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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
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Europa20. Juli 2026

Skandinavische Linke setzen auf Wehrpflicht als Pfeiler sozialer Solidarität bei steigenden europäischen Verteidigungsausgaben

Während die europäischen Verteidigungsausgaben bis 2030 auf rund 800 Milliarden Euro ansteigen, verteidigen linke Parteien in Schweden und Finnland die Wehrpflicht als Mittel für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Skandinavische Linke setzen auf Wehrpflicht als Pfeiler sozialer Solidarität bei steigenden europäischen Verteidigungsausgaben

Die europäischen Verteidigungsausgaben sollen sich bis 2030 verdoppeln und das Niveau von 2019 auf etwa 800 Milliarden Euro pro Jahr heben. Dieser Anstieg zwingt nationale Regierungen zu der Frage, ob ein allgemeiner Wehrdienst nötig ist, um Rekrutierungsziele zu erreichen und die Kampffähigkeit zu erhalten.

Schwedische linke Verteidigungspolitik

In Schweden verteidigen linke Parteien die Wehrpflicht konsequent als Teil eines solidarischen Sicherheitsansatzes. Die Linke Partei stimmte 2010 gegen die Abschaffung der Wehrpflicht, obwohl die konservative Regierung deren Abschaffung forderte. Als die sozialdemokratische Koalition wieder an die Macht kam, wurde die Wehrpflicht 2017 wieder eingeführt und genießt seitdem breite politische Unterstützung.

Jährlich werden rund 100 000 schwedische Staatsbürger im Alter von 18 Jahren geprüft, doch nur etwa fünf Prozent der motiviertesten Kandidaten werden tatsächlich ausgewählt. Die Partei weist darauf hin, dass die Zahl der jungen Menschen, die dienen wollen, die Aufnahmefähigkeit der Streitkräfte übersteigt. Fast die Hälfte aller Schweden, die wehrfähig sind, Frauen wie Männer, sagt, sie würden in einem Krieg kämpfen, ein Anteil, der höher ist als im Vereinigten Königreich und in Deutschland. Diese Begeisterung wird mit emotionalen Reaktionen auf den Krieg in der Ukraine und dem Wunsch, die nationale Selbstbestimmung zu schützen, erklärt; die Verteidigung wird dabei mit einer Hausratversicherung verglichen.

Jonas Sjöstedt, ehemaliger Vorsitzender der Linken Partei, betont, dass ein moderner Wehrdienst nationalistisches Übermaß vermeiden und zeitgenössische schwedische Werte widerspiegeln muss. Er fordert Nulltoleranz gegenüber Sexismus, volle geschlechterinklusive Teilhabe und eine tiefe Verankerung des Militärs in der Gesellschaft. Die Teilnahme von Militärführern an Pride‑Veranstaltungen wird als Beweis für echte Inklusion und nicht für Symbolpolitik dargestellt.

Finnische solidaritätsbasierte Wehrpflicht

Die finnische Linke teilt eine ähnliche Sichtweise und sieht die Wehrpflicht als Instrument für sozialen Zusammenhalt. Das Land behält eine allgemeine männliche Wehrpflicht bei, wobei etwa eine Million Bürger mindestens 165 Tage Dienst absolvieren. Die Streitkräfte bestehen aus rund 280 000 aktiven Soldaten, die aus einem Reservepool von 900 000 gezogen werden, etwa ein Soldat pro zwanzig Einwohner.

Vier von fünf Finnen geben an, im Falle einer Attacke aktiv an der Landesverteidigung teilzunehmen zu wollen, ein Wert, der zu den höchsten in Europa zählt. Li Andersson, ehemalige Bildungsministerin und aktuelle Europaabgeordnete, argumentiert, dass Sicherheitspolitik nur funktioniert, wenn sie mit einem starken Wohlfahrtssystem verknüpft ist. Sie warnt, dass einseitiger Fokus auf militärischen Aufbau bei gleichzeitigen Kürzungen im Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich die Gesellschaft langfristig schwächen würde.

Andersson betont, dass ein verpflichtender Wehrdienst nur funktionieren kann, wenn er von starker sozialer Kohäsion und Vertrauen getragen wird. Sie fügt hinzu, dass der Dienst für alle gleichermaßen gelten muss, ohne Ausnahmen für Reichtum oder Einfluss, und verweist auf das gemeinsame Dienstjahr ihres Bruders mit dem Sohn des Präsidenten als Beispiel für soziale Gleichheit im Militär.

Deutschlands umstrittene Wiederbelebung der Wehrpflicht

In Deutschland ist die Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht intensiv. Die Regierung plant, das Verteidigungsbudget bis 2030 auf etwa 3,5 % des BIP zu erhöhen, während gleichzeitig soziale Leistungen mit strengeren Bedingungen reformiert werden. Kanzler Friedrich Merz hat erklärt, dass der Wohlfahrtsstaat nicht mehr wie bisher finanziert werden könne und hat Kürzungen von rund 19 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenversicherung genehmigt.

Seit Dezember 2025 demonstrieren Zehntausende von Studierenden gegen ein Gesetz, das der Regierung erlauben würde, die Wehrpflicht wieder einzuführen, falls die freiwillige Meldung nicht ausreiche. Die Proteste zeigen, dass die Idee einer allgemeinen Wehrpflicht besonders unter jüngeren Bürgern umstritten bleibt.

Die deutsche Wehrpflichtdebatte wird als Test dafür gesehen, ob die Regierung soziale Gerechtigkeit mit Verteidigungsbereitschaft in Einklang bringen kann.

Folgen für Europa

Die skandinavischen Beispiele deuten darauf hin, dass ein verpflichtender Wehrdienst in Kombination mit einem starken Wohlfahrtssystem das Vertrauen in staatliche Institutionen stärken kann. Höhere Verteidigungsausgaben für europäische Arbeitnehmer führen nicht automatisch zu höheren Steuern oder Sozialkürzungen, wenn sie über ein solidarisches System finanziert werden, das die Lasten verteilt.

Es besteht das Risiko, dass ein rein militärischer Fokus ohne begleitende soziale Investitionen ärmere Bürger überproportional belastet. Sowohl schwedische als auch finnische Politiker argumentieren, dass Sicherheit nicht allein durch militärische Stärke erreicht werden kann und schlagen breitere Programme vor, um die Lebenshaltungskosten zu senken, die Wohnungsnot zu bekämpfen und Investitionen in erneuerbare Energien zu erhöhen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren.

Die Diskussion wirft Fragen auf, wie ein starkes Verteidigungsbudget mit einem soliden Wohlfahrtsstaat vereinbart werden kann, welche Bedeutung die öffentliche Akzeptanz für die Rekrutierung hat und inwieweit die skandinavischen Modelle auf andere europäische Länder übertragbar sind.

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