Studie bestätigt Wirksamkeit von Hitzeschutzplänen, aber Details bleiben unklar
Frühwarnsysteme und öffentliche Kühlzentren senken die hitzebedingte Sterblichkeit in Europa um ein Viertel, doch welche Maßnahmen am effektivsten sind, bleibt umstritten.
Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2025, die fast drei Jahrzehnte und 14 europäische Länder umfasst, hat gezeigt, dass Präventionspläne gegen extreme Hitze die Zahl der hitzebedingten Todesfälle um rund 25 % reduzieren. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass Frühwarnsysteme, Kühlräume und koordinierte Kontrollmechanismen wirksam sind, doch sie liefert kaum Hinweise darauf, welche einzelnen Maßnahmen den größten Nutzen bringen.
Ergebnisse der Langzeitstudie
Die Untersuchung wurde von einem internationalen Forscherteam geleitet, zu dem Antonio Gasparrini, Epidemiologe an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, gehört. Er betonte, dass das Ergebnis „ein sehr starkes Signal für die Wirkung solcher Maßnahmen" sei und dass die Daten „ein klarer Beleg" für die Wirksamkeit von Präventionsplänen würden. Trotz dieses eindeutigen Gesamteffekts konnten die Autoren keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Interventionen nachweisen. "Es gab keine starken Belege für Unterschiede zwischen den Interventionen", erklärte Gasparrini, weil die nationalen Programme zu heterogen seien, um sie direkt zu vergleichen.
Die Studie berücksichtigt sowohl direkte gesundheitliche Effekte als auch die Kosten, die von den einzelnen Ländern für ihre Hitzeschutzsysteme aufgewendet wurden. In den vergangenen vier Jahren haben extreme Hitzewellen in Europa bereits über 200 000 Menschen das Leben gekostet; die aktuelle Saison hat allein mindestens 35 000 weitere Todesopfer gefordert. Angesichts dieser Zahlen wird die Notwendigkeit effektiver Gegenmaßnahmen immer drängender.
Vorbilder und nationale Ansätze
Frankreich gilt als Vorreiter. Nach der verheerenden Hitzewelle von 2003, die fast 15 000 Todesopfer forderte, entwickelte das Land eines der ersten umfassenden Reaktionssysteme Europas. Das nationale Warnsystem aktiviert bei Erreichen einer festgelegten Schwelle Krisenzentren, verpflichtet lokale Behörden, Kühlmöglichkeiten und Trinkwasser bereitzustellen, und sorgt dafür, dass gefährdete Personen aktiv kontaktiert werden.
Spanien hat nach demselben Sommer nationale Aktionspläne eingeführt und ein Netzwerk von kostenlosen, klimatisierten öffentlichen Räumen aufgebaut. In Barcelona stehen mehr als 500 solcher Klimaschutzräume zur Verfügung, die für 99 % der Stadtbevölkerung innerhalb von zehn Gehminuten erreichbar sind. Diese Einrichtungen sollen insbesondere Menschen ohne eigene Klimaanlage zugutekommen.
Die Niederlande haben ihr System von einem öffentlichen Gesundheitsinstitut evaluieren lassen. Die Analyse zeigte, dass ältere Menschen, Frauen und Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status am stärksten von den Maßnahmen profitieren. Dennoch bleibt die Frage offen, ob die Einrichtungen tatsächlich genutzt werden. Andreas Flouris, Forscher für Umweltphysiologie an der Universität Thessalien, warnt, dass die Nutzung von Kühlzentren bislang nicht ausreichend dokumentiert sei.
Preis‑Leistungs‑Verhältnis der Maßnahmen
Ein weiteres Ergebnis der Studie betont das Kosten‑Nutzen‑Verhältnis von Frühwarnsystemen. Shouro Dasgupta, Mitautor der Untersuchung und Forscher am Euro‑Mediterranean Center on Climate Change, erklärt, dass automatisierte Schwellenwerte, die bei Überschreitung sofortige Gegenmaßnahmen auslösen, die größte Wirkung pro investiertem Euro erzielen. Solche Systeme verbinden Temperatur‑ oder Feuchtigkeitsmessungen mit automatischen Anweisungen, Kühlzentren zu öffnen und gefährdete Personen zu informieren.
