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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
Start/Meinung/eu-parlament-pr-ft-eu-weites-observatorium-f-r-politischen-islam-trotz-rechtlicher-und-menschenrechtlicher-bedenken
Meinung18. August 2026

EU-Parlament prüft EU‑weites Observatorium für politischen Islam trotz rechtlicher und menschenrechtlicher Bedenken

Ein von der EVP vorgeschlagener Plan für ein EU‑weites Observatorium zum politischen Islam stößt auf Kritik von Juristen, Menschenrechtsorganisationen und der Zivilgesellschaft.

EU-Parlament prüft EU‑weites Observatorium für politischen Islam trotz rechtlicher und menschenrechtlicher Bedenken

Die Europäische Volkspartei (EVP) hat Ende Juni 2024 in Wien eine Resolution verabschiedet, die die Schaffung eines EU‑weiten Observatoriums für politischen Islam vorsieht. Der Entwurf fordert eine systematische Kartierung von Gruppen, die als islamistisch eingestuft werden, sowie eine engere Zusammenarbeit der Nachrichtendienste der Mitgliedstaaten, um demokratische Institutionen vor extremistischer Einmischung zu schützen.

Politische Unterstützung und Finanzierungsfragen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der österreichische Migrationskommissar Magnus Brunner, beide Mitglieder der EVP, haben ihre Unterstützung für die Resolution bekundet. Beide signalisierten zudem die Bereitschaft, Asylregeln zu verschärfen und die Sicherheitsausgaben zu erhöhen. Die parteiliche Befürwortung einer EU‑weiten Kartierung islamistischer Netzwerke würde erhebliche Mittel erfordern und könnte, so Beobachter, privaten Sicherheitsfirmen zugutekommen, die in Brüssel lobbyieren.

Operation Luxor als Präzedenzfall

Die Resolution verweist auf die österreichische Polizeiaction „Operation Luxor" als Beispiel für die Art von Aktivitäten, die koordiniert werden sollen. Polizeirazzien in Österreich im Jahr 2020 führten zu keinen Verhaftungen und wurden später von österreichischen Gerichten als rechtswidrig eingestuft. Das Dokument zieht zudem das Österreichische Dokumentationszentrum für politischen Islam heran, eine Organisation, die wegen der Veröffentlichung von Berichten, die von ausländischen Regierungen, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten, finanziert wurden, kritisiert wird. Investigative Journalist*innen haben eine Verbindung zwischen dem Emiraten‑Lobbynetzwerk und der österreichischen Aktion aufgedeckt und vermuten, dass die Expertenberichte, die die Razzien rechtfertigten, Teil einer Desinformationskampagne waren.

Rechtliche und menschenrechtliche Fragen

Rechtswissenschaftler*innen warnen, dass die Resolution schwierige Fragen zum Umfang demokratischer Teilhabe aufwirft. Dr. Miriam Schneider, Rechtswissenschaftlerin an der Universität Bonn, fragte: "Wann wird legitime politische Teilhabe zu 'Einmischung'?" und fügte hinzu: "Wer entscheidet, welche Organisation als 'islamistisches Netzwerk' bezeichnet wird? Das Fehlen klarer Kriterien öffnet die Tür für willkürliche Durchsetzung." Maria Rossi, Anwältin beim Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte, warnte: "Wenn wir akzeptieren, dass eine religiöse Gemeinschaft ohne Nachweis von Fehlverhalten überwacht werden kann, untergraben wir den Rechtsstaat."

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat bereits entschieden, dass eine pauschale Überwachung einer religiösen Minderheit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Die EU‑Charta der Grundrechte garantiert Freiheit von Religion, Glauben und Vereinigung, und jede Sicherheitsmaßnahme muss verhältnismäßig, notwendig und auf konkreten Beweisen beruhen. Die Resolution verwendet bewusst die Begriffe "Kartierung" und "Monitoring" statt "Überwachung", um diese Anforderungen zu umgehen.

Opposition aus Zivilgesellschaft und Gewerkschaften

Gewerkschaften, Verbraucherverbände und muslimische Zivilgesellschaftsorganisationen warnen, dass die Politik öffentliche Mittel von Arbeitsplätzen, Schulen und bezahlbarem Wohnraum abziehen könnte. In Brüssel, Berlin und Paris werden Proteste organisiert, die evidenzbasierte Sicherheitspolitik fordern, die Grundrechte respektiert. Die regierende Koalition Italiens hat angekündigt, ein nationales Observatorium für politischen Islam einzurichten und dabei das EU‑Modell als Vorbild zu nehmen, während Oppositionsparteien in Spanien ein parlamentarisches Untersuchungsgremium zur Rechtmäßigkeit der österreichischen Razzien fordern.

Breiterer politischer Diskurs

Umfragen in der EU zeigen einen Anstieg anti‑muslimischer Stimmung sowohl bei rechtspopulistischen als auch bei etablierten Parteien. Politiker*innen verwenden Begriffe wie "parallele Gesellschaften", "kulturelle Inkompatibilität" und "islamistische Einmischung", wenn sie über muslimische Gemeinschaften sprechen. Die Wissenschaftler Álvaro Oleart und Julian Roch argumentieren, dass etablierte Mitte‑rechts‑Partei­en aktiv einen Diskurs formen, der Religion mit Sicherheitsrisiken verknüpft.

Nächste Schritte im Europäischen Parlament

Die Resolution soll in den kommenden Wochen im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des Europäischen Parlaments diskutiert werden. Wird sie angenommen, könnte ein EU‑weiter Rahmen geschaffen werden, der die Mitgliedstaaten verpflichtet, muslimische Organisationen unter dem Label "politischer Islam" zu beobachten, was weitere Fragen zur Vereinbarkeit mit EU‑Verträgen und der Europäischen Menschenrechtskonvention aufwirft.

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