Russlands jet‑getriebene Shahed‑Drohnen dominieren die ukrainische Luftverteidigung, während die Produktion anläuft
Neue jet‑getriebene Modelle Geran‑4 und Geran‑5 erreichen bis zu 600 km/h und stellen eine wachsende Bedrohung für die ukrainische Luftverteidigung dar.

Russland hat begonnen, jet‑getriebene Shahed‑Drohnen einzusetzen, die als Geran‑4 und Geran‑5 bezeichnet werden und mit etwa 600 km/h fliegen, eine Geschwindigkeit, die mit vielen Boden‑zu‑Luft‑Raketen vergleichbar ist. Der Geran‑5 kann bis zu 90 kg Nutzlast tragen und damit Schaden anrichten, der einem kleinen konventionellen Bombenangriff entspricht.
Design und Bauteillieferung
Im Gegensatz zu den früheren propellergetriebenen Shaheds nutzen die neuen Modelle kleine Düsentriebwerke, die ihnen eine raketenähnliche Silhouette und höhere Geschwindigkeit verleihen. Der Rumpf ist ein Verbund‑Flügel, der für Gewicht und Haltbarkeit angepasst werden kann. Analysten stellen fest, dass die Düsentriebwerke chinesisch sind und als industrielle Kühlgeräte getarnt werden, während die Elektronik Bauteile aus den USA, Deutschland und anderen ausländischen Lieferanten enthält. Ermittler, die einen abgeschossenen Geran‑5 untersuchten, identifizierten mindestens neun US‑elektronische Bauteile und einen deutschen Transistor im Wrack.
Analyst Anton Zemlianyi bemerkt: "Wenn Russland von diesen Komponenten abgeschnitten würde, wäre seine Fähigkeit, jet‑getriebene Shaheds massenhaft zu produzieren, stark eingeschränkt." Die Lieferkette wird daher als Mischung aus legalen Importen und geschmuggelten Mikroschaltungen beschrieben.
Produktionskapazität
Russische Fabriken können nach Schätzungen zwischen 130 und 280 jet‑getriebene Drohnen pro Tag herstellen. Die Website Militarnyi nennt das obere Ende dieser Spanne, während Analyst Oleksandr Kovalenko von etwa 140 Drohnen pro Tag ausgeht. Sollte der Kreml zusätzliche Ressourcen bereitstellen, könnte die Tagesproduktion weiter steigen und damit das Arsenal für Angriffe vergrößern.
Operative Auswirkungen
Ukrainische Radaroperatoren berichten, dass die höhere Geschwindigkeit von Geran‑4 und Geran‑5 sie schwerer zu verfolgen und zu bekämpfen mache; die Drohnen müssen bei Manövern abbremsen, bevor sie gesperrt werden können. Kurzstrecken‑Luftverteidigungssysteme wie die sowjetische Strela‑2 und das neuere, westlich gelieferte Stinger‑System haben Schwierigkeiten, den schnellen, schwer zu erkennenden Zielen zu folgen.
Ukrainischer Luftverteidigungschef Yurii Ihnat erklärte, dass jet‑getriebene Drohnen manchmal etwa zwei Drittel der unbemannten Bedrohung bei russischen Angriffen ausmachen. In einem bemerkenswerten Vorfall am 27. Juli traf ein Geran‑4 einen Supermarkt in Chernihiw, tötete zwei Menschen, darunter ein neunjähriges Mädchen, und verletzte 25 weitere. Die Drohne war mit einer Kamera ausgestattet, was auf ein gezieltes Anvisieren des zivilen Ziels hindeutet. Ukrainische Geheimdienste verknüpften den Anschlag mit der dritten Kampfgruppe der GROM‑Brigade "Cascade" für unbemannte Systeme und führten die Abschussstelle auf "privilegierte Personen" aus der Region Brjansk zurück, ein Kreis, der Offiziere und Beamte mit Kurzzeit‑Veteranenverträgen umfasst.
