Afrikanische Rekruten in russischer Armee landen als Kriegsgefangene in der Ukraine
Cameroonische Bauern, die in Russland einen Militärvertrag unterschrieben, kämpfen nun im Osten der Ukraine und sehen kaum Aussicht auf Rückkehr.
Jean Unana sitzt seit 2023 in einem Gefängnis im Westen der Ukraine. Der ehemalige Bauer aus Kamerun hatte nach seiner Ankunft in Moskau einen Vertrag unterschrieben, den er nicht lesen konnte, und fand sich wenige Wochen später an einer Frontlinie wieder, wo er zwischen Leichen im Wald überlebte.
Von falschen Versprechen zur Front
Unana kam 2023 nach Russland, weil er, wie viele andere aus Afrika, von hohen Löhnen und der Aussicht auf russische Staatsbürgerschaft hörte. Nach einer kurzen Kontrolle durch Einwanderungsbehörden wurde ihm gesagt, seine Papiere seien unvollständig und er müsse nach Kamerun zurück. Stattdessen erhielt er das Angebot, einen Militärvertrag zu unterschreiben, der ihm legalen Aufenthalt und die Möglichkeit zur Einbürgerung garantieren sollte.
Er unterschrieb, ohne den russischen Text zu verstehen. Ähnliche Schicksale berichten weitere Kameruner, etwa Anatole, der ebenfalls ein Geldangebot und ein Dokument in einer Sprache erhalten hatte, die er nicht beherrschte. Beide Männer wurden nach wenigen Tagen Grundausbildung an die Front geschickt, ohne zu wissen, wo genau sie kämpfen würden.
„Ich habe unterschrieben, ohne wirklich zu wissen, was ich tun würde", sagt Anatole. „Ein paar Wochen später stand ich an einer Frontlinie, vielleicht im Donbas, vielleicht woanders."
Der Weg ins Niemandsland
Unana beschreibt den ersten Einsatz als chaotisch: Sieben Soldaten, ein Fahrzeug, das sofort von ukrainischen Drohnen getroffen wurde, und innerhalb von Minuten drei Tote. Der Überlebende floh in den Wald, verfolgt von Drohnen, während seine Kameraden einer nach dem anderen fielen. „Einer von ihnen nahm sich das Leben, weil er den Druck nicht mehr ertragen konnte", erinnert er sich.
Eine Woche lang wanderte Unana allein durch ein von Leichen übersätes Feld. Er plünderte die Taschen der Toten nach Essen und Wasser, bis er schließlich auf eine russische Stellung stieß. Er hörte ein Wort, das er kannte, „Komm, komm", und ging erleichtert darauf zu, nur um festzustellen, dass es sich um ukrainische Truppen handelte, die ihn mit Beschimpfungen ansprachen, die er nicht verstand.
„Ich glaube nicht, dass sie damit gerechnet hatten, dass plötzlich ein französischsprachiger schwarzer Mann in ihre Stellung läuft", sagt Unana. Die Begegnung endete in einer Schießerei, bei der er schwer verletzt wurde und schließlich von ukrainischen Kräften gefangen genommen wurde.
Wachsende Zahl ausländischer Kämpfer
Die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene, vertreten durch Sprecher Petro Yatsenko, beobachtet seit 2022 einen Wandel in der Zusammensetzung der Gefangenen. Anfangs dominierten ältere Männer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, heute kommen vermehrt junge Männer aus Afrika, dem Irak und Nepal.
Die ukrainische Militäraufklärung schätzt, dass fast 30.000 Ausländer aus 136 Ländern seit Beginn des Krieges in der russischen Armee gedient haben, etwa zwei Prozent der insgesamt 1,535 Millionen russischen Soldaten. Von diesen wurden seit Februar 2022 mindestens 5.149 als getötet gemeldet, über 700 gefangen genommen. Die Zahlen schließen mehr als 14.000 nordkoreanische Soldaten aus, die unter eigenem Kommando kämpfen.
