Satellitendaten zeigen: Moskauer Raffinerie weiterhin offline, während russische Angriffe die Lebensmittelversorgung in Kiew belasten
Die Kapotnya‑Raffinerie bleibt nach der Explosion im Juni stillgelegt, während die Ukraine mit leeren Regalen in Kiew kämpft.

Die Kapotnya‑Raffinerie, das weitläufige Ölverarbeitungswerk am südöstlichen Rand Moskaus, bleibt nach einer Explosion im Juni geschlossen, bei der das Dach eines Lagertanks in die Luft geschleudert wurde. Eine thermische Analyse aus Satellitendaten, die der unabhängigen, im Exil lebenden Redaktion Meduza veröffentlicht hat, zeigt, dass die einzige AVT‑6‑Verarbeitungseinheit der Anlage bis Ende Juli kalt blieb, was darauf hindeutet, dass die Produktion nicht wieder aufgenommen wurde.
Wie die thermische Satellitenbildgebung funktioniert
Traditionelle Feuerüberwachungssysteme wie das NASA‑Programm FIRMS (Fire Information for Resource Management System) bieten eine Auflösung von etwa 400 Metern, ausreichend, um großflächige Brände zu erkennen, aber zu grob, um Schäden an einzelnen Industrieeinheiten zu beurteilen. Meduzas Analyse beruhte auf Bildern der Skybee‑Konstellation, betrieben von der kommerziellen Firma Constelrr. Die 2023 gestarteten Satelliten liefern eine Auflösung von 30 Metern und eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Oberflächentemperaturänderungen, sodass Analysten eine aktive, heiße Raffinerie von einer kalten, stillgelegten unterscheiden können.
Durch den Vergleich thermischer Signaturen über die Zeit können Forscher feststellen, ob die wichtigsten Verarbeitungseinheiten einer Raffinerie die Wärme erzeugen, die bei der Rohöldestillation entsteht. Im Fall von Kapotnya zeigte die AVT‑6‑Einheit, die einzige ihrer Art am Standort, auf der Thermalkarte einen beständigen blauen Farbton, die von Constelrr für Temperaturen nahe dem Umfeld verwendet wird. Ein nahegelegener Kühlturm erschien hingegen rot, was darauf hindeutet, dass er noch funktionierte, aber keine aktive Raffination unterstützte.
Kapotnya‑Explosion im Juni
Am 20. Juni starteten ukrainische Drohnenpiloten einen koordinierten Angriff auf das Kapotnya‑Komplex. Während die Drohnen von den russischen Luftverteidigungen abgefangen wurden, traf offenbar eine bodengestützte Flugabwehrrakete einen Lagertank, was zu einer massiven Sekundärexplosion führte. Die Detonation riss das Tankdach ab und schleuderte eine pilzförmige Feuerwolke über das Viertel, was in den Vororten der Hauptstadt Panik auslöste.
Erste russische Stellungnahmen stellten den Vorfall als erfolgreiche Abwehr ukrainischer Aggression dar und behaupteten, die Rakete habe eine ankommende Bedrohung neutralisiert. Unabhängige Beobachter wiesen jedoch darauf hin, dass die Explosion durch die Rakete selbst verursacht worden sei, nicht durch einen drohnengetragenen Sprengkopf. Der Vorfall verdeutlichte die Verwundbarkeit des russischen Kurzstrecken‑Luftverteidigungsnetzes rund um Moskau, ein Punkt, den ukrainische Beamte und westliche Analysten wiederholt betont haben.
In den folgenden Wochen erklärte das russische Energieministerium, die Raffinerie würde „so bald wie möglich" wieder in Betrieb genommen. Ein konkreter Zeitplan wurde nicht genannt, und seit dem Angriff wurden keine Produktionszahlen veröffentlicht.
Was die Thermaldaten zeigen
Meduzas erstes Satellitenbild von Kapotnya nach der Juni‑Explosion, aufgenommen am 23. Mai, zeigte die AVT‑6‑Einheit noch warm, was auf einen laufenden Betrieb zu diesem Zeitpunkt hindeutete. Das zweite Bild, aufgenommen am 27. Juli, zeigte die Einheit kalt, was bestätigte, dass die Raffinerie mindestens einen Monat offline war. Die Redaktion schloss daraus, dass bis Ende Juli kein Teilbetrieb wieder aufgenommen worden war.