Weitere zivile Opfer wurden in Wohngebieten der Region Odessa und in Städten wie Kupjansk verzeichnet, wo die Nutzlast des Geran‑5 Schaden vergleichbar mit einer kleinen Bombe anrichten kann. Menschenrechtsorganisationen haben den Anstieg ziviler Todesfälle durch diese Drohnenangriffe hervorgehoben.
Ukrainische Gegenmaßnahmen
Die Ukraine beschleunigt die Entwicklung eigener Hochgeschwindigkeits‑Abfangdrohnen, die mit den 600 km/h der russischen Shaheds mithalten können. Der ehemalige Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov bezeichnete das entstehende System als "eines der fortschrittlichsten kleinen Luftverteidigungssysteme der Welt". Die Abfangdrohnen bleiben jedoch von westlichen Komponenten abhängig, die Exportbeschränkungen unterliegen.
Ukrainische Gewerkschaftsverbände fordern mehr Investitionen in die Luftverteidigung, weil es an Patriot‑Systemen und anderen hochentwickelten Abfangern mangelt. Sie drängen zudem die EU, bei der Entwicklung heimischer Gegenmaßnahmen für Drohnen zu unterstützen, um die Abhängigkeit von externen Lieferanten zu reduzieren.
Regionale Ausstrahlung und internationale Reaktion
Eine hybride Drohnen‑Rakete namens S8000 Banderol, gebaut von der russischen Firma Kronstadt, stürzte in Moldawien ab. Die moldawische Polizei fand Triebwerksfragmente am Absturzort und bestätigte damit das Vorhandensein eines russischen jet‑getriebenen Systems. Präsidentin Maia Sandu beschuldigte Moskau, bewusst Waffen über moldawischem Territorium zu testen, und das Institute for the Study of War bezeichnete den Vorfall als Teil von Russlands "Phase Zero"‑Kampagne von Provokationen.
Das Centre for Countering Disinformation registrierte mindestens zwölf russische Drohnen oder Raketen, die zwischen dem 15. Juli und dem 15. August in den Luftraum von EU‑Staaten eindrangen, was die grenzüberschreitende Dimension der Bedrohung unterstreicht.
Westliche Unterstützung und diplomatische Spannungen
Das Vereinigte Königreich kündigte an, bis zum Jahresende bis zu 160.000 Drohnen verschiedener Typen an die Ukraine zu liefern. Moskau verurteilte die Lieferung als Verstoß gegen eine unausgesprochene rote Linie, während britische Beamte argumentieren, dass kostengünstige, hochgeschwindige Drohnen eine billigere Alternative zu gelenkten Raketen wie dem Storm Shadow seien, der über 750.000 Pfund pro Stück kostet.
Die britische Nyan‑Drohne, produziert von Callen‑Lenz (einer Tochtergesellschaft von BAE Systems), wurde bereits von ukrainischen Streitkräften eingesetzt, um Ziele innerhalb Russlands anzugreifen, darunter Raffinerien in Wolgograd und Jaroslawl. Der Kreml beschuldigte das Vereinigte Königreich, den Konflikt zu eskalieren und an "blutigen Verbrechen" mitzuwirken. Das britische Verteidigungsministerium bekräftigte seine Unterstützung und erklärte: "Russland sollte keinen Zweifel an der Entschlossenheit dieser Regierung haben, die russische Aggression zu bekämpfen".
Sanctions, Lieferketten und Ausblick
EU‑Beamte stellen fest, dass Sanktionen Russlands Zugang zu vielen High‑Tech‑Teilen eingeschränkt haben, doch anhaltende Importe chinesischer und anderer ausländischer Komponenten zeigen Durchsetzungslücken. Europäische Politiker diskutieren strengere Kontrollen von Dual‑Use‑Technologien und eine intensivere Prüfung von Lieferketten für militärische Zwecke.
Analysten warnen, dass die tägliche Produktionskapazität von bis zu 280 jet‑getriebenen Shaheds pro Tag es ermöglichen könnte, das Angebot dieser Waffen zu erhöhen, wenn der Kreml mehr Ressourcen in die unbemannte Kriegsführung steckt, eine Entwicklung, die die ukrainische Luftverteidigung und die Sicherheit der Zivilbevölkerung weiter gefährden würde.
