Ukraine warnt vor verstärkten Raketenangriffen und möglicher neuer Mobilisierung vor dem Winter
Der stellvertretende Leiter des ukrainischen Geheimdienstes sagt, Russland plane keine Waffenruhe und könnte die Angriffe auf Zivilisten ausweiten, während eine neue Mobilisierung erwogen wird.

Am 19. August 2024 erklärte Vadym Skibitskyi, amtierender Leiter der ukrainischen Hauptnachrichtendienstdirektion (HUR), bei einer Pressekonferenz, dass Russland keinerlei Anzeichen für eine Waffenruhe zeige und die Raketenangriffe auf Zivilisten intensivieren könnte, während eine neue Mobilisierung vor dem Winter in Erwägung gezogen wird.
Verheerender nächtlicher Angriff auf Kiew
Ein nächtlicher Angriff auf die Hauptstadt forderte mindestens 13 Todesopfer, darunter Kinder in einem Krankenhaus, und verletzte Dutzende. Ukrainische Behörden berichteten, dass bei dem Angriff eine Mischung aus Oniks‑ und Zircon‑Raketen, Iskander‑M‑ballistischen Raketen, Kalibr‑Marschflugkörpern, den Luft‑gestützten Raketen Kh‑101 und Kh‑59 sowie hybriden Drohnen des Banderol‑Systems eingesetzt wurde. Open‑Source‑Beobachtungen registrierten mehr als 24 Raketen und Drohnen, die in den frühen Morgenstunden des 19. August nach Kiew gestartet wurden, darunter mehrere Iskander‑Raketen, die von Zircon‑Marschflugkörpern und KN‑23‑Kurzstrecken‑ballistischen Raketen begleitet wurden.
Die ukrainische Luftverteidigung konnte einige Kalibr‑Raketen abschießen, jedoch konnte die Gesamtabfangrate nicht bestätigt werden, nachdem die Luftwaffe die Veröffentlichung detaillierter Statistiken eingestellt hatte. Patriot‑Raketenbatterien in Kiew sollen nur noch geringe Bestände an Abfangraketen besitzen, sodass die Kommandanten gezwungen sind, besonders wertvolle Ziele zu priorisieren.
NATO‑ und EU‑Bedenken
NATO‑Partner äußerten Sorgen über die langfristige Nachhaltigkeit des ukrainischen Luftverteidigungssystems, wenn der Konflikt in die kälteren Monate übergeht. Die Europäische Union bekräftigte ihr Engagement für die Energie‑Sicherheitsstrategie 2024‑2027, die die Diversifizierung der Versorgung, den Ausbau erneuerbarer Kapazitäten und den Aufbau strategischer Reserven zum Ziel hat.
Strategische Ziele und mögliche Eskalation
Skibitskyi erklärte, das strategische Ziel des Kremls bleibe die Einnahme des gesamten Donbas und Moskau könne die Angriffe auf Energieanlagen, Heizwerke, Wasserversorgung und Logistikzentren ausweiten. Er fügte hinzu, dass es keinerlei Anzeichen dafür gebe, dass Präsident Wladimir Putin zu Verhandlungen bereit sei, und warnte, dass Russland den Raketen‑Terror fortsetzen werde, um die Zivilbevölkerung zu brechen, insbesondere mit dem Herannahen des Winters.
Die Intensität der Kampagne hinge laut ihm davon ab, ob Russland eine neue Mobilisierung einleite und welche materielle Unterstützung es von Verbündeten wie Nordkorea erhalte. Geheimdienstberichte zeigten kürzliche Kontakte zwischen russischen Beamten und nordkoreanischen Vertretern, die Waffen und technisches Know‑how anfordern, während die EU strenge Sanktionen gegen beide Länder verhängt habe.
Analysten skizzieren mögliche Szenarien
Valerii Vins, Senior Analyst am Kiew‑basierten Institut für Europäische Sicherheitsstudien, bezeichnete den Krieg als de‑facto totalen Krieg und warnte, dass der Winter ein Belastungstest für die ukrainische Gesellschaft sei. Er sagte, Russland könnte seine Strategie dahingehend ändern, zivile Infrastruktur anzugreifen, um die Moral zu schwächen. Vins nannte drei mögliche Szenarien für die kommenden Monate: ein pessimistisches Szenario mit voller Mobilisierung und einer neuen Nordfront, das eine humanitäre Krise auslöse; ein optimistisches Szenario, in dem westliche Hilfe den Raketenbeschuss abschwächt und Russland keine große Mobilisierung aufrechterhalten kann; und ein realistisches Szenario mit begrenzter Mobilisierung, frischen Truppen im Donbas und einem ähnlichen Offensivtempo.
Politischer Hintergrund
Skibitskyi verknüpfte den Zeitpunkt einer möglichen neuen russischen Mobilisierung mit den September‑Wahlen zur russischen Staatsduma, die westliche Beobachter als manipuliert bezeichnen. Er bemerkte, dass noch keine endgültige Entscheidung über eine Mobilisierung getroffen sei und der Kreml die politischen Kosten gegen die militärischen Vorteile abwäge. Aktuelle Berichte russischer Banken zeigten einen Anstieg von Bargeldabhebungen und wieder auftretende Warteschlangen an den Grenzübergängen nach Georgien, was darauf hindeutet, dass gewöhnliche Russen sich auf mögliche Einberufungen oder wirtschaftliche Not vorbereiten.
Ukrainische und internationale Reaktion
Ukrainische Streitkräfte konzentrieren sich darauf, die Luftverteidigung rund um die Großstädte zu stärken, beschädigte Energieanlagen schnell zu reparieren und humanitäre Hilfe für Vertriebene zu beschleunigen. Das Verteidigungsministerium kündigte eine Überprüfung der Frontlinieneinsätze im Donbas an, um mögliche russische Überdehnung auszunutzen. Kiew sucht zusätzliche Patriot‑ und NASAMS‑Systeme bei NATO‑Verbündeten sowie neuere Raketen, die in der Lage sind, hyperschallfähige Waffen wie Zircon abzufangen.
Die Vereinigten Staaten haben ein neues Hilfspaket für die Ukraine zugesagt, wobei die Liefertermine noch unklar sind. NATO‑Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte, dass jede Eskalation in Form einer neuen russischen Mobilisierung eine robuste Reaktion der Allianz auslösen würde, ohne Details zur Reaktion zu nennen.
Mögliche Auswirkungen auf die europäischen Energiemärkte
Russische Raketenangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur haben bereits zu Strompreisanstiegen in ganz Europa geführt. Analysten warnen, dass ein Winteroffensiv, das Heizwerke ins Visier nimmt, die europäischen Energiemärkte weiter destabilisieren und die Verbraucherrechnungen erhöhen könnte.
Ausblick
Mit dem Herannahen des Winters, schwindenden Beständen an Abfangraketen, der Möglichkeit einer russischen Mobilisierung und möglicher nordkoreanischer Unterstützung entsteht eine volatile Lage für die europäische Sicherheit und die Energiemärkte. Die Fähigkeit der Ukraine, ihre Luft‑ und Zivilschutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten, zusammen mit anhaltender westlicher Unterstützung, wird entscheidend dafür sein, wie sich die kommenden Monate entwickeln.