Die Motive der Rekruten seien vielfältig: manche melden sich freiwillig wegen hoher Grundgehälter, Unterzeichnungsprämien oder der Aussicht auf Staatsbürgerschaft. Andere werden über die tatsächlichen Aufgaben und das Risiko einer Frontzuweisung getäuscht. Wieder andere erhalten noch irreführendere Versprechen, wie im Fall von Unana und Anatole, die Geld und Papiere, aber keine Rückfahrkarte erhielten.
Gefangenschaft und fehlende Austauschperspektive
In der ukrainischen Haftanstalt, in der Unana derzeit liegt, erhalten die Gefangenen Gemüsesuppe, Fisch und selbstgebackenes Brot. Das Gefängnis sei nach Angaben von Yatsenko im Einklang mit der Genfer Konvention, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) besuche alle zwei Monate. Dennoch berichten die beiden Kameruner, dass ihre Anfragen an das IKRK unbeantwortet blieben.
„Ausländer stehen nie auf den Austauschlisten. Es sind immer Russen", erklärt Anatole. Die Ukraine habe nicht die Befugnis, über die Rückkehr ausländischer Kämpfer zu entscheiden; Russland reiche die Namen seiner eigenen Soldaten ein. Für Moskau sei es politisch kostspieliger, russische Kriegsgefangene zurückzuhalten, weil deren Familien und Gemeinschaften im Land auf ihre Rückkehr warten. Ausländische Rekruten hingegen binden die russische Gesellschaft kaum.
Yatsenko betont, dass die Inhaftierung nicht als Strafe, sondern als Maßnahme zur Entfernung vom Schlachtfeld diene. Nach Völkerrecht müsse das IKRK die Gefangenen freilassen, sobald die aktiven Kampfhandlungen enden, sofern kein Austausch erfolgt.
Ein Blick auf die gesellschaftlichen Folgen
Die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte für den Krieg wirft Fragen nach dem sozialen Vertrag in Russland auf. Politikwissenschaftlerin Anna Colin Lebedev von der Universität Paris‑Nanterre erklärt, dass die Einbeziehung von Ausländern den impliziten Vertrag zwischen Kreml und russischer Bevölkerung schütze: Die Bevölkerung soll von den menschlichen Kosten des Krieges abgeschirmt werden, während der Staat Stabilität und Sicherheit garantiert.
Durch die Anwerbung von Menschen, die kaum familiäre Bindungen in Russland haben, könne der Kreml die Belastung der eigenen Bevölkerung reduzieren. Gleichzeitig entsteht ein neuer Markt für Menschen aus ärmeren Regionen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben bereit sind, ihr Leben für einen fremden Konflikt zu riskieren.
Für die europäischen Beobachter ist das ein warnendes Beispiel dafür, wie autoritäre Regime Arbeitsmigration instrumentalisieren, um militärische Ziele zu erreichen. Die EU hat bereits im vergangenen Jahr Maßnahmen ergriffen, um die Rekrutierung ausländischer Staatsangehöriger für fremde Konflikte zu verhindern, doch die Durchsetzung bleibt schwierig, weil die Verträge oft inoffiziell und ohne klare Dokumentation abgeschlossen werden.
Die Geschichten von Unana und Anatole verdeutlichen, dass die Versprechen von Geld, Papieren und Staatsbürgerschaft schnell zu einer Falle werden können, aus der es kaum einen Ausweg gibt. Während die Ukraine versucht, die humanitäre Lage der Gefangenen zu verbessern, bleibt die politische Verantwortung bei Russland, das die Verträge unterschrieben hat und die Rückkehr seiner ausländischen Kämpfer verweigert.
Bis ein offizieller Austausch oder das Kriegsende eintritt, müssen die beiden Männer, und viele andere aus ähnlichen Herkunftsländern, mit der Ungewissheit leben, dass sie nie wieder nach Hause zurückkehren werden. "Ich bereue es", sagt Unana. "Als ich den Vertrag unterschrieb, sah ich nur die positive Seite. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Kriegsgefangener in der Ukraine enden würde."
