Ungarns Donau erreicht Rekordtief: Schifffahrt gestoppt und Kernkraftwerk muss Leistung reduzieren
Ein historisch niedriger Wasserstand bedroht Verkehr, Energieversorgung und zwingt Notmaßnahmen im ganzen Land.

Zum ersten Mal seit dem Spätsommer der 2010er‑Jahre ist die Donau, die durch Ungarn fließt, auf ein Niveau gesunken, das sowohl die Verkehrsadern des Landes als auch die Stromversorgung gefährdet. Ein Pegelmesser im Zentrum Budapests verzeichnete am Mittwochmorgen eine Höhe von nur 9 cm über dem Flussbett, ein Wert, der normalerweise erst Ende August oder im September zu beobachten ist. Im Vergleich dazu zeigte dieselbe Messstelle während der Hitzewelle 2018 noch 33 cm.
Schifffahrt und Handel zum Stillstand
Der kommerzielle Schiffsverkehr auf der Donau in Ungarn wurde ausgesetzt. Frachtunternehmen leiten ihre Güter nun über Straße und Schiene um, während Schiffe, die normalerweise den Fluss befahren, darunter schwimmende Hotels, vor Anker liegen und darauf warten, dass Passagiere per Bus aus Wien oder Komárno umgeladen werden. Der Kapitän eines Hotel‑Schiffs erklärte, dass sein Fahrzeug Budapest nicht verlassen könne, weil das Wasser für die Schleusen und Brücken zu seicht sei, und dass es bis September oder möglicherweise November feststecken könnte.
Entlang des freigelegten Flussufers nahe der Margaretenbrücke hat sich ein provisorischer Strand gebildet; ein Anwohner maß die Länge des freigelegten Flussbetts auf 41 m. Ein langjähriger Budapester und ehemaliger Bauingenieur bemerkte, dass er noch nie zuvor die Oberseiten von Booten auf Höhe des Straßenpflasters gesehen habe.
Energieerzeugung unter Druck
Die Donau liefert Kühlwasser für das Kernkraftwerk Paks, das etwa 40 % des ungarischen Stroms bereitstellt. Da die Wasserstände unter die Sicherheitsgrenzen fallen, hat das Werk zwei seiner vier Reaktoren stillgelegt. Ein Reaktor läuft weiter, doch ein weiterer Rückgang um 2 cm hätte einen kompletten Shutdown erzwungen. Energieminister János Kovács erklärte, dass das Kühlsystem des Kraftwerks die sicheren Temperaturen nicht mehr gewährleisten könne und die Regierung bereit sei, bei Bedarf Strom aus Nachbarländern zu importieren.
Verteidigungsminister Romulusz Ruszin‑Szendi besuchte die Wasserversorgungsstelle, wo Soldaten des 14. Ingenieurregiments täglich tausende von Trinkwasser‑Säckchen herstellen und verteilen.
Notwasser‑Maßnahmen und industrielle Einsparungen
Für Gemeinden, in denen die Wasserversorgung ausfällt, wurden Notlieferungen organisiert. Polizei und Soldaten wurden eingesetzt, um die neu sichtbaren Eisengiebel der Franz‑Joseph‑Brücke, Überreste, die zuletzt 2018 zu sehen waren, zu dokumentieren und die Bevölkerung zu beruhigen. Freiwillige Gruppen richteten Trinkwasser‑Verteilungspunkte ein, und in Szentendre betreibt ein Gemeindezentrum eine „Wasserbank", die die Anzahl der Flaschen, die jede Familie pro Tag erhalten kann, begrenzt.
Das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung erließ eine Notverordnung, die große Industrieverbraucher verpflichtet, ihren Wasserverbrauch um 30 % zu senken und innerhalb von 48 Stunden Reduktionspläne vorzulegen. Gábor Nagy, Sprecher des ungarischen Wirtschaftsbundes, warnte, dass die vorgeschriebenen Wassereinsparungen Produktionsziele gefährden und Arbeitsplätze kosten könnten, betonte jedoch die Notwendigkeit, den Fluss zu schützen. Der Ungarische Gewerkschaftsbund (MSZOSZ) forderte staatliche Finanzhilfen für Unternehmen, die in wassersparende Technologie investieren, sowie Entschädigungen für entgangene Löhne.
Europäischer Kontext und Ausblick
Das Europäische Dürre‑Observatorium berichtete, dass der durchschnittliche Abfluss im Donau‑Becken seit 1900 auf dem niedrigsten Stand sei. Ähnliche Niedrigwasser‑Bedingungen wurden in diesem Sommer am Rhein, Po und an der Weichsel verzeichnet. Klima‑Anpassungsbeauftragte der Europäischen Kommission warnten, dass der Klimawandel die Häufigkeit extremer Niedrigwasser‑Ereignisse erhöhen werde, und forderten ein Umdenken bei der Wasserbewirtschaftung, der Uferrenaturierung und der grenzüberschreitenden Koordination.
Die ungarische Regierung hat sich geweigert, einen umfassenden Flussbeckenplan zu übernehmen, und erklärt, dass die aktuellen Maßnahmen ausreichen. Hydrologen warnen, dass das Niedrigwasser bis in den Herbst anhalten könnte, wenn die Niederschläge weiterhin unter dem Durchschnitt liegen. Das Europäische Hochwasser‑Warnsystem gab eine Mittelrisiko‑Warnung für das Donau‑Becken heraus und wies darauf hin, dass plötzlich auftretender Regen in den seit Wochen trockenen Gebieten zu Sturzfluten führen könne.
Die Behörden erwarten, dass Notmaßnahmen, Wasserverteilung, industrielle Einsparungen und der reduzierte Betrieb des Kernkraftwerks, solange bestehen bleiben, bis die Wasserstände wieder hoch genug sind, um eine sichere Schifffahrt und ausreichende Kühlung der Reaktoren zu ermöglichen.