Allerdings gibt es in Europa noch keine einheitliche Definition, welche Messgröße als Auslöser dienen soll. Während manche Länder ausschließlich die Lufttemperatur heranziehen, berücksichtigen andere die Wet‑Bulb‑Globe‑Temperature (WBGT), Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind. Flouris, der am EU‑Projekt HEAT‑SHIELD mitgewirkt hat, argumentiert, dass die WBGT die subjektive Hitzeempfindung besser abbildet und daher als Basis für Schwellenwerte geeigneter sei.
Ungleichheiten und Zielgruppen
Die meisten nationalen Hitzeschutzpläne zielen darauf ab, möglichst viele Menschen zu erreichen, nicht jedoch speziell die am stärksten gefährdeten Gruppen. Das führt laut Dasgupta zu einer Verstärkung bestehender Ungleichheiten. Ältere Menschen, Personen mit chronischen Erkrankungen und Haushalte, die sich keine Klimaanlage leisten können, bleiben besonders vulnerabel.
Paris hat bereits ein freiwilliges Hitzeregister eingeführt, in dem gefährdete und ältere Bewohner:innen erfasst werden, um im Notfall gezielt Hilfe anbieten zu können. Dänemark setzt auf Nachbarschaftshilfe, bei der Freiwillige auf das Wohl ihrer Nachbarn achten. Beide Modelle zeigen, dass gezielte Datenerfassung und lokale Vernetzung wichtige Bausteine für wirksame Prävention sein können.
Für Beschäftigte, die während der Hitze im Freien oder in schlecht belüfteten Fabriken arbeiten, reichen allgemeine Ratschläge wie „drinnen bleiben" oder „langsamer gehen" nicht aus. Flouris weist darauf hin, dass Produktivitätsverluste von etwa 2,6 % pro Grad Celsius über 24 °C WBGT gemessen werden, was bei 30 °C WBGT zu einem Verlust von rund 15 % führen kann. Er schlägt kostengünstige Maßnahmen vor: ausreichende Wasserversorgung, regelmäßige Pausen im Schatten und die Möglichkeit, die Arbeitszeit anzupassen.
Strukturelle Lösungen statt Verhaltensänderungen
Ronita Bardhan, Professorin für nachhaltiges Bauen und Gesundheit an der University of Cambridge, kritisiert, dass viele Hitzeschutzpläne erst reagieren, wenn die Gefahr bereits eingetreten ist. Sie fordert stattdessen strukturelle Eingriffe, die die Umgebung von vornherein kühler machen, ohne dass Menschen ihr Verhalten ändern müssen. "Wir haben die Macht und die Handlungsfähigkeit, das zu tun", betont Bardhan.
Sie argumentiert, dass die Lebensbedingungen, sei es in Wohnungen, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum, entscheidend dafür sind, wie stark Menschen von Hitze betroffen sind. Durch nachträgliche Isolierung, grüne Dächer, verbesserte Belüftungssysteme und den Ausbau von öffentlichen Kühlzentren könne das Risiko deutlich gesenkt werden.
Ein weiterer Aspekt, den die Studie kaum beleuchtet, ist die geschlechtsspezifische Dimension von Hitzeschäden. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Frauen aufgrund physiologischer Unterschiede und sozialer Rollen stärker gefährdet sein könnten, doch die Forschungslage bleibt dünn. UnionPress wird dieses Thema in einer kommenden Ausgabe vertiefen.
Ausblick und offene Fragen
Die Ergebnisse der Studie zeigen eindeutig, dass Präventionspläne Leben retten, doch sie werfen gleichzeitig Fragen nach der optimalen Ausgestaltung auf. Einheitliche Schwellenwerte, bessere Datenerfassung zur Nutzung von Kühlzentren und gezielte Maßnahmen für besonders gefährdete Gruppen stehen auf der Agenda von Gesundheitsexperten und politischen Entscheidungsträgern.
Für die europäische Politik bedeutet das, dass ein stärkeres Zusammenspiel zwischen nationalen Systemen und EU‑weiter Koordination nötig ist. Ein gemeinsamer Rahmen für Messgrößen, Finanzierungsmodelle und den Austausch bewährter Praktiken könnte die Effektivität der Maßnahmen erhöhen und gleichzeitig die Kosten für einzelne Länder senken.
Während die Wissenschaft weiter nach den effektivsten Interventionen sucht, bleibt die dringende Aufgabe, die bestehenden Systeme zu stärken, die Schwellenwerte zu vereinheitlichen und die am stärksten gefährdeten Menschen gezielt zu schützen. Nur so kann Europa den steigenden Herausforderungen des Klimawandels begegnen, ohne die sozialen Ungleichheiten weiter zu vertiefen.
