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Vol. XV · N°258
Dienstag, 15. September 2026
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Politik04. September 2026

Rumänien verliert 770 Millionen Euro EU‑Erholungsgelder, weil Parteien Lohnreform im öffentlichen Dienst blockieren

Die rumänischen Parteien verpassten die Frist im August und lassen damit 770 Millionen Euro aus dem EU‑Recovery‑and‑Resilience‑Fund ungenutzt.

Rumänien verliert 770 Millionen Euro EU‑Erholungsgelder, weil Parteien Lohnreform im öffentlichen Dienst blockieren

Rumänien wird 770 Millionen Euro aus dem EU‑Recovery‑and‑Resilience‑Facility verlieren, weil die politischen Parteien des Landes es nicht schaffen, vor Ablauf der August‑Frist einen neuen Lohnrahmen für Beschäftigte im öffentlichen Dienst zu verabschieden.

Warum das Geld verloren geht

Die Europäische Kommission hat das Geld nicht als Strafe einbehalten, sondern die im Recovery‑and‑Resilience‑Facility festgelegten Regeln angewendet. Mitgliedstaaten müssen vereinbarte Reformen bis zu einem festen Termin umsetzen, um die zugesagten Mittel zu erhalten. Als Ende August klar wurde, dass das rumänische Parlament die Gesetzgebung nicht rechtzeitig verabschieden wird, hat die Kommission die Auszahlung automatisch ausgesetzt.

Rumänien hatte die Reform bereits in seinem nationalen Wiederaufbauplan verankert, der 2022 von Brüssel genehmigt wurde. Der Plan versprach ein modernisiertes Entgeltsystem für mehr als eine Million Beschäftigte im öffentlichen Sektor, ein Schritt, der die Tranche von 770 Millionen Euro freischalten sollte. Da das Gesetz nicht angenommen wurde, bleiben die Mittel ungenutzt, obwohl das Land sie hätte sichern können, wenn es den eigenen Zeitplan eingehalten hätte.

Politische Turbulenzen befeuern das Patt

Das Patt lässt sich nicht einer einzigen Partei zuschreiben. Journalist Marian Chiriac vom BIRN‑Netzwerk weist darauf hin, dass die Verhandlungen bereits 2022 hätten beginnen sollen, aber aufeinanderfolgende Regierungen sie immer wieder verschoben haben. Die Situation verschärfte sich nach dem Sturz des pro‑europäischen Kabinetts unter Premierminister Ilie Bolojan im Mai 2026, nach einem Misstrauensvotum, das von der PSD und der rechtsextremen AUR unterstützt wurde.

Nach dem Votum wurde Rumänien von einer Übergangsregierung mit eingeschränkten Befugnissen geführt. Laut Verfassung darf eine solche Regierung nur Maßnahmen für die routinemäßige Verwaltung ergreifen, nicht umfassende Reformen wie ein neues Lohnsystem im öffentlichen Dienst. Politikwissenschaftler Cristian Pîrvulescu betont: "Die Frist wartete nicht auf eine Regierung, die die Reform ablehnte. Sie fiel auf ein Land, das gar keine Regierung mehr hatte."

Präsident Nicușor Dan versuchte im Mai zu vermitteln, indem er die PSD, die PNL, die reformorientierte USR und die ungarische Minderheitenpartei UDMR zusammenbrachte. Trotz mehrerer Gesprächsrunden konnten die Parteien keinen Kompromiss finden, der einer Parlamentsabstimmung standgehalten hätte.

Kostendiskussion vertieft die Kluft

Im Kern geht es nicht darum, ob das Entgeltsystem modernisiert werden muss, alle Seiten sind sich einig, dass die aktuelle Regelung veraltet ist, sondern um die Kosten der Umgestaltung und die Verteilung der Vorteile. Der Interimsarbeitsminister Dragoș Pîslaru gab an, dass die Forderungen der Gewerkschaften mehr als 5 Milliarden Euro betragen, während der Regierungsentwurf bei rund 2 Milliarden Euro liegt.

Die PSD argumentiert, dass die niedrigere Summe Lehrkräfte, Pflegepersonal und andere Beschäftigte an vorderster Front mit unzureichenden Erhöhungen zurücklassen würde, zumal die Reallöhne im Land seit Jahren stagnieren. Die PNL hingegen warnt, dass ein Aufwand von 5 Milliarden Euro das bereits hohe Haushaltsdefizit Rumäniens weiter verschärfen und die fiskalische Stabilität gefährden würde.

