Ungarn startet nationales Amt für Vermögensrückholung trotz politischer Spannungen und Haushaltsproblemen
Die neue Behörde im Finanzministerium soll das Vermögen von Viktor Orbáns Umfeld prüfen und das Vertrauen in Institutionen stärken.

Am Montag kündigte die von Péter Magyar geführte Regierung die Einrichtung eines Nationalen Amtes für Vermögensrückholung und -schutz an. Das Amt wird dem Finanzministerium zugeordnet und eng mit der Anti‑Korruptions‑Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten. Die gesetzliche Grundlage soll in den Wochen nach der Ankündigung erarbeitet werden.
Erste Aufgabe: Untersuchung von Orbán‑Nahestehenden
Der erste Auftrag des Amtes besteht darin, das Vermögen von Geschäftsleuten zu prüfen, die mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán verbunden sind, insbesondere Lőrinc Mészáros und dessen Schwiegersohn István Tiborcz. Magyar betonte, dass diese Initiative das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen wiederherstellen soll und nicht von Parteipolitik getrieben sei. Zusätzlich wird das Amt die Bestände der Ungarischen Nationalbank überwachen.
Finanzielle Herausforderungen
Der Internationale Währungsfonds hat prognostiziert, dass das Haushaltsdefizit Ungarns bis zum Jahresende über acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen könnte, ein Niveau, das seit der postkommunistischen Ära nicht mehr erreicht wurde. Die regierende Koalition nennt höhere Löhne und erweiterte öffentliche Dienstleistungen als zentrale Prioritäten, muss jedoch gleichzeitig mit hoher Inflation und steigenden Energiekosten kämpfen, die die Haushalte belasten.
Umfragen zeigen sinkende Zustimmung
Eine Medián‑Umfrage, die vom 22. bis 24. Juli für die Zeitung HVG durchgeführt wurde, befragte 1.200 Personen. Unter den Befragten, die eindeutig wählen würden, sank die Unterstützung für die regierende Tisza‑Partei von 73 % Ende Juni auf 68 %. In derselben Gruppe lag die Zustimmung für die Oppositionspartei Fidesz bei 23 % und für die rechtsextreme Mi Hazánk bei 7 %. Betrachtet man alle Befragten, gaben 57 % an, in einer hypothetischen Wahl die Partei Magyars zu wählen, ein Rückgang von drei bis fünf Punkten gegenüber dem Vormonat. Die Fehlermarge der Umfrage deutet darauf hin, dass der Rückgang moderat ist, aber er markiert den ersten spürbaren Rückgang seit dem Regierungsantritt im Mai. Politische Analysten verknüpfen den Rückgang mit öffentlichen Zweifeln an der Geschwindigkeit der Reformen, und Kritiker bemängeln, dass die neue Regierung ihre Versprechen zu Lohnerhöhungen und niedrigeren Energiepreisen noch nicht erfüllt hat.
Orbáns Warnungen
Der ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán sprach vor einer Menschenmenge an der Bálványos Summer University, einem Ort, den er seit sechzehn Jahren nicht mehr als Politiker besucht hatte. In seiner Rede argumentierte er, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit abgebaut würden, beschuldigte die Regierung, Rachepolitik zu betreiben, und warnte, dass ihre Politik wirtschaftliche Schwierigkeiten verursachen könnte, die die Wähler im Herbst von ihr abwenden würden. Orbáns Ausführungen erwähnten die vom IWF hervorgehobenen Haushaltsprobleme nicht.
Regierungsreaktion
Peter Márton, Stellvertreter von Magyar, wies Orbáns Äußerungen als politisches Theater zurück und bezeichnete die Vermögensrückholungsinitiative als konkrete Maßnahme, um vergangene Ungerechtigkeiten zu korrigieren und die Finanzen des Staates für künftige Generationen zu sichern.
EU‑Reaktionen und rechtliche Bedenken
Die Europäische Kommission hat wiederholt gewarnt, dass Verstöße gegen den Rechtsstaat zu Kürzungen der EU‑Fördermittel führen können, und hat vorgeschlagen, EU‑Strukturfonds an die Einhaltung demokratischer Standards zu knüpfen. Rechtsexperten betonten, dass das Amt klare gesetzliche Befugnisse benötigen wird, um Vorwürfen politisierter Ermittlungen vorzubeugen. Der Europäische Gerichtshof hat bereits entschieden, dass Ungarns Justizreformen gegen EU‑Standards verstoßen. Oppositionsparteien planen, das Mandat des Amtes vor dem Verfassungsgericht anzufechten, da sie befürchten, es könnte für selektive Strafverfolgung missbraucht werden. Gábor Varga, Fraktionsführer von Fidesz, bezeichnete die Initiative als Hexenjagd im Namen des öffentlichen Interesses.
Europäischer Kontext und Ausblick
Wenn das ungarische Amt erfolgreich erhebliche Summen zurückholt, könnte es als Vorbild für andere EU‑Länder dienen, die mit tief verwurzelter Korruption kämpfen; Kroatien und Rumänien haben vergleichbare Programme gestartet. Der Europäische Gewerkschaftsbund forderte, dass zurückgeholte Vermögenswerte transparent für Arbeitnehmerrechte und öffentliche Dienstleistungen verwendet werden. Die Verhandlungen über den EU‑Erholungsfonds NextGenerationEU gelten als entscheidend, um Sozialprogramme zu finanzieren, ohne zusätzliche Kredite aufzunehmen. Das Nationale Amt für Vermögensrückholung wird voraussichtlich in den kommenden Wochen seine erste Liste von zu untersuchenden Vermögenswerten veröffentlichen.


