Merz steht unter wachsendem Druck, während die AfD vor den Landtagswahlen in Deutschland anzieht
Die jüngsten Umfragen aus Berlin und Mecklenburg‑Vorpommern zeigen, dass die CDU Schwierigkeiten hat, Wähler zurückzugewinnen, während die AfD weiter an Zuspruch gewinnt.

Friedrich Merz ging mit einem klaren Ziel ins Wochenende: Die Abwanderung von Wählern zur extremen Rechten zu stoppen und zu zeigen, dass die Christlich‑Demokratische Union (CDU) noch immer Wahlen gewinnen kann. Das Ergebnis der Landtagsumfragen in Berlin und Mecklenburg‑Vorpommern am 20. September lässt vermuten, dass dieses Ziel schwer zu erreichen sein wird.
AfD gewinnt an Zuspruch, CDU verliert Boden
Zwei Wochen nach dem entscheidenden Sieg der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen‑Anhalt veröffentlichte YouGov am 15. September eine Umfrage, die die AfD mit 29 % der Stimmen im Bundeswahlkampf ansetzt, zwölf Punkte vor der CDU, die bei 17 % liegt. Die Grünen erreichen 16 % und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 13 %.
Die AfD, von den deutschen Sicherheitsbehörden als extremistische Bewegung eingestuft, nutzt Unzufriedenheit über die Lebenshaltungskosten, Energiepreise und wahrgenommene Fehlleistungen der Koalitionsregierung. Co‑Vorsitzende Alice Weidel nutzte den Rückgang der CDU, um zu erklären, dass die Partei "nie wieder eine Wahl gewinnen" werde, während die AfD weiter expandiere.
Während die Rechte ihren Sieg in Sachsen‑Anhalt feiert, erzielte die CDU einen lokalen Erfolg in Niedersachsen, wo sie hinter der SPD, aber vor der AfD landete. Dieser bescheidene Erfolg hat jedoch wenig dazu beigetragen, die Kritik innerhalb von Merz' Partei zu dämpfen. Parteimitglieder in Sachsen‑Anhalt sollen sich geweigert haben, sein Bild auf Wahlkampfmaterial zu verwenden, ein ungewöhnlicher Schritt, der die innere Frustration verdeutlicht.
Öffentliche Stimmung wendet sich scharf gegen den Kanzler
Merz' persönliche Zustimmungsrate ist auf historische Tiefstwerte gesunken. Eine INSA‑Umfrage vom Wochenende ergab, dass 78 % der Befragten nicht wollen, dass er Kanzler bleibt, während nur 10 % ihn unterstützen. Unter CDU‑Wählern sieht das Bild ähnlich düster aus: 58 % wünschen sich einen anderen Spitzenkandidaten, 36 % stehen hinter Merz und der Rest ist unentschieden.
Diese Zahlen spiegeln einen breiteren Trend des schwindenden Vertrauens in die Wirtschaftspolitik der Regierung wider. Der deutsche Industriestandort Volkswagen kämpft mit Produktionskürzungen, während das Land gleichzeitig hybriden Angriffen aus Russland und einer schleppenden Erholung von der pandemiebedingten Rezession ausgesetzt ist. Für viele Beschäftigte verstärken steigende Energierechnungen und stagnierende Löhne das Gefühl, dass das Establishment den Kontakt zur Realität verloren hat.
Die Gewerkschaften haben die Daten aufgegriffen und warnen, dass ein weiterer Trend zur AfD das Sozialpartnerschaftsmodell, das den deutschen Arbeitsmarkt stützt, destabilisieren könnte. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte "eine klare politische Antwort, die die Kaufkraft der Arbeitnehmer wieder in den Mittelpunkt staatlichen Handelns stellt".
Was die Zahlen für Europa bedeuten
Die politische Entwicklung in Deutschland hat Auswirkungen weit über die Landesgrenzen hinaus. Als größte Volkswirtschaft Europas könnte ein Rechtsruck ähnliche Bewegungen in Nachbarländern bestärken und die Klimas- sowie Finanzagenda der EU erschweren. Eine geschwächte CDU wirft zudem Fragen nach der Zukunft des zentristisch‑konservativen Blocks auf, der traditionell die Europäische Volkspartei im Europäischen Parlament verankert.
EU‑Kommissionsvertreter haben sich nicht direkt zu den deutschen Umfragen geäußert, doch die Institution warnt wiederholt, dass demokratischer Rückschritt und extremistischer Aufstieg die Kohäsion der Union gefährden. Ein stärker fragmentiertes deutsches Parlament könnte es Berlin erschweren, EU‑Ziele in den Bereichen Emissionen, Verteidigungsausgaben und fiskalische Konsolidierung zu erreichen.
Merz' Optionen und der weitere Weg
Innerhalb der CDU drängt ein wachsender Chor von Stimmen darauf, dass Merz zurücktritt. Seniorfiguren haben angedeutet, dass ein Führungswettbewerb vor der nächsten Bundestagswahl ausgelöst werden könnte, obwohl noch kein formeller Antrag gestellt wurde. Merz, der die Partei im Mai 2025 übernommen hat, hat bislang den Rücktritt abgelehnt und argumentiert, dass Stabilität in Zeiten äußerer Belastungen nötig sei.
Analysten sehen die beste Chance für den Kanzler, wieder Boden zu gewinnen, in einer schnellen Politikverschiebung hin zu bezahlbarer Energie, stärkerer Unterstützung für Haushalte mit niedrigem Einkommen und einer klaren Haltung gegen extremistische Rhetorik. Kritiker hingegen warnen, dass ein solcher Kurs zu spät und zu wenig sein könnte, zumal die AfD sich weiterhin als die einzige Partei darstellt, die bereit sei, "die Versagen der Elite" anzuprangern.
Wenn die Wähler am Sonntag zur Wahlurne gehen, wird das Ergebnis ein Barometer dafür sein, ob die CDU ihre traditionelle Basis noch mobilisieren kann oder ob der Aufschwung der AfD eine dauerhafte Neuordnung signalisiert. Für europäische Beobachter wird das Resultat ein wichtiger Indikator für die Gesundheit der Mitte in der einflussreichsten Nation des Kontinents sein.


