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Vol. XV · N°264
Montag, 21. September 2026
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Welt21. September 2026

Ukraine startet massive Drohnenangriff auf Moskau und trifft wichtige Raffinerie

Am Sonntag setzte die Ukraine rund 1.950 Drohnen und acht Flamingo‑Marschflugkörper gegen Moskau ein und beschädigte die Kapotnya‑Raffinerie, die fast die Hälfte des Kraftstoffbedarfs der Hauptstadt deckt.

Ukraine startet massive Drohnenangriff auf Moskau und trifft wichtige Raffinerie

Die Ukraine führte am Sonntag einen umfassenden Luftangriff auf Moskau durch und setzte dabei nach Schätzungen rund 1.950 Drohnen sowie acht Flamingo‑Marschflugkörper ein, vermutlich der umfangreichste Angriff auf die russische Hauptstadt seit Ausbruch des Krieges 2022. Im Fokus stand die Ölraffinerie Kapotnya am Stadtrand, ein Werk, das normalerweise fast die Hälfte des Kraftstoffbedarfs Moskaus deckt.

Zusammenhang mit den Parlamentswahlen

Der Angriff fiel auf den letzten Tag der russischen Parlamentswahl, woraufhin staatliche Medien ein politisches Motiv vermuteten. Analysten sehen jedoch ein klares industrielles Ziel: Die Raffinerie wurde an mehreren Stellen getroffen, zudem wurde ein Logistiklager in der Umgebung beschädigt.

Umfang und Zusammensetzung des Angriffs

Moskauer Bürgermeister Sergei Sobyanin sprach von 1.600 eingesetzten Drohnen, während der russisch‑nahestehende Rybar‑Kanal später von insgesamt 1.951 Drohnen und acht Flamingo‑(FP‑5‑)Marschflugkörpern berichtete. Eine unabhängige Bestätigung dieser genauen Zahlen ist schwierig, doch offene Quellen sind sich einig, dass der Angriff jede frühere ukrainische Operation gegen die Hauptstadt bei weitem übertrifft.

Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte eine Vielzahl unbemannter Systeme: FP‑1, RZ‑100, MICH‑2000, Palianytsia, Vendetta, Liutyi, Bars, Sichen und Pelican Drohnen sowie die Flamingo‑Marschflugkörper. Die Pelican, bislang unbekannt, erregte besonderes Interesse. Einige Experten vermuteten zunächst, es handle sich um einen Codenamen für die noch in Testphasen befindliche ballistische FP‑7‑Rakete, doch die gemeldete Reichweite von 300 km spricht eher für eine neue Drohnenvariante.

Verantwortliche ukrainische Stellen

Laut der ukrainischen Verteidigungswebsite Defence Express waren mehrere staatliche Organe beteiligt: der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU), das Hauptnachrichtendienstdirektorat (HUR), die unbemannten Systeme unter Leitung von Robert „Madyar" Brovdi und die Spezialeinheiten. Diese mehrbehördliche Zusammenarbeit unterstreicht die strategische Bedeutung, die Kiew dem Angriff auf russische Energieinfrastruktur beimisst.

Planung und Durchführung

Der französische Open‑Source‑Analyst Clément Molin wies darauf hin, dass Moskau etwa 140 Luftverteidigungssysteme betreibe, was jede erfolgreiche Durchdringung zu einer bedeutenden technischen Leistung mache. Rybars Zeitplan legt eine "Sättigungsphase" bereits am Donnerstag, dem 17. September, nahe, in der ukrainische Drohnen zur Kartierung von Radar‑ und Raketenstellungen eingesetzt wurden. Diese frühen Flüge dienten vermutlich der Aufklärung und lieferten Daten für den finalen Angriffsplan.

Am Sonntag erfolgte der Angriff in mehreren Wellen. Die erste Welle, so Rybar, diente als Lockvogel, zog Feuer an und deckte die Standorte russischer Batterien auf. Der Hauptschlag kam in der dritten und vierten Welle, als die Mehrheit der Drohnen und Raketen auf ihre Ziele zusteuerte.

