EU‑Beschaffungsreform will Steuervermeidung eindämmen und digitale Souveränität stärken
Der Fall Palantir verdeutlicht, warum die EU ihr öffentliches Beschaffungsrecht reformieren will, um faire Arbeitsbedingungen, Steuer‑Gerechtigkeit und digitale Unabhängigkeit zu sichern.

Palantir ist zum Brennpunkt der Anstrengungen der Europäischen Kommission geworden, den öffentlichen Beschaffungsrahmen der Union zu überarbeiten. Das US‑Datenanalyseunternehmen liefert Software an den französischen Geheimdienst, die deutsche Polizei, niederländische Verteidigungsbehörden und das spanische Militär und hält Aufträge im Vereinigten Königreich im Wert von mindestens 670 Millionen Pfund (etwa 782 Millionen Euro), die Hälfte davon beim National Health Service. Doch die globale effektive Körperschaftssteuerquote für 2025 wurde mit nur 1,4 Prozent berechnet, was in Europa eine Steuerlücke von rund 12 Millionen Euro erzeugt.
Die Diskrepanz zwischen dem Umfang der öffentlichen Ausgaben, die Palantir genießt, und dem geringen Anteil am Steueraufkommen hat Gewerkschaften, Verbraucherverbände und Steuer‑Gerechtigkeitsorganisationen dazu veranlasst, im bevorstehenden Beschaffungsreformprozess ein härteres Vorgehen zu fordern.
Warum Beschaffung für Arbeitnehmer und Steuerzahler wichtig ist
Öffentliche Stellen in der EU kaufen jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 2,6 Billionen Euro, etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Blocks. Diese Kaufkraft kann Arbeitsstandards, Umweltwirkungen und den fiskalischen Beitrag multinationaler Lieferanten prägen. Wenn Aufträge ausschließlich nach Preis vergeben werden, gewinnt häufig das billigste Angebot, selbst wenn es von einem Unternehmen stammt, das Mitarbeitende unterbezahlt, Steuern umgeht oder Offshore‑Rechenzentren nutzt, die die digitale Souveränität gefährden.
Gewerkschaften argumentieren, dass das aktuelle System das Gegenteil des öffentlichen Interesses belohnt. "Wenn ein Krankenhaus eine Softwareplattform beauftragt, die auf dem Papier billig ist, aber von einem Unternehmen stammt, das Steuern vermeidet und seine Mitarbeitenden schlecht bezahlt, tragen Steuerzahler und Patient*innen die echten Kosten", sagte ein Sprecher des Europäischen Gewerkschaftsbundes. "Öffentliche Beschaffung sollte ein Hebel für anständige Arbeitsplätze, faire Löhne und nachhaltige Dienstleistungen sein, nicht ein Subventionsinstrument für profitorientierte Konzerne."
Entwurf: Vom billigsten Preis zum besten Preis‑Leistungs‑Verhältnis
Der geleakte Entwurf, der voraussichtlich am 9. September veröffentlicht wird, sieht vor, dass das "beste Preis‑Qualitäts‑Verhältnis" zum Standardkriterium für die Auftragsvergabe wird. In der Praxis müssten die Auftraggeber klare Qualitätsgrenzen festlegen, etwa zu Arbeitsbedingungen, Umweltleistung und Datensicherheit, bevor sie die Angebote preislich bewerten.
Kritiker warnen, dass der Entwurf eine Lücke lässt: Behörden könnten minimale Qualitätsstandards definieren und dann wieder zu einem reinen Preisvergleich zurückkehren. Sind die Schwellen zu niedrig, würde die neue Regel das alte System lediglich umbenennen. Gewerkschaftsvertreter betonen, dass Qualität konkret definiert werden muss, etwa durch die Einhaltung von Tarifverträgen, sichere Personalschlüssel in Krankenhäusern und nachweisbare Reduktionen von CO₂‑Emissionen.
Strategische Aspekte der digitalen Souveränität
Über Arbeits‑ und Umweltkennzahlen hinaus erkennt der Vorschlag strategische Bedenken hinsichtlich digitaler Souveränität. Er weist auf das Risiko hin, von einer Handvoll Nicht‑EU‑Anbieter für Cloud‑, KI‑ und Datenanalyse‑Dienste abhängig zu sein, wobei ausländische Gesetze die Offenlegung sensibler Informationen erzwingen könnten. Der Entwurf bewahrt daher die Möglichkeit, dass öffentliche Stellen Leistungen intern erbringen oder mit anderen Behörden kooperieren, ohne ein wettbewerbliches Verfahren zu öffnen.
Steuervermeidungs‑Klauseln zurückgenommen
Wo der Entwurf nach Ansicht von Steuer‑Gerechtigkeitsaktivisten schwächelt, ist die Behandlung aggressiver Steuerplanung. Die aktuellen Regeln erlauben es öffentlichen Käufern, Unternehmen auszuschließen, die keine Steuern gezahlt haben. Der neue Text entfernt jedoch den expliziten Ausschlussgrund für Unternehmen, die aggressive Steuervermeidung betreiben, selbst wenn sie formal konform sind.
Das Centre for International Corporate Tax Accountability and Research (CICTAR) hat Palantir als Paradebeispiel hervorgehoben. Das Unternehmen strukturiert seine Geschäfte so, dass der Großteil des Gewinns in den USA verbucht wird, wo die Körperschaftssteuersätze niedriger sind, während es gleichzeitig lukrative öffentliche Aufträge in ganz Europa gewinnt. "Legalität bedeutet nicht Fairness", sagte ein Analyst von CICTAR. "Öffentliche Gelder sollten nicht Unternehmen subventionieren, die ihre Steuerlast auf einen Bruchteil ihres Gewinns reduzieren."