Für eine Raffinerie, die etwa 6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr verarbeitet, rund ein Drittel der Kapazität des slowakischen Werks Slovnaft, bedeutet ein einmonatiger Stillstand den Verlust von mehreren hunderttausend Tonnen Kraftstoffprodukten. Während Russland die Produktion auf andere Anlagen verlagern kann, belastet der Verlust den bereits angespannten Inlandsmarkt, wo Tankstellenwarteschlangen in vielen Regionen zur Regel geworden sind.
Parallele Angriffe auf die Kstovo‑Raffinerie
Weiter nördlich, in Nischni Nowgorod, ist die Kstovo‑Raffinerie, eine der größten Russlands mit etwa 17 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, ebenfalls häufig Ziel ukrainischer Drohnen. Angriffe erfolgten am 5. April, 20. Mai, 24. Juni und 2. Juli. Der verheerendste Angriff am 20. Mai traf die AVT‑6‑Einheit, die mehr als die Hälfte der Primärkapazität des Werks ausmacht.
Im Gegensatz zu Kapotnya betreibt Kstovo fünf AVT‑6‑Einheiten. Thermale Satellitendaten zeigen, dass die beschädigte Einheit bis Ende Juli kalt blieb, während die übrigen vier weiterhin Wärme erzeugten und somit in Betrieb waren. Meduza bewertete, dass der Ausfall einer einzigen Einheit "keine signifikante Auswirkung auf die gesamte Kraftstoffproduktion der Anlage" habe, da die Raffinerie mit den anderen Einheiten kompensieren könne.
Dennoch haben die wiederholten Drohnenangriffe die russischen Betreiber gezwungen, Ressourcen für Luftabwehr und Reparaturteams umzuleiten, was vermutlich die Instandhaltungskosten erhöht hat. Die Angriffe dienen zudem einem strategischen Zweck: Sie belasten Russlands Fähigkeit, raffinierte Produkte zu exportieren, eine wichtige Einnahmequelle in harter Währung, die den Krieg finanziert.
Auswirkungen auf die ukrainische Zivilbevölkerung
Während die Ölraffineriekämpfe über den Himmel von Moskau und Nischni Nowgorod ausgetragen werden, stehen gewöhnliche Ukrainer vor einer anderen Notlage. Russische Artillerie‑ und Raketenschläge auf Kiew haben Lieferketten gestört, sodass die Regale in den Lebensmittelgeschäften immer leerer werden. Bewohner, die einst gut bestückte Supermärkte betraten, berichten heute von nur wenigen Artikeln, wobei Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und frisches Obst knapp sind.
Lokale Marktbeobachter führen die Engpässe auf mehrere Faktoren zurück. Erstens hat die russische Offensive Verkehrswege beschädigt, die Lebensmittel aus West‑Ukraine und benachbarten EU‑Staaten transportieren. Zweitens hat die gezielte Zerstörung von Getreideexportterminals, insbesondere die jüngste ukrainische Sabotage des Seehafens Novorossijsk, den Fluss ukrainischen Getreides zu den internationalen Märkten reduziert und die heimische Verfügbarkeit weiter verknappt.
"Früher hatten wir eine Auswahl an Marken und viel frisches Obst", sagte ein Kiewer Käufer, der aus Angst vor Repressionen anonym bleiben wollte. "Jetzt stehen wir Schlange für ein paar Brote und hoffen, dass die nächste Lieferung etwas anderes bringt."
Die Ernährungssicherheit hat das ukrainische Ministerium für Wirtschaftsentwicklung veranlasst, zusätzliche Notimporte von EU‑Partnern zu beantragen. Die Europäische Kommission hat 1,2 Milliarden Euro Hilfe für das ukrainische Lebensmittelsystem zugesagt, doch logistische Engpässe und der anhaltende Konflikt erschweren eine schnelle Verteilung.
Breitere strategische Implikationen
Die beiden Narrative, eine lahmgelegte Raffinerie nahe dem Kreml und leere Regale in Kiew, zeigen, wie die wirtschaftliche Front des Krieges das Alltagsleben an beiden Fronten neu gestaltet. Für Russland bedroht der Verlust von Raffineriekapazität die Fähigkeit, den Inlandsbedarf an Kraftstoffen zu decken und Exporterlöse zu sichern, die den Staatshaushalt stützen. Für die Ukraine fügt die Unterbrechung der Lebensmittelversorgung einer bereits verletzlichen Bevölkerung eine weitere Ebene der Verwundbarkeit hinzu.