Visuelle Beweise und unmittelbare Schäden

Auf Social‑Media‑Plattformen zeigten Aufnahmen die brennende Kapotnya‑Raffinerie mit hohen Flammensäulen und einem auffälligen Netz aus Anti‑Drohnen‑Draht, das das Werk umgab. Trotz des Netzes drangen zumindest einige Drohnen in das Gelände ein und trafen die beiden Hauptverarbeitungseinheiten ELOU‑AVT‑6 und KUPN, wobei das von dem ukrainischen Kiberboroshno‑Account berichtete „sehr schwere" Schäden verursachte.

Russische Reaktion

Staatliche Medien wie Rybar und der Kanal Two Majors lobten das Luftverteidigungssystem der Hauptstadt und behaupteten, alle acht Flamingo‑Raketen seien abgefangen worden und die Mehrheit der Drohnen abgeschossen. Aufnahmen vom Boden zeigten jedoch mehrere abstürzende Drohnen in der Stadt und ein Pantsir‑S1‑System, das eine Rakete abfeuerte, die die Motorhaube eines Autos auf einer stark befahrenen Autobahn traf.

Die Raffinerie erlitt zwar keinen großflächigen Tankbrand, doch die Schäden reichten aus, um die Verarbeitung in den betroffenen Einheiten zu stoppen. Ukrainische Quellen argumentieren, dass der gleichzeitige Treffer beider Linien zu einer vorübergehenden Abschaltung führen könne, selbst wenn der Rest des Werks weiterläuft. Reuters berichtete zunächst, dass die Anlage für den Rest des Jahres offline bleiben würde, später wurde jedoch mitgeteilt, dass russische Techniker sie früher als erwartet wieder in Betrieb genommen hätten, weil die beschädigten Komponenten schnell repariert worden seien.

Das ukrainische Rüstungsunternehmen FirePoint schätzte, dass der Anteil der russischen Raffineriekapazität, der nach dem Angriff offline war, von 10 % auf 14 % gestiegen sei. Der Zeitpunkt ist kritisch: Russland kämpft mit einer erneuten Kraftstoffknappheit, die Benzinpreise in mehreren Regionen auf Rekordhöhen trieb und Beschränkungen wie ein 30‑Liter‑Pro‑Betankungslimit in der Oblast Leningrad nach sich zog.

Strategische Bedeutung für die Energieschlacht

Im September wurden bereits 23 Angriffe auf russische Raffinerien verzeichnet, laut Molins Zählung. Der Schlag auf Kapotnya fügt sich in ein Muster ukrainischer Operationen ein, die die russische Treibstoffversorgung schwächen wollen, ein Ansatz mit militärischen und wirtschaftlichen Dimensionen. Durch das Anvisieren von Verarbeitungseinheiten statt von Lagertanks zielt Kiew offenbar auf langfristige Störungen statt auf kurzfristige Feuerstürme.

Kostenaspekte spielen ebenfalls eine Rolle: Ein einzelner Pantsir‑Missile kann bis zu viermal so viel kosten wie eine FP‑1‑Drohne. Wenn russische Luftverteidigungssysteme wiederholt auf günstige, verbrauchbare Drohnen schießen müssen, könnte die finanzielle Belastung für Moskau untragbar werden, gerade weil das Kriegbudget zunehmend unter Druck steht.

Europäische Perspektive

Die Angriffe werfen Fragen zur Energiesicherheit des Kontinents auf. Obwohl die EU ihre Abhängigkeit von russischem Öl und Gas reduziert hat, können die Folgewirkungen eines destabilisierten russischen Kraftstoffmarktes die globalen Ölpreise beeinflussen und damit Haushalte sowie Transportkosten in Europa belasten.

Politischer Kontext und diplomatische Initiativen

Am selben Tag des Angriffs forderte Präsident Selenskyj ein Waffenstillstand zu Energie‑ und Ernährungssicherheitsfragen und erklärte, dass "Schritte zur Entspannung auf dem Tisch liegen". Russische Beamte wiesen den Vorschlag bislang zurück und hielten an einer harten Haltung gegenüber Verhandlungen fest, die als Zugeständnis an die Ukraine interpretiert werden könnten.

Der Zeitpunkt des Angriffs, unmittelbar vor der Parlamentswahl, wurde von russischer Propaganda genutzt, um Kiew als Störfaktor darzustellen. Unabhängige Analysten betonen jedoch, dass das gewählte Ziel, eine strategische Raffinerie, wenig mit Wahllokalen zu tun habe und die Vorbereitung Wochen gedauert habe, sodass ein spontanes politisches Stunt‑Manöver unwahrscheinlich sei.

