiel kollektiver Handlungsfähigkeit, die die Logik der Provokation herausfordert.
Für Amerikaner lautet das Rezept ähnlich: Der Versuch, das Narrativ zu akzeptieren, dass Sicherheit nur durch Krieg, Überwachung und Spaltung erkauft werden kann, muss abgelehnt werden. Stattdessen sollen die Bürger Politik fordern, die die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beendet, in öffentliche Dienste investiert und die Rechtsstaatlichkeit wahrt.
Implikationen für Europa
Europäische Leser können mehrere Lehren aus dieser Analyse ziehen. Erstens ist die eigene Energiewende der Europäischen Union ein strategisches Gebot; die Reduktion der Abhängigkeit von russischem Gas und nahöstlichem Öl mindert nicht nur den Klimawandel, sondern begrenzt auch den geopolitischen Einfluss autoritärer Regime.
Zweitens bietet Europas Erfahrung mit Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaat ein Gegenmodell zum sicherheits‑first‑Ansatz der USA. Durch starke demokratische Institutionen und den Schutz bürgerlicher Freiheiten können europäische Gesellschaften einem Klima der Angst, das Autoritarismus nährt, entgehen.
Drittens unterstreicht die Kritik des Historikers an US‑Unilateralismus die Bedeutung des Multilateralismus. Europas Engagement in der NATO, auch wenn es manchmal belastet ist, bleibt eine Plattform für kollektive Sicherheit, die die Exzesse einer einzelnen Macht eindämmen kann.
Ausblick
Zum 25. Jahrestag des 11. September schließt der Historiker, dass Freiheit mit den Entscheidungen beginnt, die Individuen und Gesellschaften nach einer Krise treffen. Er warnt, dass, wenn Bürger Angst die Politik bestimmen lassen, sie den Sieg den Kräften überlassen, die sie destabilisieren wollen.
In den Worten des Autors liegt der Weg nach vorn im "Selbstdenken über die Zukunft" statt im Unterwerfen unter ein Narrativ permanenter Bedrohung. Für Europa bedeutet das, erneuerbare Energien weiter zu fördern, demokratische Normen zu schützen und Sicherheitsbedenken nicht über die Grundrechte von Arbeitern und Migranten erhaben zu lassen.
Nur indem man das Erbe vergangener Entscheidungen konfrontiert und dieselben Fehler nicht wiederholt, kann der Kontinent hoffen, eine gerechtere und sicherere Zukunft für alle seine Bürger zu bauen.