Europäische Entscheidungsträger beobachten diese Entwicklungen genau. Die EU‑Energiesicherheitsstrategie, die die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas reduzieren will, hat bereits den Übergang zu erneuerbaren Quellen beschleunigt und Importwege diversifiziert. Dennoch unterstreichen die anhaltenden Angriffe auf russische Raffinerien die Notwendigkeit eines widerstandsfähigen europäischen Energiemarktes, der Schocks absorbieren kann, ohne Preissteigerungen zu provozieren, die Haushalte belasten.
Gleichzeitig werden die Agrarhilfsprogramme der EU auf die Probe gestellt. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) enthält Maßnahmen zur Unterstützung der Ernährungssicherheit in Krisengebieten, doch die Geschwindigkeit der Lieferung und die Koordination mit ukrainischen Behörden bleiben entscheidend. Kritiker argumentieren, dass die EU mehr tun müsse, um sicherzustellen, dass Hilfe die am stärksten betroffenen Regionen erreicht, insbesondere die Hauptstadt, wo das Symbol leere Regale hat.
Reaktionen aus Moskau und Kiew
Russische Beamte haben die Bedeutung des Kapotnya‑Ausfalls heruntergespielt und betont, dass die gesamte Kraftstoffproduktion des Landes "stabil" bleibe. Ein Sprecher von Rosneft, dem staatlich kontrollierten Ölkonzern, der die Raffinerie besitzt, sagte, die Reparaturen seien "gut im Gange" und dass "alternative Anlagen den vorübergehenden Engpass ausgleichen". Ein konkreter Zeitplan für die vollständige Wiederherstellung wurde nicht genannt.
In Kiew hat die Regierung die Angriffe auf die Lebensmittelinfrastruktur als "Kriegsverbrechen" verurteilt und das Internationale Strafgericht um Ermittlungen gebeten. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am 10. August auf einer Pressekonferenz, dass "die gezielte Angriffe auf zivile Versorgungsgüter ein Versuch seien, den Willen des ukrainischen Volkes zu brechen". Er hob zudem die Widerstandsfähigkeit ukrainischer Bauern hervor, die trotz der Risiken weiter ernten und Getreide exportieren.
Sowohl Moskau als auch Kiew nutzen Open‑Source‑Intelligence (OSINT), um ihre Narrative zu stärken. Russische Telegram‑Kanäle wie Rybar und Slivochny Kapriz veröffentlichen Karten, die "graue Zonen" zeigen, in denen die Frontlinien umkämpft sind. Ukrainische Analysten, darunter der französische Forscher Clément Molin, verwenden ähnliche Werkzeuge, um Truppenbewegungen zu verfolgen und Flaggenaktionen zu markieren, wie sie rund um das Dorf Komar beobachtet wurden.
Ausblick
Die kommenden Wochen werden entscheiden, ob Kapotnya vor der Heizsaison vollständig wiederhergestellt werden kann. Bleibt die Raffinerie offline, könnte Russland gezwungen sein, vermehrt raffinierte Produkte zu importieren, ein Schritt, der die ohnehin knappen Devisenreserven weiter belasten würde.
Für Kiew steht die Sicherstellung von Lieferketten für Lebensmittel und Kraftstoffe im Vordergrund. Das ukrainische Verteidigungsministerium hat Pläne angekündigt, die Luftabwehr um wichtige Logistikzentren zu verstärken, während das Wirtschaftsministerium mit EU‑Partnern verhandelt, um die Ankunft von Kühlfahrzeugen und Lagereinrichtungen zu beschleunigen.
Im weiteren Kontext testet der Konflikt die Grenzen moderner Kriegsführung, in der Drohnen, Satellitenbilder und Social‑Media‑Berichterstattung zusammenwirken. Die Fähigkeit unabhängiger Medien wie Meduza, hochauflösende thermische Daten zu analysieren, bietet eine neue Transparenzschicht, verdeutlicht aber zugleich, wie viel vom wahren Preis des Krieges der Öffentlichkeit verborgen bleibt.
Während der Krieg weiterzieht, werden die alltäglichen Realitäten von Arbeitern, Konsumenten und Familien an beiden Fronten nicht nur von den Ergebnissen einzelner Schlachten, sondern auch von der Fähigkeit von Regierungen und internationalen Institutionen bestimmt, essentielle Dienste aufrechtzuerhalten. Das Schicksal einer einzigen Raffinerie in Moskau und die Leere in einem Supermarktregal in Kiew mögen auf den ersten Blick unverbunden erscheinen, doch zusammen offenbaren sie die verflochtene Natur von Energie, Ernährungssicherheit und menschlichem Leid in einem Konflikt, der keine Anzeichen einer Beendigung zeigt.