Parallele Entwicklungen an der Front

Während der Luftangriff die Schlagzeilen dominierte, gab die Ukraine neue Details zu ihrer "Operation Vivaldi" im Osten bekannt. Der 3. Armeekorps meldete die Befreiung der Dörfer Schandryholove und Derylove sowie die vollständige Kontrolle über Drobyshove, wodurch das von der Ukraine verwaltete Gebiet um etwa 125 km² erweitert wurde.

Karten des DeepState‑UA‑Accounts, bestätigt durch den russischen Rybar‑Kanal, zeigen ukrainische Truppen, die den Fluss Zherebets überqueren und Teile der Oblast Luhansk zurückerobern, die Russland zuvor als erobert bezeichnet hatte. Diese Bodengewinne stehen im Gegensatz zu Aussagen des russischen Verteidigungsministeriums, das behauptet, russische Truppen säuberten noch "einzelne ukrainische Soldaten" aus Wohngebieten in Lyman und Sviatohirsk.

Satellitenbilder des ukrainischen Kiberboroshno‑Accounts belegen die Zerstörung mehrerer russischer Flugzeuge auf einem Flugplatz in Rostow‑on‑Don, darunter zwei Mi‑8‑Hubschrauber, ein An‑12‑Transport und ein An‑26‑Transport. Der Flugplatz liegt etwa 230 km von der Frontlinie entfernt und verdeutlicht die Reichweite ukrainischer Schlagkraft.

Verluste an Ausrüstung und Gesamtkontext des Krieges

Das Open‑Source‑Projekt Oryx, das verifizierte Verluste anhand von Foto‑Beweisen dokumentiert, verzeichnet bis zum 21. September 24.098 schwere russische Geräte, darunter 4.447 Panzer, von denen 3.352 im Kampf zerstört wurden. Die ukrainischen Verluste betragen 12.143 Geräte, darunter 1.462 Panzer, von denen 1.120 zerstört wurden.

Diese Zahlen geben Aufschluss über die Materialintensität des Konflikts, erfassen jedoch nicht die menschlichen Kosten oder die wirtschaftliche Belastung von Gesellschaften, die bereits mit Inflation, Energieknappheit und den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen haben.

Ausblick

Der Moskauer Angriff zeigt, dass die Ukraine in der Lage ist, große Mengen unbemannter Systeme zu bündeln und zu koordinieren, um selbst stark befestigte Luftverteidigungszonen zu überlasten. Ob diese Fähigkeit zu einem dauerhaften Druck auf die russische Energieinfrastruktur führt, bleibt abzuwarten, doch der Vorfall hat Moskau bereits gezwungen, zusätzliche Ressourcen zum Schutz kritischer Anlagen bereitzustellen.

Für europäische Beobachter unterstreicht der Angriff die Notwendigkeit, Energiequellen zu diversifizieren und in resiliente Infrastruktur zu investieren. Im fünften Kriegsjahr wird das Zusammenspiel von militärischen Aktionen und Energiemärkten die politischen Debatten in Brüssel, Berlin und darüber hinaus weiter prägen.

Kurzfristig dürften russische Behörden die Anti‑Drohnen‑Maßnahmen rund um Schlüsselanlagen verstärken, etwa durch vermehrten Einsatz von Netzen und elektronischer Störung. Gleichzeitig scheint Kiew entschlossen, die logistische Rückgrat der russischen Kriegsmaschinerie weiter anzugreifen, ein Vorgehen, das Kraftstoffknappheit verschärfen und die Lebenshaltungskosten für gewöhnliche Russen erhöhen könnte, was wiederum die öffentliche Stimmung zum Krieg beeinflussen dürfte.

Beide Seiten beobachten die kommenden Wintermonate genau. Die Ukraine fordert wiederholt einen Waffenstillstand aus Energie‑ und Ernährungssicherheitsgründen, Russland hat bislang jede Initiative abgelehnt. Während der Konflikt weiterzieht, bleibt das Gleichgewicht zwischen militärischen Zielen, zivilem Leid und diplomatischen Angeboten ein sensibles und umkämpftes Feld.

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