EU lässt russische Pelzimporte trotz Sanktionen weiterlaufen
Ein neues Ausnahmegenehmigung für russische Zobelfelle wirft Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Sanktionen und den Kosten für Steuerzahler auf.
EU hat im Juli 2024 eine Ausnahme von ihrem eigenen Importverbot für russische Zobelfelle gewährt, obwohl das Verbot im April im Rahmen eines Sanktionspakets gegen Moskau eingeführt worden war. Die Entscheidung fiel überraschend, weil die Union gleichzeitig über ein generelles Verbot der Pelztierzucht nachdenkt.
Die Ausnahme bedeutet, dass europäische Unternehmen, vor allem in Griechenland und Italien, den traditionellen Zentren der Pelzverarbeitung, weiterhin russische Rohpelze beziehen können. Im vergangenen Jahr importierte Griechenland Pelzfelle im Wert von rund 1,56 Millionen Euro, während die EU insgesamt etwa 12 Millionen Euro aus Russland bezog.
Wirtschaftliche und ökologische Kosten
Berichte von Tierschutzorganisationen aus dem Jahr 2025 zeigen, dass die Pelzindustrie in der EU stark geschrumpft ist: Die Zahl der Pelzfarmen sank um 73 %, die Fellproduktion um 86 % und die Beschäftigung um bis zu 92 %. Trotzdem verursacht die Branche laut denselben Quellen jährlich einen Verlust von 9,2 Millionen Euro an Bruttowertschöpfung und verursacht rund 446 Millionen Euro an Umwelt‑ und Gesundheitskosten.
„Die EU kann nicht glaubwürdig Sanktionen gegen russische Luxusgüter aufrechterhalten, während sie gleichzeitig Ausnahmen für die Rohstoffe schafft, die es der Luxuspelzherstellung ermöglichen, in Europa fortzubestehen", kritisiert Joanna Swabe von Humane World for Animals in einer schriftlichen Stellungnahme.
Politischer Druck aus Südeuropa
Europäische Diplomat:innen, die anonym gegenüber Euractiv sprachen, berichteten, dass Griechenland und Italien, beide Heimat wichtiger Pelzverarbeitungszentren, intensiv dafür lobbyierten, russische Pelze von der Sanktionsliste zu streichen. Zobel, zu den teuersten Pelzen der Welt gehörend, bleibt für italienische und griechische Unternehmen ein lukratives Importgut, obwohl die EU‑weit steigende Ablehnung von Pelzprodukten die Nachfrage stark reduziert hat.
Im Jahr 2022 unterstützte die griechische Regierung rund 2.000 meist familiengeführte Pelzunternehmen mit öffentlichen Mitteln, nachdem Sanktionen gegen Luxuspelzmantel‑Exporte nach Russland verhängt worden waren. Die Unternehmen wehrten die Maßnahmen vehement und betonten die Bedeutung der Branche für lokale Arbeitsplätze, obwohl die Beschäftigungszahlen insgesamt stark zurückgegangen sind.
Gesellschaftlicher Widerstand und rechtliche Schritte
Die öffentliche Meinung in Europa ist eindeutig: Eine Mehrheit der Bürger:innen fordert ein EU‑weites Verbot der Pelztierzucht. Mehr als 1,5 Millionen Unterzeichner:innen sammelten 2022‑23 für die Bürgerinitiative „Fur Free Europe" genug Unterschriften, um die Kommission zur Prüfung zu verpflichten. Bereits 24 europäische Länder, darunter 18 EU‑Staaten, haben die Zucht von Pelztieren verboten.
Wissenschaftliche Bewertungen, unter anderem von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, belegen, dass die Haltung von Nerzen, Füchsen, Marderhunden und Chinchillas in Käfigen mit den EU‑Tierschutzstandards unvereinbar ist. Dennoch bleibt die Branche dank staatlicher Subventionen und der jüngsten Ausnahmegenehmigung bestehen.
Ausblick der EU-Kommission
Ein durchgesickertes internes Dokument, das Politico einsehen konnte, legt nahe, dass die Kommission ein vollständiges Verbot der Pelztierzucht wegen „erheblicher wirtschaftlicher Auswirkungen" für die verbliebenen produzierenden Regionen ablehnen könnte. Stattdessen wird über die Einführung von Mindest‑Tierschutzstandards bis Ende 2027 diskutiert, die die Haltung von Nerzen, Füchsen, Marderhunden und Chinchillas regeln würden.
Die Debatte bleibt offen: Während die EU‑weit sinkende Nachfrage und die wachsende Kritik von Tierschutz‑ und Umweltverbänden das Ende der Pelzindustrie nahelegen, sorgt die aktuelle Ausnahmegenehmigung dafür, dass russische Pelze weiterhin in europäischen Produktionsketten landen. Das wirft Fragen nach der Kohärenz der Sanktionspolitik und den tatsächlichen Kosten für Steuerzahler:innen auf.