Beide Parteien stritten sich zudem über die Behandlung von Prämien. Der Gesetzentwurf sah vor, Zusatzzahlungen auf 20 Prozent des Grundgehalts pro Einrichtung zu begrenzen, um die Ausbreitung von Ad‑hoc‑Prämien zu bremsen, die das Gesamteinkommen aufblähen. Die PSD lehnte die Obergrenze ab und betonte, dass Prämien nötig seien, um Personal in einem von Fachkräftemangel geplagten Sektor zu halten.

Folgen für Beschäftigte und Haushalt

Für die mehr als eine Million Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die auf eine Lohnerhöhung warten, bedeutet der Verlust der EU‑Mittel, dass der Staat alternative Finanzierungsquellen finden muss, wahrscheinlich über höhere Steuern oder Einsparungen an anderer Stelle. Die Gewerkschaften warnen, dass die Regierung ohne das EU‑Geld gezwungen sein könnte, jede Erhöhung zu verschieben, was die Unzufriedenheit unter Lehrkräften und Gesundheits­arbeitenden, die in den letzten Monaten bereits gestreikt haben, vertiefen würde.

Aus fiskalischer Sicht erschwert das Scheitern der Reform zudem Rumäniens Fähigkeit, die im Wiederaufbauplan festgelegten Defizitreduktionsziele zu erreichen. Die Europäische Kommission erwartet von den Mitgliedstaaten einen glaubwürdigen Weg zu niedrigeren Defiziten, während die zugewiesenen Mittel in wachstumsfördernde Projekte investiert werden. Das Verpassen der Lohnreform‑Frist wirft Fragen zur Glaubwürdigkeit von Bukarests umfassender Wirtschaftsstrategie auf.

Europäischer Kontext

Rumäniens Rückschlag kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die EU die Mitgliedstaaten drängt, das Recovery‑and‑Resilience‑Facility umzusetzen, ein zentrales Element des Wiederaufbaus nach der Pandemie. Andere Länder wie Spanien und Italien standen bereits unter Beobachtung wegen verzögerter Reformen, konnten jedoch ihre Mittel freischalten, indem sie die politischen Zeitpläne anpassten. Rumäniens Erfahrung könnte als Warnung für Regierungen dienen, die auf EU‑Finanzierung angewiesen sind, während sie gleichzeitig mit innenpolitischer Instabilität kämpfen.

Europäische Gewerkschaftsbünde äußerten Besorgnis, dass der Verlust von 770 Millionen Euro die kollektive Verhandlungs­kraft in der Region schwächen wird, besonders in Ländern, in denen die Löhne im öffentlichen Sektor bereits hinter dem Wachstum des Privatsektors zurückbleiben. Sie argumentieren, dass die EU‑Konditionalität mit stärkerer Unterstützung für Verhandlungen einhergehen sollte, anstatt mit einem strikten "Frist‑oder‑Verlust‑der‑Mittel"‑Ansatz.

Wie geht es weiter?

Vertreter der vier ehemaligen Koalitionsparteien haben signalisiert, dass sie die Reform noch vor Jahresende verabschieden wollen, allerdings ohne die EU‑Mittel. Gelingt ihnen das, könnte das neue Entgeltsystem die Bedingungen für Beschäftigte im öffentlichen Dienst verbessern, doch der Staat müsste die Finanzierung aus dem eigenen Haushalt oder anderen EU‑Programmen stemmen.

Gleichzeitig wird die Europäische Kommission die Situation genau beobachten. Sollte Rumänien die Reform schließlich umsetzen, könnte die Kommission eine separate Mittelzuweisung prüfen, wobei zukünftige Auszahlungen wahrscheinlich strengeren Kontrollen unterliegen werden.

Der Verlust von 770 Millionen Euro verdeutlicht, wie politische Blockaden in greifbare Kosten für Haushalte und öffentliche Dienste umgemünzt werden. Wenn Rumänien in eine neue Legislaturperiode eintritt, wird die Fähigkeit seiner Parteien, Konsens über Ausgabenprioritäten zu finden, ein entscheidender Test für das europäische Solidaritätsverständnis und das Wohlergehen seiner Beschäftigten sein.

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