Türkei und Aserbaidschan streben UNESCO‑Anerkennung für Baklava an, Griechenland protestiert
Ein gemeinsamer Antrag der Türkei und Aserbaidschan auf UNESCO‑Anerkennung von Baklava löst heftige Gegenreaktionen aus Griechenland aus.
Die Türkei und Aserbaidschan haben bei der UNESCO einen gemeinsamen Antrag gestellt, Baklava als immaterielles Kulturerbe beider Länder anzuerkennen. Der Schritt hat sofort eine starke Gegenreaktion aus Griechenland hervorgerufen, das seit langem seine eigenen historischen Verbindungen zu dem Dessert betont.
Baklava und umstrittene Herkunft
Baklava ist ein mehrschichtiges Gebäck aus Filoteig, gefüllt mit gehackten Nüssen und in Zucker‑ oder Honigsirup getränkt. Es ist im Balkan, im Nahen Osten und im Kaukasus beliebt, wobei jede Region eine leicht abgewandelte Variante anbietet, sodass ein eindeutiger Herkunftsort schwer zu bestimmen ist.
Der aktuelle Antrag folgt einer Reihe von Schritten, die 2013 begannen, als die Europäische Kommission die geschützte geografische Angabe „Gaziantep‑Baklava" vergab und damit den Namen „Antep Baklavası" vor Nachahmung schützte. Gaziantep, eine Stadt im Südosten der Türkei, gilt dort weithin als die Hauptstadt des Baklava.
Türkische Historiker führen die moderne Form des Gebäcks auf das osmanische Istanbul zurück, während griechische Wissenschaftler argumentieren, dass es bis ins Byzantinische Reich zurückreicht und damit eine Verbindung zum historischen Vorgänger des modernen griechischen Staates herstellt.
Griechische parlamentarische Herausforderung
Im Januar 2025 reichte eine Gruppe griechischer Abgeordneter des Europäischen Parlaments einen formellen Antrag ein, der die „griechischen Ursprünge von Baklava" betont und die UNESCO auffordert, die kulturelle Geschichte des Gebäcks zu prüfen, bevor ein gemeinsamer Status gewährt wird. Der Vorschlag wirft der Türkei und Aserbaidschan vor, den UNESCO‑Prozess zu nutzen, um die nationale Identität zu stärken, ein Phänomen, das Wissenschaftler als Gastronomischer Nationalismus bezeichnen.
Die Anthropologin Chiara Bortolotto vom französischen CNRS warnte im Dezember 2025, dass Kulturerbe‑Eintragungen oft als „billige Soft‑Power‑Werkzeuge" eingesetzt werden, die Sichtbarkeit und Prestige erhöhen, aber keine direkte finanzielle Unterstützung bieten.
Politische Symbolik und Zeitpunkt
Der Antrag kommt zu einem Moment, in dem die Türkei aktiv ihre diplomatischen Fußabdrücke ausdehnt. Auf einem jüngsten NATO‑Gipfel in Ankara wurde den hochrangigen Vertretern Baklava serviert, und die Regierung beauftragte Spitzenköche, ein achtmonatiges Menü in enger Abstimmung mit dem Kommunikationsdirektorat von Präsident Erdoğan zu entwickeln, um die „Marke Türkei" zu stärken.
Die Partnerschaft zwischen der Türkei und Aserbaidschan, häufig als „eine Nation, zwei Staaten" bezeichnet, umfasst militärische, diplomatische, wirtschaftliche und bildungsbezogene Zusammenarbeit. Beide Regierungen präsentieren den UNESCO‑Antrag als weiteren Pfeiler dieser strategischen Allianz.
Vorgeschichten kulinarischer Streitigkeiten
Baklava ist nicht das erste Lebensmittel, das im post‑osmanischen Raum zum Streitpunkt wurde. 2014 listete die UNESCO das armenische Fladenbrot Lavash als kulturellen Ausdruck Armeniens, was zu Protesten Aserbaidschans führte. Zwei Jahre später erkannte die Organisation Lavash als immaterielles Erbe für mehrere Länder an, darunter Aserbaidschan und die Türkei.
2017 erhielt das gefüllte Gericht Dolma Anerkennung als Teil der aserbaidschanischen Kultur; Armenien wies den Anspruch als „unbegründet und ungebildet" zurück. Kürzlich schlug ein griechisches Restaurant in Thessaloniki die Suppe Patsa für UNESCO‑Anerkennung vor und führte ihre Wurzeln auf die homerische Zeit zurück, während türkische Medien mit einem Verweis auf den 17. Jahrhundert‑Reisenden Evliya Çelebi die türkische Herkunft des Gerichts betonten.
Mögliche Marktauswirkungen
Eine UNESCO‑Anerkennung kann erhebliche kommerzielle Chancen für Produzenten und den Gastgewerbesektor eröffnen. Die Aufnahme der neapolitanischen Pizza als immaterielles Erbe löste beispielsweise eine weltweite Nachfrage nach authentischen Pizzakursen aus. Ein ähnlicher Schub könnte für Baklava erwartet werden und die Exporte aus der Türkei und Aserbaidschan steigern.
Kleine Bäckereien in Gaziantep und Baku könnten erhöhte internationale Aufmerksamkeit genießen, während große Lebensmittelunternehmen das Label für globale Markenbildung nutzen könnten. Verbraucherorganisationen warnen jedoch, dass ein UNESCO‑Siegel keine Qualitätsgarantie darstellt; ohne strenge Aufsicht könnten massenproduzierte, billigere Varianten das traditionelle Handwerk untergraben und die Preise für authentische Produkte drücken.
Ausblick
Die UNESCO soll im Dezember 2025 über den Antrag entscheiden. Eine Genehmigung würde wahrscheinlich das kulturelle Profil der Türkei und Aserbaidschan stärken, könnte aber auch die diplomatischen Spannungen mit Griechenland vertiefen, das bereits signalisiert hat, weitere rechtliche Wege zu prüfen, um seine historischen Ansprüche zu schützen.
Die Debatte zeigt, wie kulinarisches Erbe zunehmend als geopolitisches Instrument eingesetzt wird, Kultur, Identität und Wirtschaft in einer globalisierten Welt verknüpft und internationale Institutionen wie die UNESCO zu Bühnen nationaler Selbstdarstellung macht.