Palantir ist nicht allein. Die Forschung des Think‑Tanks nennt auch Amazon, Microsoft, Oracle und Accenture als multinationale Unternehmen, die regelmäßig europäische Steuerverpflichtungen minimieren und gleichzeitig große öffentliche Aufträge erhalten. Das Fehlen einer Steuer‑Transparenz‑Anforderung, etwa einer verpflichtenden Ländergeschafts‑Berichterstattung, wird daher als verpasste Chance gesehen, die Beschaffung mit der breiteren EU‑Agenda für Steuer‑Gerechtigkeit in Einklang zu bringen.
Folgen für die europäische digitale Autonomie
Die Abhängigkeit von US‑Technologiekonzernen wirft Fragen auf, die über fiskalische Gerechtigkeit hinausgehen. Frankreich hat bereits Pläne angekündigt, Palantir in den eigenen Inlandsgeheimdiensten zu ersetzen, aus strategischen Abhängigkeitsgründen. Die Niederlande verfolgen eine europäische Alternative, und die Schweiz lehnte Palantir ab, weil befürchtet wurde, dass Daten von US‑Behörden eingesehen werden könnten.
Kommissionsbeamte argumentieren, dass die überarbeiteten Regeln öffentlichen Stellen helfen sollen, die Kontrolle über ihre Systeme und Daten zu behalten, algorithmische Transparenz zu verlangen und Arbeitnehmer sowie Gewerkschaften in den Beschaffungsprozess einzubeziehen. "Wenn eine Polizeibehörde oder ein Krankenhaus von einem einzigen ausländischen Anbieter abhängt, ist ein Anbieterwechsel nicht so einfach wie ein Wechsel des Büromaterial‑Lieferanten", sagte ein hochrangiger EU‑Beamter in einer Pressekonferenz. "Es geht um nationale Sicherheit, Patientengeheimnisse und die Integrität öffentlicher Dienste."
Durch die Offenhaltung der Möglichkeit zur internen Bereitstellung und zur Zusammenarbeit zwischen Behörden soll der Entwurf die Fähigkeit europäischer öffentlicher Einrichtungen schützen, eigene digitale Infrastrukturen zu entwickeln und zu erhalten. Das entspricht dem EU‑Ziel strategischer Autonomie in aufkommenden Technologien, ein Ziel, das nach der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine wegen Lieferketten‑Verwundbarkeiten an Dringlichkeit gewonnen hat.
Was die nächsten Schritte für Arbeitnehmer und Haushalte bedeuten könnten
Wird die Kommission den Entwurf annehmen, könnten die 2,6 Billionen Euro jährlicher öffentlicher Ausgaben zu einem Instrument werden, um Arbeitsstandards auf dem Kontinent zu heben. Unternehmen, die Aufträge gewinnen wollen, müssten die Einhaltung von Tarifverträgen nachweisen, faire Löhne zahlen und sichere Arbeitsbedingungen entlang ihrer Lieferketten gewährleisten.
Für Haushalte könnte die Wirkung indirekt, aber bedeutend sein. Höhere Standards in der öffentlichen Beschaffung führen häufig zu besseren Dienstleistungen, sauberere Krankenhäuser, zuverlässigerer öffentlicher Nahverkehr, und können den Lohn‑Abwärtstrend bremsen, der den Lebensstandard drückt. Zudem würde die Verhinderung von Steuervermeidung durch große Auftragnehmer die fiskalischen Ressourcen für öffentliche Investitionen erhöhen und damit den Druck auf Sozialleistungshaushalte mindern.
Einige Wirtschaftsverbände warnen jedoch, dass strengere Kriterien die Beschaffungskosten erhöhen und die Umsetzung digitaler Projekte verlangsamen könnten. "Wir unterstützen höhere Standards, müssen aber sicherstellen, dass die Regeln nicht so belastend werden, dass Unternehmen von der Teilnahme abgeschreckt werden", sagte ein Sprecher des Europäischen Wirtschaftsverbands.
Ausblick
Die Debatte wird voraussichtlich im Europäischen Parlament an Intensität zunehmen, wo Mitglieder sowohl der linken Fraktion S&D als auch der zentristisch‑rechten EVP Bedenken hinsichtlich der Durchsetzbarkeit detaillierter Qualitäts‑ und Steuer‑Transparenz‑Anforderungen äußern. Abgeordnete haben zudem die Frage gestellt, ob die Kommission die Kapazitäten hat, die Einhaltung bei Tausenden von Aufträgen zu überwachen.
Der finale Text der Beschaffungsreform soll bis Ende des Jahres vorgelegt werden, gefolgt von Verhandlungen mit dem Rat der Minister und dem Europäischen Parlament. Bei Annahme würden die neuen Regeln ab 2025 gelten und den öffentlichen Stellen einige Jahre Zeit geben, ihre Ausschreibungsprozesse anzupassen.
Bis dahin bleibt der Fall Palantir eine warnende Geschichte über die Grenzen eines Beschaffungssystems, das ausschließlich auf den Preis fokussiert. Während die EU gleichzeitig die Herausforderungen fiskalischer Gerechtigkeit und digitaler Souveränität bewältigt, könnte das Ergebnis dieser legislativen Überholung bestimmen, wie öffentliche Gelder ausgegeben werden, wie multinationale Unternehmen in Europa agieren und wie Arbeitnehmer auf dem Kontinent von den Vorzügen, oder den Kosten, der öffentlichen Beschaffung profitieren."


