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Vol. XV · N°258
Dienstag, 15. September 2026
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Meinung10. September 2026

EU‑Plan zur Beschleunigung von Rechenzentren kritisiert, weil er US‑Technologieriesen begünstigt

Ursula von der Leyen will im State‑of‑the‑Union‑Rede ein Schnellverfahren für Rechenzentren einführen, doch das Europäische Parlament warnt, dass das Vorhaben die Vorherrschaft US‑Cloud‑Anbieter festigen könnte.

EU‑Plan zur Beschleunigung von Rechenzentren kritisiert, weil er US‑Technologieriesen begünstigt

Ursula von der Leyen wird in ihrer bevorstehenden State‑of‑the‑Union‑Rede ein Schnellverfahren für Rechenzentren vorstellen, doch Abgeordnete des Europäischen Parlaments warnen, dass der Plan die Dominanz US‑Cloud‑Provider stärken und die digitale Souveränität Europas nicht fördern könnte.

Was ist geplant?

Der Vorschlag, Teil des im Juni 2026 veröffentlichten Cloud‑ und KI‑Entwicklungsgesetzes (CADA), sieht "Beschleunigungszonen für Rechenzentren" vor, in denen Genehmigungen und Netzanschlüsse zügig erteilt werden. Kritiker bemängeln, dass diese Schnellverfahren bestehende Umweltprüfungen umgehen und die Möglichkeit von Bürgern und lokalen Behörden, Projekte gerichtlich anzufechten, einschränken.

Wer profitiert?

Untersuchungen des niederländischen Think‑Tanks SOMO zeigen, dass die größten US‑Cloud‑Betreiber Microsoft, Google und Amazon bereits den Großteil der in der EU angekündigten oder im Bau befindlichen Rechenzentrumsprojekte dominieren. Die Unternehmen bauen nicht nur eigene Anlagen, sondern fungieren auch als Ankerkunden für Co‑Location‑Anbieter, die Kapazitäten an verschiedene Nutzer vermieten.

Co‑Location‑Firmen, die häufig von US‑Investmentfonds wie BlackRock und KKR unterstützt werden, schließen langfristige Verträge mit denselben Tech‑Giganten ab. Die Europäische Kommission räumt ein, dass diese Ankerkunden für die finanzielle Tragfähigkeit von Co‑Location‑Projekten unverzichtbar sind. Deshalb könnte selbst ein von einem europäischen Unternehmen betriebenes Rechenzentrum hauptsächlich US‑Cloud‑Dienste bedienen.

"Die Beschleunigungszonen enthalten keine Klausel, die Big Tech daran hindert, zu profitieren", erklärt ein Analyst von SOMO. "Ohne einen solchen Schutz öffnet das Programm lediglich die Tür für mehr US‑kontrollierte Kapazität auf europäischem Boden."

Schwache Schutzmechanismen und Marktkonzentration

Kommissionsmitarbeiter argumentieren, dass CADA Maßnahmen zur Eindämmung übermäßiger Marktdominanz und zur Förderung kleinerer Akteure vorsieht. In der Praxis konzentrieren sich die Schutzmechanismen jedoch auf den Wettbewerb innerhalb einer einzelnen Beschleunigungszone und berücksichtigen nicht die kumulative Wirkung eines europaweiten Netzes von Rechenzentren.

Der Betrieb von Rechenzentren ist notorisch intransparent; Behörden wissen oft erst nach Fertigstellung, wer die Server letztlich mietet. Ein europäisches Co‑Location‑Unternehmen könnte daher eine Anlage in einer Beschleunigungszone bauen und die gesamte Kapazität an Microsoft, Meta oder Oracle vermieten, was lokalen Unternehmen und öffentlichen Diensten wenig Nutzen bringt.

Equinix, ein führender US‑Co‑Location‑Betreiber, hat bereits erklärt, keine Kapazitäten für europäische Unternehmen und öffentliche Stellen zu reservieren, weil "die IT‑Welt nicht so funktioniert". Diese Haltung verdeutlicht das geringe Interesse privater Anbieter, ihre Geschäftsmodelle an breitere gesellschaftliche Ziele anzupassen.

Umwelt‑ und Demokratiebedenken

Die beschleunigte Genehmigung wirft zudem Fragen des Umweltschutzes auf. Rechenzentren verbrauchen große Mengen Strom und Wasser, und ihr Bau kann lokale Ökosysteme beeinträchtigen. Durch das Umgehen regulärer Umweltverträglichkeitsprüfungen könnte das Vorhaben die Klimaziele der EU untergraben.

Gleichzeitig schränkt der Gesetzentwurf das Recht der Bürger ein, rechtliche Anfechtungen zu erheben. Aktuelle Gerichtsverfahren in Spanien, Frankreich, Irland und den Niederlanden zeigen, dass Gemeinden zunehmend bereit sind, Großprojekte wegen Lärmbelästigung oder Verlust der Artenvielfalt zu bekämpfen. Die Beschränkung dieser Rechtswege könnte öffentlichen Unmut schüren und das Vertrauen in EU‑Institutionen schwächen.

Politische Reaktionen

Im Europäischen Parlament fordern mehrere Abgeordnete eine Überarbeitung von CADA. Sie argumentieren, dass ein echter Vorstoß für digitale Souveränität Transparenz, öffentliche Aufsicht und robuste Umweltstandards erfordern muss.

"Wir können keine Autonomie erreichen, indem wir kritische Infrastruktur im Schnellverfahren an das Silicon Valley übergeben", sagte ein ranghoher Abgeordneter der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten. "Die Kommission muss sicherstellen, dass europäische Rechenzentren im öffentlichen Interesse Eigentum bleiben und betrieben werden."

Gegner der Beschleunigungszonen schlagen zudem ein vorübergehendes Moratorium für neue Anlagen vor, die US‑Tech‑Firmen gehören, für sie entwickelt werden oder hauptsächlich dienen. Sie sehen in einem vorsichtigeren Ansatz mit klaren Grenzen für ausländisches Eigentum einen besseren Schutz europäischer strategischer Interessen.

Ausblick

Die Kommission wird die Beschleunigungszonen voraussichtlich als Mittel verteidigen, Europa im globalen KI‑Wettlauf wettbewerbsfähig zu halten. Befürworter betonen, dass eine schnellere Bereitstellung von Rechenkapazitäten für Forschung, Industrie und öffentliche Dienste unerlässlich sei.

Dennoch verdeutlicht die Debatte die Spannung zwischen Geschwindigkeit und Souveränität. Während ein rascher Infrastrukturausbau Investitionen anziehen kann, könnte er den Kontinent gleichzeitig in eine Abhängigkeit von externen Anbietern locken und damit die Unabhängigkeit untergraben, die die EU anstrebt.

Im Vorfeld der State‑of‑the‑Union‑Rede haben die Abgeordneten die Möglichkeit, CADA zu ändern, bevor es Gesetz wird. Das Ergebnis wird bestimmen, ob der Rechenzentrumsboom Europas lokale Wirtschaften und öffentliche Dienste stärkt oder lediglich den Fußabdruck der US‑Cloud‑Giganten auf europäischem Boden ausweitet.

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