Steigende Kreditkosten gefährden Europas Vorstoß für Verteidigung und grüne Transformation
Trotz wachsender Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz steigen die Zinsen im Euroraum und belasten die Finanzierung.

Europa will seine Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und die grüne Transformation erhöhen, obwohl die Kreditkosten im gesamten Block steigen.
Regierungen spüren den Druck
In Frankreich machen Schuldendienstzahlungen bereits rund sechs Prozent der Gesamteinnahmen aus, das Doppelte im Vergleich zu 2019. In Deutschland haben die Renditen von Bundesanleihen ihr höchstes Niveau seit 2011 erreicht, und der Bundeshaushalt 2026 wird fast 180 Milliarden Euro neuer Verschuldung benötigen, zusätzlich zu dem im vergangenen Jahr geschaffenen Infrastruktur‑Fonds von 500 Milliarden Euro.
Bond‑Emissionen auf Rekordniveau, aber nicht nur wegen höherer Ausgaben
Die Emission von Anleihen läuft auf Rekordtempo, doch der Anstieg ist nicht allein auf mehr Ausgaben zurückzuführen. Eine Kombination aus externen Schocks, politischen Entscheidungen und strukturellen Marktverschiebungen treibt die Renditen nach oben, was wiederum den Preis jedes neuen investierten Euro erhöht.
Externe Schocks erhöhen Inflation und Risikoaufschlag
Der Krieg im Iran hat die Energiepreise in die Höhe schnellen lassen und die Inflation im Euroraum im August auf 3,3 Prozent getrieben, das höchste Niveau seit fast drei Jahren. Investoren verlangen daher einen höheren Risikoaufschlag auf Staatsanleihen. Bis Juni waren die Kreditkosten im Euroraum bereits um etwa ein halbes Prozent seit Beginn des Konflikts gestiegen.
Gleichzeitig hat die Europäische Zentralbank (EZB) aufgehört, die Erlöse aus ihren massiven Pandemie‑Anleihekäufen wieder anzulegen. Die Zentralbank wird in diesem Jahr etwa 384 Milliarden Euro Liquidität aus dem Markt abziehen. EZB‑Chefökonomin Isabel Schnabel schätzt, dass dies allein die Kreditkosten um rund 0,6 Prozentpunkte erhöht hat.
US‑Tech‑Anleihen konkurrieren um dieselben Investoren
Auf der anderen Seite verändert ein Boom bei Finanzierungen im Bereich künstliche Intelligenz den europäischen Anleihemarkt. US‑Technologieriesen geben vermehrt langfristige, hoch bewertete Unternehmensanleihen in Europa aus, um den tiefen Kapitalpool des Kontinents zu nutzen. Da diese Wertpapiere um dieselben Investoren wetteifern, die traditionell Staatsanleihen kaufen, warnte die EZB, dass sie die Renditen weiter nach oben treiben könnten.
Pensionsreformen verringern das Angebot langfristiger Finanzmittel
Auch die eigenen Rentenpolitiken Europas verändern die Nachfrage nach Staatsanleihen. Im Rahmen der EU‑Kommission für Sparen und Investitionen wird ein größerer Teil der Altersvorsorge in Aktien umgeleitet, wodurch weniger Kapital für Staatsverschuldung zur Verfügung steht.
In den Niederlanden wird ein Wechsel von rund 1,5 Billionen Euro an Pensionsvermögen von einem Leistungs‑ zu einem Beitrags‑System voraussichtlich die Nachfrage nach langfristigen Anleihen senken. Diese Wertpapiere sind entscheidend für die Finanzierung groß angelegter Projekte wie Schienenverkehr und Stromnetzausbau, die über viele Jahre stabile, kostengünstige Finanzierung benötigen.
Höhere Zinsen belasten klimafreundliche Investitionen
Die EZB wird voraussichtlich nächste Woche den Leitzins erneut anheben, wahrscheinlich auf 2,5 Prozent. Höhere Zinsen erhöhen die Kapitalkosten für Projekte, die stark auf Fremdfinanzierung angewiesen sind. Erneuerbare‑Energie‑Vorhaben sind besonders anfällig, weil sie große Anfangsinvestitionen erfordern, bis zu 80 Prozent der Gesamtkosten werden vor Erzielung von Einnahmen bezahlt.
Als die EZB 2022 mit der Straffung begann und die Zinsen um 4,5 Prozentpunkte erhöhte, kam die Investition in neue Offshore‑Windprojekte in Europa praktisch zum Stillstand. Vier Ökonomen, die für das Europäische Parlament schreiben, warnten im Juni, dass eine undifferenzierte Straffung den Kontinent zurück in die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen treiben könnte. Sie forderten einen gezielten Ansatz, der die Finanzierung von Clean‑Tech vor der vollen Wucht von Zinssteigerungen schützt.
Aufruf zu gemeinsamer EU‑Verschuldung für die grüne Agenda
Die EU‑Kommissarin für die grüne Transformation, Teresa Ribera, plädiert für ein gemeinsames EU‑Schuldtitel‑Instrument zur Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen. Doch steigende Kreditkosten und der wachsende Anteil der Haushalte, die für Schuldendienst aufgewendet werden, machen ein solches Vorhaben immer schwieriger umzusetzen.
Das Bruegel‑Think‑Tank aus Brüssel hat zudem die EZB aufgefordert, den Abbau ihres Anleiheportfolios zu verlangsamen, da ein schneller Liquiditätsabzug die Finanzierung langfristiger Projekte von öffentlichem Nutzen ersticken könnte.
Ein schwieriges Gleichgewicht
Europas Ziel, mehr für Verteidigung, Infrastruktur und Klima auszugeben, stößt damit auf ein Finanzumfeld, das immer weniger nachgiebig ist. Höhere Renditen verteuern jeden geliehenen Euro, während Pensionsreformen und die Konkurrenz durch US‑Unternehmensanleihen das Angebot an langfristigen Finanzmitteln für Regierungen schrumpfen lassen.
Für Arbeitnehmer und Haushalte ist das klar: Steigen die Kreditkosten weiter, könnten Regierungen gezwungen sein, öffentliche Investitionen zu kürzen oder Steuern zu erhöhen, beides würde den Lebensstandard belasten. Gleichzeitig riskieren verzögerte oder unterfinanzierte grüne Projekte, den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu verlangsamen, Energiepreise zu erhöhen und Klimaziele zu gefährden.
Politiker stehen nun vor der Aufgabe, erschwingliche Finanzierung für langfristige Vorhaben zu sichern, Inflation zu bändigen und fiskalische Stabilität zu wahren. Die Entscheidungen der kommenden Monate werden darüber bestimmen, ob Europa seine strategischen Ziele erreichen kann, ohne die Bürde unverhältnismäßig auf die Bürger zu legen.


